Freizeit: Auf den Spuren von gelebten Utopien

Freizeit : Auf den Spuren von gelebten Utopien

Die Börse lädt zu Radtouren ein und widmet sich dem Thema „Ernährung“.

Elberfeld.. Von Michael Bosse

Parzellen für Hobbygärtner aus der Großstadt, freilaufende Hühner, die im Wohnwagen leben, oder eine Blumenwiese zur Selbstbedienung — mit der Frage, wie ein konventioneller Bauernhof mit unkonventionellen Angeboten Kunden locken kann, hat sich am Samstag die erste von sechs geplanten Radtouren des Kommunikations- und Kulturzentrums „Die Börde“ befasst. Auf dem Hof Gut zur Linden am Rande von Vohwinkel informierten sich rund 30 Teilnehmer über aktuelle Erzeugungs- und Vermarktungsstrategien in der Landwirtschaft.

Zuvor war die Gruppe von der „Börse“ aus über die Nordbahntrasse und zwischen Feldern hindurch zum Gut zur Linden gefahren. Etwa 20 Kilometer betrug die Strecke in einer Richtung, angesichts des sonnigen Wetters war die Etappe für die Teilnehmer leicht zu meistern. Mit den Radtouren, die unter anderem von Vereinen wie dem Grünen Weg oder dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) unterstützt werden, will sich die „Börse“ mit dem Thema Ernährung und Biodiversität befassen, sagte der Bildungsreferent des Kommunikationszentrums, Lothar Jessen. „Wir hatten uns gedacht, wir machen mal was anders als eine Diskussionsrunde.“

Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, „gelebte Utopien“ vorzustellen und Menschen zu besuchen, die alternative Wege in Leben und Arbeit gehen. Zudem gibt es bei jedem Termin ein kleines Konzert für die Teilnehmer. Am Samstag spielte der Wuppertaler Musiker Tom Taschenmesser unter dem Motto „Volles Korn“ auf.

Die erste Radtour stand unter dem Motto „Gartenlust am Rande der Stadt“ und ging der Frage nach, wie sich die Landwirtschaft heutzutage auf die Bedürfnisse von Stadtbewohnern einstellen kann. Als Führerin geleitete Seniorchefin Irmgard Bröcker die Gruppe über den Hof. Erste Station war ein Wohnwagen, der in einem eingezäunten Bereich am Rande des Hofes steht, und in dem Hühner untergebracht sind, um dort Dinkel-Freiland-Eier zu legen. Das Besondere: Die Tiere können die Eier in Dinkelspelzen abgelegen, Schäden an den Eiern werden damit verhindert, erklärte Bröcker. Etwa 280 Hühner hat der Hof derzeit, die Eier werden direkt vor Ort verkauft.

Eine große Nachfrage gibt es auch für die Gemüsegärten, die für Hobbygärtner vom Hof angeboten werden. Über den Verein Neue Arbeit Neue Kultur Bergische Region wurde das Projekt mit dem Namen „Gartenlust“ vor vier Jahren initiiert. Mittlerweile gibt es 50 Parzellen mit jeweils 50 Quadratmetern für Freizeitgärtner, die dort unter anderem Salat, Kohlrabi, Porree oder Zucchini anpflanzen können. „Man ist immer wieder erstaunt, wenn man sieht, welche Vielfalt dort entsteht“, betonte Seniorchefin Bröcker. Die Hobbygärtner seien frei in der Bewirtschaftung des Gartens. „Sie müssen nur sehen, dass das Unkraut da nicht zu hoch steht.“

Für die Teilnehmer waren die Hobbygärten ein willkommenes Fotomotiv mit dem Smartphone. Auch Kerstin Ahrens rückte die Feldfürchte in den Fokus. „Die Fotos sind für mich selbst — zur Inspiration“, sagte sie. Die Radtour und den Besuch auf dem Bauernhof fand sie gut, weil es wichtig sei, sich in Sachen Ernährung zu informieren und zu erfahren, wo das Essen herkommt.

Den achtjährigen Anton interessierten dagegen eher die Blumenfelder, die für Selbstpflücker gegen Entgelt zur Verfügung stehen. Der Junge ging schnurstracks zu einer roten Sonnenblume und ließ sich die Blüte für seine Oma Luzia Kandolf abschneiden. Die freute sich über die Zuwendung des Enkels. Gemeinsam mit ihrer Tochter und zwei Enkeln hatte sich Kandolf auf den Weg gemacht. Das Gut zur Linden sei ein „schönes Ziel in der Umgebung“, sagt die Ronsdorferin.

Angetan von der Radtour war auch Robin, der extra aus Remscheid den Weg nach Wuppertal gefunden hatte, um mitzufahren. „Die Strecke war super“, sagte er. Bislang habe er die Nordbahntrasse gar nicht gekannt. Etwas kritischer sah er dagegen die Rindermast auf dem Hof — als Vegetarier kann er sich mit dieser Art der Tierhaltung nicht anfreunden.

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