Als Wuppertal eine eigene Universität bekam

90 Wuppertaler Jahre : Als Wuppertal eine eigene Universität bekam

Die Uni ist heute ein Leuchtturm in der Stadt. Sie wurde 1972 als Gesamthochschule gegründet – nicht ohne Widerstand.

23 000 Studierende, 3651 Beschäftigte – allein mit diesen Zahlen ist die Bergische Universität eine Größe in der Stadt. Optisch natürlich auch, wenn man die Bauten auf dem Grifflenberg von der Elberfelder Innenstadt aus sieht, beleuchtet durch das Metalicht von Konzeptkünstler Mischa Kuball. Darüber hinaus macht die Uni die Stadt erst zur Universitätsstadt, sie hat also auch symbolische Wirkung für die Stadt und ist durch viele Kooperationen auch fester Bestandteil der regionalen Wirtschaft. Die Uni ist nicht wegzudenken. Dabei ist sie keine Traditionsuni, keine alteingesessene Institution. Sie ist keine 50 Jahre alt.

1972 hat Wuppertal die Uni, damals als Gesamthochschule, bekommen. Am 1. August wurde die Gesamthochschule Wuppertal offiziell gegründet. Am 3. August erklärte sie Wissenschaftsminister Johannes Rau für eröffnet. Rau hatte schon 1966 als SPD-Ratsfraktionsvorsitzender und Landtagsabgeordneter gefordert, Wuppertal zum Hochschulstandort zu machen. 1969 als Oberbürgermeister untermauerte er die Forderung mit einem Schreiben an Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD).

Wuppertal war nicht die einzige Stadt, die 1972 eine Hochschule bekommen sollte. Daneben wurden auch Hochschulen in Duisburg, Essen, Paderborn und Siegen gegründet. Das Bestreben zu mehr Hochschulen rührte aus der Situation, die der Philosoph und Pädagoge Georg Picht 1964 als „deutsche Bildungskatastrophe“ betitelte: Ohne Steigerung der Bildungsausgaben drohe ein wirtschaftlicher Einbruch, schrieb er damals.

Johannes Rau gilt als maßgeblicher Antreiber der Bestrebungen nach mehr Hochschulen in NRW. Aber in Wuppertal gingen die Wünsche auch von anderen Seiten aus. Klaus Peters, Kanzler der Uni von 1972 bis 2001, berichtet, dass der Wunsch nach einer Uni schon früh geäußert worden war. So sei die Arbeiterschaft hier sehr bildungsfreundlich gewesen, die obere Mittelschicht sehr kulturzugewandt – mehrere Anstöße, eine Uni zu gründen, in Denkschriften veröffentlicht, belegen das. Letztlich sei auch der Rat der Idee sehr zugetan gewesen, erinnert er sich.

Für die Stadt bedeutete eine Hochschule eben auch eine neue Ausrichtung. Peters sagt, das Textilsterben habe hinter der Stadt gelegen, die Bundesbahndirektion sei nach Essen verlegt worden. Eine Universität sei als „adäquater Ersatz“ gesehen worden. Auch wollte man die Bildungsbeteiligung der jungen Leute stärken - nicht nur in Wuppertal. Aber: „Wuppertal hatte ein sehr gutes Schulwesen. Doch nur fünf Prozent der Schüler machten Abitur“, erinnert sich Peters. Die Gründung der Uni sollte „Aufforderungscharakter haben“ – dafür seien Standort und Erscheinung eben auch entscheidend gewesen. Die Uni wurde auch deswegen als „städtebauliche Dominante“ gebaut. Nicht „klein und niedrig“.

Der Standort war ein Streitpunkt, wie sich Peters erinnert. Neben dem Grifflenberg seien etwa die Hardt, der Steinbecker Bahnhof oder auch Lichtscheid im Gespräch gewesen. Damals galt das Areal auf dem Grifflenberg als Frischluftschneise. Eine Bebauung hätten Anlieger aus der Südstadt verhindern wollen. Sie klagten und zogen bis vor das Oberverwaltungsgericht Münster. „Die Leute waren in Sorge um ihre Häuser“, sagt Peters, das Anliegen sei verständlich gewesen. Er sieht den Prozess als einen der ersten großen Umweltprozesse. Trotzdem: Die Kläger unterlagen weitgehend. Die Uni wurde gebaut. Dort wo 1969 die Ingenieurschule und spätere Fachhochschule gebaut wurde. 1977 wurden die Neubauten am Grifflenberg bezogen.

Die Uni hatte schnell einen guten Ruf und Erfolge vorzuweisen

Im August 1971 waren die Staatlichen Ingenieurschulen für Maschinenwesen und Elektrotechnik in Wuppertal und Remscheid, die Textilingenieurschule, die Staatliche Ingenieurschule für das Bauwesen, die Werkkunstschule Wuppertal und die Höhere Fachschule für die Grafische Industrie zur Fachhochschule Wuppertal zusammengefasst worden. Mit Gründung der Gesamthochschule kam die Pädagogische Hochschule dazu. Hinzu kamen die Fachrichtungen Literatur und Philosophie sowie Mathematik, Physik und Chemie.

Die Uni erarbeitete sich schnell einen guten Ruf. Viele junge Dozenten, die noch keine Vollprofessur inne gehabt hätten, hätten sich mit viel Eifer in die Forschung gestürzt und für „forschungszugewiesenen Glanz“ gesorgt, so Peters. Gründungsrektor Rainer Gruenter habe diese Ausrichtung vorgegeben und darauf hingewirkt.

Mit Erfolg. 1980 erhält die Bergische Universität als erste Gesamthochschule einen DFG-Sonderforschungsbereich im Fachbereich Chemie. 1983 erhält der Wuppertaler Mathematiker Professor Dr. Gerd Faltings, als mit 28 Jahren jüngster Mathematikprofessor Deutschlands, die dem Nobelpreis ebenbürtige „Fields-Medaille”.

Die Zahlen der Studierenden stiegen seit Gründung kontinuierlich. 1972 war sie mit 3473 Studenten gestartet. 1978 waren es bereits 7000 Studierende, 1982 schon 11 000, 1989 dann 16 000. Heute sind es rund 23 000 Studenten.

Auch die Gebäude wurden mehr. 1991 wurde die Pauluskirche angemietet, 1999 der neue Campus Freudenberg in Betrieb genommen. Auf dem Campus Grifflenberg entstanden neue Gebäude, die Bibliothek wurde erweitert – die Uni bleibt in Bewegung.

Peters sagt, aus seiner Sicht, gehöre die Uni ganz selbstverständlich zu Wuppertal. Denn eigentlich hätte eine Universität schon vor der Gründung hierher gepasst. Dennoch erinnert sich Peters, dass von Politikern in den frühen Zeiten auch mal beklagt worden sei, dass die Professoren nicht auf die Stadt zugingen. Er habe dann gesagt: „Die Güte der Hochschule hängt nicht von den Verbindungen zur Stadt ab, sondern von den Verbindungen zur Welt.“

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