Angelika Huppertz macht stumme Geschichten lebendig

Angelika Huppertz macht stumme Geschichten lebendig

Die 44-jährige Dolmetscherin für Gebärden hilft gehörlosen Menschen im Alltag.

Wuppertal. Ob Hochzeit, Prüfung, Fortbildung oder Beerdigung - Angelika Huppertz begleitet ihre Klienten in jeder Lebenslage. Die 44-Jährige arbeitet als eine von drei Gebärden-Dolmetscherinnen in Wuppertal. Sie verdeutlichte schon Hebammen, was eine Gebärende wünschte, saß bei einer Fahrstunde auf dem Beifahrersitz eines Treckers und übersetzte die Trauerfeier für Johannes Rau.

„Nur einen Vortrag über Kernphysik habe ich abgelehnt - schließlich muss ich selbst verstehen, worum es geht.“ Und so beugt die Dolmetscherin gleich einem Vorurteil vor: „Die Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache, in der man alles ausdrücken kann.“ Egal, ob Alltag oder philosophische Themen, mit ihren Händen kann Angelika Huppertz über alles reden.

Auf die Idee, die Gebärden zu lernen, kam die Linguistin aus rein sprachlichem Interesse während ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität. „Das hat mich gereizt: Wie kann Grammatik ohne Laut funktionieren?“ Mit ersten Volkshochschulkursen arbeitete sie sich mühselig ein. Logischerweise gibt es kaum schriftliches Material dazu.

„Damals existierten auch noch wenig Videos.“ Als der Landesverband der Gehörlosen in NRW sie fragte, ob sie eine Ausbildung für Gebärdendolmetscher in NRW aufbauen wolle, ließ sie ihre Dissertation über englische Präpositionen liegen und erstellte eineinhalb Jahre lang ein Konzept. „Das war wirklich eine Herausforderung.“

Die Gebärden beherrschten die meisten Anwärter recht gut; doch nun mussten sie auch noch Simultantechniken und Tricks fürs Übersetzen lernen. „Am schwierigsten war es, eine Prüfungsinstanz einzusetzen“, erinnert sich Angelika Huppertz. Die IHK Düsseldorf übernahm schließlich dieses Amt. Nach vier Ausbildungsjahrgängen war das Geld aufgebraucht.

Angelika Huppertz schwankte kurz, ob sie zu ihren Präpositionen zurückkehren sollte, doch die Gebärdensprache war ihr ans Herz gewachsen. Sie entschied sich für die Selbständigkeit. In Nürnberg legte sie nun selbst die von ihr konzipierte Prüfung ab und arbeitet seit 2006 als Dolmetscherin. „Gehörlose haben eine ganz eigene Kultur, eigene Witze, die sich nicht übersetzen lassen“, erzählt sie. Eines der ersten Handys sah sie bei einem Gehörlosen - wegen der SMS.

Nun reist sie von früh bis spät per Bus und Bahn zwischen Solingen, Remscheid und Wuppertal zu Vorstellungsgesprächen, Arztterminen oder Betriebsversammlungen und übersetzt. Häufig ist sie bei der Evangelischen Kirche zu Gast, wo sie etwa Konfirmationen dolmetscht. „Kirche mache ich sehr gerne - das sind so schön bildhafte Geschichten.“

Unvergesslich war für sie der Kirchentag in Köln, wo sie — wie immer schwarz gekleidet ganz vorne, damit sie alle sehen — neben Kardinalen und Politikgrößen stand und vor tausenden von Menschen übersetzte. „Das war wirklich beeindruckend.“ Doch es sind auch viele kleine Erlebnisse, die sie an ihrem abwechslungsreichen Beruf liebt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung