Alte Synagoge in Wuppertal: "Ein kleines deutsches Yad Vashem"

Serie : Alte Synagoge in Wuppertal: "Ein kleines deutsches Yad Vashem"

Vor 25 Jahren wurde die Begegnungsstätte Alte Synagoge eröffnet. Leiterin Ulrike Schrader blickt auf die Planungen zurück.

Auf einer roten Bank gemütlich sitzend, können sich die Gäste des Hauses einen Audioguide ans Ohr halten und für rund 20 Minuten in die Geschichte der Wuppertaler Erinnerungskultur eintauchen: Im Jahr 1986 diskutiert der Stadtrat die Frage, ob, wann und wie an der Stelle der zerstörten Elberfelder Synagoge eine Gedenkstätte errichtet werden soll. Das kleine Hörspiel zitiert nicht nur die damalige Oberbürgermeisterin, sondern auch andere, heute noch bekannte Politiker aus den Reihen von SPD, CDU und FDP. Und, noch ganz neu dabei: die Grünen.

Wer Zeit hat, höre sich das kleine Wortgefecht zwischen der um Ruhe und Ordnung ringenden Ursula Kraus und dem enfant terrible Ferdinand Meinzen an, das in einer Rüge nicht sein Ende fand. Was man heute amüsiert belauschen darf, war damals allerdings bitterer Ernst. Denn das Thema, wie eine Stadt mit ihrer nationalsozialistischen Geschichte umgeht, ließ früher und lässt auch heute keinen Kommunalpolitiker kalt.

Dabei hatte das Ganze in Wuppertal ein bisschen untypisch begonnen: Ausgerechnet ein Abgeordneter der CDU, der 2012 verstorbene Schulleiter und Historiker Ulrich Föhse, stand als Erster im August 1981 mit seiner Fraktion in der Zeitung, um auf den „unwürdigen“ Zustand des Grundstücks aufmerksam zu machen, auf dem von 1865 bis zur Pogromnacht im November 1938 die Synagoge gestanden hatte.

Dort gab es seit 1962 eine Gedenktafel aus Bronze an einem kleinen Mäuerchen, eine Initiative der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Wuppertal. Aber auch die Bronzetafel konnte den Zug des Vergessens nicht aufhalten: wild parkende Autos, Müll, Unkraut und Büsche herrschten über das historisch so bedeutsame Gelände.

Zur selben Zeit begannen sich indes viele Bürger – noch unter dem Einfluss des Medienereignisses „Holocaust“ im Januar 1979 ­– für die Wuppertaler Nazi-Geschichte, für die Juden in Wuppertal zu interessieren.

1981 erschien Kurt Schnörings Buch „Auschwitz begann in Wuppertal“, und 1984, zum 50. Jahrestag der Barmer Bekenntnissynode, der Band „Nationalsozialismus in Wuppertal“, herausgegeben von Prof. Klaus Goebel. Eine große Ausstellung war in der Immanuelskirche zu sehen, auf dem Werth enthüllte man eine Skulptur von Ulle Hees zur Erinnerung an die Theologische Erklärung. Seit 1986 steht auf dem Bahnhof Steinbeck ein Obelisk zur Erinnerung an die Deportationen der Juden.

Und nun der Streit im Ratssaal! Im Blick zurück ist der Konsens, den die Oberbürgermeisterin mit ihrer besonnenen Moderation im Dezember 1986 dann doch herbeiführen konnte, ein Segen. Auch damals wurde schon deutlich, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und die Beschäftigung mit der NS-Geschichte nicht Spielball von Fraktionsstreit werden dürfen.

Die Probleme hörten trotzdem nicht auf, denn nun ging es um das wann und wie. 1988, der 50. Jahrestag der Novemberpogrome, erschien als passendes Datum für eine Eröffnung. Erst 1991 war der erste Spatenstich. Die Zeitplanung blieb bis zum Schluss ein Zankapfel zwischen der ungeduldigen Öffentlichkeit und den Verantwortlichen aus Politik und der nun zusammengerufenen „Baukommission“.

Für die bauliche Gestaltung der Gedenkstätte wurden Architekten eingeladen, Entwürfe vorzustellen. Ein Team um den Kölner Architekten Peter Busmann mit Volker Püschel (Gartenarchitekt) und Zbyszek Oksiuta (Künstler) gewann.

Ihr Entwurf sah ein Ensemble strenger, geometrischer Formen vor, die man heute gut erkennen kann: ein Würfel als dominantes Haupthaus, außen aus rotem Ziegelstein, innen sehr weiß und hell, ein Zylinder, von außen mit einer Bleischicht umhüllt, und ein lang gestrecktes ebenerdiges Sichtbetonhaus.

Die Ruine ist das authentische Relikt der Synagoge

Der Garten bezieht auch das Nachbargrundstück mit ein – eine Streuobstwiese mit zehn Apfelbäumen und im hinteren Bereich eine kleine Akazie, die sich in 25 Jahren zu einem Baumriesen mit mächtiger Krone entwickelt hat.

An der rekonstruierten Krugmannsgasse, parallel zur Kleinen Klotzbahn, zitiert eine schräge Fassade die Mietshäuser, die früher dort standen. Aber das Herzstück des ganzen Ensembles ist die Ruine der nördlichen Kellermauer, die von der Genügsamkeitstraße aus gut zu sehen ist. Diese Ruine ist das authentische Relikt der Synagoge.

Über die Frage der Nutzung gab es heftige Diskussionen. Die Architekten waren sehr streng, wünschten keine Dekoration und lehnten im Grunde jede inhaltliche Ausgestaltung ab. „Gehen, sehen, hören“ sollten die künftigen Besucherinnen und Besucher, und der einzige optische Blickfang würde ein Bibelvers in hebräischer Schrift mit seiner deutschen Übersetzung sein.

Es wundert nicht, dass der im Sommer 1993 aus der Baukommission hervorgegangene Trägerverein mit dieser Zweckbestimmung seine Schwierigkeiten hatte. Wie sollte mit solcher Nüchternheit die Vereinssatzung erfüllt werden, „an die jüdische Gemeinde, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus, zu erinnern“, wenn man noch nicht einmal eine Wechselausstellung zeigen und auch sonst nichts verändern darf?

Im Jahr 2011 setzte sich der Verein über solche Skrupel hinweg. Er richtete eine Dauerausstellung ein, um endlich die Schätze aus seinem mittlerweile übervollen Archiv zeigen zu können. Die Besucherzahlen bestätigen die Richtigkeit dieser Entscheidung, und die Nachfahren der früheren Wuppertaler Juden sind sehr zufrieden, wie die Begegnungsstätte ihre Objekte und Dokumente ausstellt und in der pädagogischen Arbeit nutzt.

Das Haus hat sich längst nicht nur als – wie es anfangs mal hieß – „kleines deutsches Yad Vashem“ etabliert, sondern vielmehr als kleines, aber lebendiges jüdisches Museum in der Bergischen Region. Im April dieses Jahres wird es 25 Jahre alt.

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