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Begrabt mein Herz in Wuppertal: Anne Will mit Aufschnitt

Begrabt mein Herz in Wuppertal : Anne Will mit Aufschnitt

Uwe Becker über ausgeleierte Organe und italienische Salami.

In der letzten Woche ging es in der Metzgerei an der Ecke um das Thema Organspende, wobei einige Kunden über das Für und Wider recht kontrovers diskutierten. Mein erstes Fazit bereits nach wenigen Sekunden: Zwischen Beinscheiben, Rinderlebern und halben Schweinen kann man tatsächlich über alles reden. Die Kundin, die gerade gemischtes Hackfleisch für ihre Frikadellen bestellt hatte („Meine Kinder lieben die!“), will keines ihrer Organe nach ihrem Ableben zur Verfügung stellen, weil sie ja nicht ausschließen könne, dass ihre Niere dann einem Mörder „spendiert“ würde.

„Nein, ich lass mich ganz normal beerdigen, dann haben meine Kinder auch einen Platz zum Trauern, und sie wissen, der Mutti fehlt nichts“, sagte eine andere Frau, die immer mit ihrem Zeigefinger auf die Glasscheibe der Vitrine drückte, um dem Metzger die Wurst zu zeigen, die sie kaufen wollte. Sie hatte ihre Brille vergessen und konnte die Schilder mit den Wurstnamen nicht erkennen: „Von der da möchte ich gerne fünf Scheiben!“ – „Sie meinen die italienische Salami, Frau Grabowski?“ – „Ja, aus Italien, warum nicht, schmeckt die denn auch?“ „Die esse ich selber sehr gerne, Frau Grabowski!“

Der Metzger bleibt immer cool. Ein junger Mann mit seiner Tochter, die vom Metzger eine Scheibe Fleischwurst bekam, würde jedes Organ zur Verfügung stellen: „Ich bin da offen und helfe gerne, nach dem Tod sowieso!“ Ich musste unbedingt die weitere Diskussion aufmerksam verfolgen, aber ich durfte natürlich auch nicht vergessen, was ich einkaufen wollte, da ich den Zettel auf dem Küchentisch zurückließ, auf dem ich alle Wurst- und Fleischwaren penibel notiert hatte.

Als die Dame direkt neben mir kundtat, „Mein Herz will eh keiner, ich hab schon einen Bypass und nehme zehn verschiedene Medikamente am Tag! Mich verbrennen die mit Haut und Haaren!“, lockerte dieser makabere Einwurf die ernste Stimmung ein wenig. Zwei Kunden kicherten gar in sich herein, und selbst das kleine Mädchen, das ihre Wurstscheibe schon verdrückt hatte, lachte laut auf, wusste aber wahrscheinlich nicht worüber.

Inzwischen hatte ich komplett alles vergessen, was ich einkaufen wollte. „So ein Käse“, dachte ich. „Also ich weiß nicht, ob Gott das möchte, aber er hat sich bis dato auch nicht klar dagegen positioniert, oder? Ich glaube, die Seele muss unbeschadet oben im Himmel ankommen, alles andere ist nur Fleisch und daher eh nur begrenzt haltbar und vergänglich“, meinte eine äußerst geschmackvoll gekleidete Frau mittleren Alters, deren Mann vor zwei Jahren, wie ich später erfuhr, um ein Haar bei einer Ballonfahrt ums Leben gekommen wäre.

Das ganze Szenario erinnerte mich an „Anne Will“, nur dass man nebenher noch Aufschnitt kaufen konnte. Am Ende hat sich fast jeder Kunde zum Thema geäußert. Ich bin in der Nachbarschaft eher dafür bekannt, dass ich mich in Fleisch- und Wurstfachgeschäften nur sachorientiert zu meinen Bestellungen äußere.

In meiner Fantasie, die ich natürlich für mich behielt, ging es aber hoch her, da lag die alte Frau Grabowski unbekleidet in der gekühlten Verkaufstheke auf Eis, wie der frische Lachs bei Nordsee am Wall. Die Kunden der Metzgerei waren allesamt Nieren-, Herz- und Lungenkranke, die sich von der Spenderin eine dicke Scheibe abschneiden wollten. In den hinteren Räumen der Metzgerei wurden Unfallopfer von Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes auf die Schlachtbänke und Arbeitsplatten gelegt. Nein, es war furchtbar, aber manchmal geht die Fantasie einfach mit mir durch.

Als ich wieder zu Hause war, fand ich auch den Einkaufszettel, den ich in der Metzgerei dringend benötigt hätte. Aus Verlegenheit erwarb ich daher nur ein Schälchen Kartoffelsalat und eine Flasche Rotwein, die der Metzger seit einiger Zeit freundlicherweise auch im Angebot hatte. Zuhause fiel mir dann auch die Geschichte von Onkel Ernst ein, der seit über 40 Jahren seinen Spenderausweis in einem Brustbeutel bei sich trug. Er zeigte ihn einmal auf dem 90. Geburtstag von Tante Anneliese: „Schaut mal, Kinder, mein Organspendeausweis, den habe ich immer dabei, sieht aber schon arg ausgeleiert aus“, worauf Tante Anneliese dann schlagfertig konterte: „Genau wie deine Organe!“