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Atemspender - Warum Pfingsten das drittgrößte Fest der Christen ist

Kolumne : Atemspender

Es ist Pfingsten, nach Ostern und Weihnachten das dritte große christliche Fest im Jahreskreis. Das Fest, das am 50. Tag nach Ostern begangen wird, ist in manchen Gegenden mit tiefem Brauchtum verbunden.

In den Alpen kennt man etwa den Pfingstochsen – ein besonders prächtiges und herausgeputzt geschmücktes Rindviech, das der Herde vorangeht, wenn die Kühe auf die Weiden und Almen getrieben werden. In unseren Breiten hingegen ist Pfingsten mit eher wenig Folklore verbunden. Vielleicht ist das der Grund, warum Pfingsten nicht nur im hiesigen christlichen Festtagsranking eine eher untergeordnete Rolle zu spielen scheint; auch können viele Passanten auf spontane Anfrage selten sagen, was da an Pfingsten gefeiert wird – entsprechende Videos verursachen vor allem bei gestandenen Christinnen und Christen im Wissen um die eigene Auserwähltheit nicht selten einen Heidenspaß. Was glauben Sie denn?

Tatsächlich könnte aber gerade in der heutigen Zeit das Pfingstfest eine wichtige Rolle spielen. Der Heilige Geist, dessen Herabkunft an Pfingsten erinnert wird, ist ja nicht irgendjemand. Das deutsche Wort „Geist“ mag in der heute gebrauchten Weise sogar irreführend sein, weil es eher etwas Unwirkliches, ja Gespenstisches assoziiert. Tatsächlich aber leitet es sich vom altdeutschen „Gast“ ab: Gott ist nicht nur irgendwo im Himmel, sondern nimmt im Menschen selbst Wohnsitz.

Schon am Beginn der Schöpfungsgeschichte wird beschrieben, wie Gott den Menschen als lehmige, aber leblose Form erschafft: „Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) Es ist die Einhauchung des göttlichen Atems, die lebendig macht. Der Atem ist etwas Unwillkürliches. Sogar im Schlaf atmet man weiter. Etwas hält den Menschen am Leben. Christen erkennen darin Gott, der im Menschen atmet. Genau das ist der Grund, warum Gott als Heiliger Gast, der im Menschen wohnt, verstanden wird – eben der „Heilige Geist“.

Diese Erkenntnis hat Konsequenzen. Für Christen atmet der Heilige Geist in allen Menschen und verleiht ihnen völlig unabhängig von Religion, Nationalität, Geschlecht und Herkunft, eine unaufgebbare Würde. Deshalb können Christen eben nicht gestanden zusehen, wenn andere Menschen in Not geraten – sei es in der Nachbarschaft, in der Fußgängerzone oder im Mittelmeer. Es ist Ehrensache, die Not der leidenden Wohnungen Gottes zu lindern. Nicht umsonst heißen die Sterbehäuser „Hospize“ – das leitet sich vom lateinischen „hospes animae“ ab, dem „Gast der Seele“, eben dem Heiligen Geist.

Aber nicht nur Menschen atmen. Die ganze belebte Schöpfung atmet. Tiere und Pflanzen atmen. So heißt es in dem großen Schöpfungspsalm 104 über die ganze belebte Welt: „Verbirgst du dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub. Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.“ (Ps 104,29f) In Zeiten von Fridays for future und wütenden YouTube-Videos, die ein mangelndes Bewusstsein für den drohenden negativen Klimawandel anklagen, erwächst da gerade für Christen eine besondere Verpflichtung, auf die schon Paulus verweist: „ Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ (Röm 8,22)

Es geht in diesen Zeiten ums Ganze und darin um jedes einzelne Geschöpf. Es geht um die Schöpfung, in deren Anfang schon Gottes Geist über den Wassern schwebte. Es geht um den einzigen Planeten, auf dem die hiesigen Wohnungen Gottes atmen können. Pflanzen, Tiere und Menschen haben keine Alternative. Wer dieses Werk und diese Wohnorte Gottes nicht zerstören will, für den muss Pfingsten ein Aufbruch zur Veränderung sein. Frohe Pfingsten!