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Auf Wuppertals Autobahnen: Wenn Gaffer im Lkw das Handy zücken

Autobahn : Wenn Gaffer im Lkw das Handy zücken

Polizei und Feuerwehr müssen sich vermehrt mit filmenden Unbeteiligten auseinandersetzen. Die Beamten behalten Smartphones mittlerweile teils monatelang ein.

Die Digitalisierung hat das Gaffer-Phänomen auf ein neues Level gehoben. Wie die Polizei der WZ berichtet, filmen immer mehr Menschen bei Unfällen und anderen Notfällen mit ihrem Smartphone – auch als Fahrer. Mittlerweile geht die Autobahnpolizei Dortmund, die auch für einen Teil der Wuppertaler Autobahnen zuständig ist, knallhart gegen solche Gaffer vor.

Polizeisprecher Peter Bandermann berichtet: „Ein Team, dass nach schweren Unfällen ausschließlich dafür eingesetzt ist, Gaffer aufzuspüren, setzt die Polizei so oft wie möglich ein.“ In mehreren Fällen habe die Autobahnpolizei in jüngerer Zeit Smartphones sichergestellt, da die Geräte und die Aufzeichnungen als wichtige Beweismittel eingestuft werden. So geht auch die Wuppertaler Polizei vor. Das dürfte für die Täter dann auch einen pädagogischen Effekt haben, denn Bandermann sagt: „Bis die Beschuldigten die Geräte zurückbekommen, vergehen Wochen und Monate.“

Die Hemmschwelle fürs Filmen am Steuer ist gesunken. Die Autobahnpolizei berichtet von unfassbaren Szenen. „Gaffer fotografieren und filmen nicht nur auf der Spur, auf der sich der Unfall ereignet hat, sondern auch aus dem Gegenverkehr heraus“, sagt Bandermann. Das sei gefährlich, denn solche Fahrer werden automatisch langsamer und provozieren weitere Unfälle. Polizeibeamtin Cornelia Weigandt sagt: „Die fahren teilweise in Schlangenlinien. Da entstehen gerade im Gegenverkehr ganz brenzlige Situationen.“ Die Beamtin erinnert: Wer bei 50 km/h nur eine Sekunde auf sein Handy schaut, fährt 15 Meter blind – und niemand filmt nur eine Sekunde.

Ein Handyvideo vom Lenkrad aus ist kein Kavaliersdelikt. Wer im Vorbeifahren fotografiert oder filmt, auf den wartet erst einmal eine Strafe von 100 Euro und ein Punkt in Flensburg. Weigandt sagt: „Wir fotografieren mittlerweile zurück.“ Zudem ist es auch eine Straftat, eine verunglückte Person zu filmen oder zu fotografieren. Peter Bandermann sagt: „Das greift in den höchstpersönlichen Lebensbereich des Unfallopfers ein.“ Die Polizei schreibt Anzeigen, ein Gericht kann eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren verhängen.

„Für Angehörige muss
es unerträglich sein“

Der Schaden, den Handyfilmer bei den Opfern anrichten, ist immens. Denn in vielen Fällen wird nicht für den „Privatgebrauch“ dokumentiert, sondern für Facebook, Instagram und Co. Bandermann sagt: „Für Angehörige und Freunde muss es unerträglich sein, wenn sie die Unfallbilder eines nahestehenden Menschen in sozialen Netzwerken entdecken und möglicherweise auch noch respektlose und schamlose Kommentare lesen müssen.“

An einen besonders schlimmen Fall im Zusammenhang mit Handyvideos erinnert sich Polizistin Cornelia Weigandt. So kam es auf der A46 vor zwei bis drei Jahren zu einem tödlichen Autounfall, bei dem zwei Brüder ums Leben kamen. Weigandt sagt: „Gaffer haben vor Ort gefilmt, so dass sich die Bilder vom Unfall direkt im Internet verbreiteten.“ Plötzlich tauchten die Eltern der Opfer am Unfallort auf – bevor die Polizei sie informieren konnte. Das sei eine ganz schlimme Situation für alle Beteiligten vor Ort gewesen.

Bandermann berichtet von einem Unfall mit einem Familienvater, der auf der Autobahn reanimiert wurde und schließlich verstarb. Auf der Gegenfahrbahn hätten Gaffer stark abgebremst, um das Geschehen besser filmen zu können. Der Polizeisprecher sagt: „Gaffer sollten sich fragen, wie sie sich selbst fühlen würden, wenn sie hilflos auf der Straße liegen und Schaulustige die Situation filmen. Die Kameralinse eines Smartphones sollte nicht das letzte sein, was ein Sterbender sieht.“

Trotzdem ist der Griff zum Smartphone ein Reflex bei den Menschen geworden. Jan Battenberg, Sprecher der Wuppertaler Polizei, kann auch für die Einsätze sprechen, die außerhalb der Autobahn stattfinden: „Wir nehmen wahr, dass es mehr wird.“ Das teilte der WZ auch die Feuerwehr mit Zahlen zu „Gaffer-Fällen“ zählt aber weder die Statistik der Autobahnpolizei, noch die der Beamten aus Wuppertal.

Es sei nicht immer so einfach, den Gaffern vor Ort Herr zu werden. Das berichtet etwa die Wuppertaler Feuerwehr. Sprecher Roland Volke sagt: „In der Regel haben wir wenig Zeit, um uns den Zuschauern zu widmen.“ Es gebe sogar einige, die bei Bränden das Flatterband ignorieren oder Absperrungen zur Seite räumen. Solche Leute seien meist so „unumgänglich“, dass die Polizei zur Hilfe gerufen wird. Volke sagt: „Wir wollen dann nicht noch die Faust auf dem Auge haben.“