Auf dem Neumarkt wurde über Jahre in gelben Zellen telefoniert. Das hatte seine Tücken.

Telefonzellen : Erst musste der Groschen gefallen sein

Auf dem Neumarkt wurde über Jahre in diesen gelben Zellen telefoniert. Das hatte seine Tücken.

„Fasse dich kurz.“ In Zeiten des Smartphones mit Flatrate-Tarifen hört man diesen Satz immer seltener. In einigen Telefonzellen stand diese Aufforderung sogar auf ein Schild geschrieben. Klar, draußen wartete vielleicht schon ein Ungeduldiger darauf, einen dringenden Anruf zu tätigen. Telefonzellen gehörten noch vor 20 Jahren fest zur Ausstattung des öffentlichen Raums wie Straßenlaternen und Mülleimer.

Das Stadtbild in Elberfeld prägte über Jahrzehnte eine Telefonzellen-Batterie mit vier Einheiten am Neumarkt. Sie waren gelb und wirkten so als könnten es die kleinen gelben Kinder der Schwebebahn sein. Dass sie direkt an den Treppen zu den öffentlichen Toiletten standen, schützte sie wie viele Telefonzellen nicht davor, sich ab und zu einen üblen Urin-Geruch einzufangen. Trotzdem führte es die Menschen immer wieder aus der Notwendigkeit heraus in die Zelle, in der auch gerne mal das Telefonbuch herausgerissen oder der Hörer abgeschnitten war.

WZ-Fotograf Kurt Keil, der die Elberfelder Telefonzellen im Bild festgehalten hat, verbrachte selbst aus beruflichen Gründen viel Zeit in den urbanen Treibhäuschen, in denen stets ein vernünftiger Sicherheitsabstand zwischen Mund und Sprechmuschel zu empfehlen war. Schließlich erinnerte das Mundstück oftmals nicht nur optisch an ein Abflusssieb. Kurt Keil denkt an den Kampf mit den Münzen zurück: „Man musste zwei Groschen in den Schlitz schmeißen, um ein Ortsgespräch führen zu können. Bei einem Ferngespräch war man immer mit einer Hand beschäftigt, Geld nach zu legen.“ Trotzdem sei das Telefonieren nicht so einfach gewesen. „Die Groschen fielen schon mal durch.“

Damit Kurt Keil mit der WZ-Redaktion im ständigen Austausch sein konnte, fuhr er regelmäßig zurück ins Pressehaus. Der sogenannte „Europiepser“ war da schon eine Hilfe. Er hatte vier Lampen. Und je nachdem, welche aufleuchtete, handelte es sich um den Lokalchef, die Redaktion, den Sport oder die Frau daheim. Doch Nachrichten empfing Keil mit dem Gerät nicht. Der Piepser piepste – das war’s. Für Kurt Keil hieß das lediglich, dass er möglichst schnell eine Telefonzelle aufsuchen musste, um den Absender anzurufen. Die wichtigen Nummern hatte man besser im Kopf oder in einem Nummernbüchlein notiert. Wie schon erwähnt: Das Telefonbuch in den Zellen war oft verschwunden. Oder noch gemeiner: jemand hatte sich einzelne Seiten „ausgeliehen“.

Als in den 80er Jahren flächendeckend Funktelefone auf den Markt kamen, hatte Keil einen drei bis vier Kilo schweren „Knochen“ auf Terminen dabei. Der weitere Weg führte über klobige Handys zu Klapptelefonen bis zum Smartphone, das heute die Telefonzelle in allen Bereichen abgehängt hat. Die Telekom hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten auf den Trend reagiert und sukzessive die Zellen abgebaut.

Damals wurden 120 Zellen die Woche in Wuppertal produziert

Im Jahr 2000 schrieb das Magazin Spiegel, dass es zu diesem Zeitpunkt 135 000 Telefonzellen gegeben hat. 2008 waren es nach Spiegel-Bericht nur noch 101 000 bundesweit. Diese Zahl ging weiter stark zurück. Aktuell zählt die Telekom selbst knapp 20 000 Telefonzellen bundesweit. Viele sind nicht mehr rentabel.

Schade, denn die Telefonzelle ist ein Wuppertaler Aushängeschild. Seit 1904 stellte die Firma Quante die ersten Häuschen im Tal her. Auch die markante gelbe Optik stammt von hier. Grünen-Ratsherr Klaus Lüdemann, früher selbst bei Quante angestellt, berichtete der WZ: „Bis zu 120 Zellen pro Woche wurden in den Neunzigern hergestellt und an die Telekom geliefert.“ Um die Jahrtausendwende rüstete der Betreiber auf ein magentafarbenes Design um. Den Tod der Telefonzelle hat das auch nicht aufgehalten. Nur wenn beim Smartphone der letzte Ladebalken erloschen ist, schweift der Blick bei der älteren Generation aus Gewohnheit noch einmal umher. Auf der Suche nach einem gelben Häuschen.

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