Kunstwerk: Als Uecker die Zerstörung der Umwelt an den Pranger stellte

Kunstwerk : Als Uecker die Zerstörung der Umwelt an den Pranger stellte

Galeristin Annelie Brusten holte den Nagelkünstler nach Wuppertal, wo er aus einer kranken Ulme ein Kunstwerk schuf.

Es war ein grauer Tag im Herbst des Jahres 1983, an dem die Idee für ein Kunstwerk entstand, das eine besondere Entstehungsgeschichte erleben und über die Grenzen Wuppertals hinaus bekannt werden sollte. Das den Zerokünstler und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, Günther Uecker, in einen kleinen, neoklassizistischen Pavillon aus dem späten 19. Jahrhundert führte, wo er zehn Tage lang Schwerstarbeit leistete. Der damals schon für seine Nagelbilder und -reliefs bekannte Künstler aus dem mecklenburgischen Wustrow schuf hier seinen „Kunstpranger“, eine mit Nägeln bekrönte Ulme. „Es war der erste Baum, den er bearbeitete“, erinnert sich Annelie Brusten, die maßgeblich an der Erschaffung des Kunstwerks beteiligt war.
Hätte die Wahl-Wuppertalerin aus Duisburg nicht an jenem Tag aus dem Fenster des Pavillons geschaut, indem sie damals ihre Galerie für zeitgenössische Kunst führte, hätte sie auch nicht die Forstarbeiter bemerkt, die im oberhalb gelegenen Klophauspark eine stattliche Ulme markierten. Mit ihrem Tun ihre Neugier weckten. Und so erfuhr sie, dass der über 20 Meter hohe Baum ein Opfer des Borkenkäfers geworden und krank war, nun gefällt werden und in der Verbrennungsanlage zum Heizen des Mülls landen sollte. „Ich ging zurück in den Pavillon und hatte damals so etwas wie einen Flow. Ich dachte, dass niemand anders damit so umgehen konnte wie Uecker“, erinnert sich die heute 67-Jährige, die als ehemalige Studentin der Kunstakademie und regelmäßige Besucherin der Akademie-Rundgänge guten Kontakt zu Uecker und seiner Klasse hatte. Sie fuhr in sein Atelier, sprach mit ihm. „Und er kam, holte sich einen Pinsel, markierte einen etwa drei Meter langen Abschnitt am Stamm“. Dann fuhr er wieder, ließ aber seinen Schüler, Herbert Koller, da, der fotografieren sollte, was dann geschah. Seine Aufnahmen sind nebst handschriftlichen Gedanken Ueckers in dem kleinen Ausstellungskatalog „Kunstpranger“ enthalten, den Annelie Brusten später in einer Auflage von 250 Stück herausgab. Der Band machte die Entstehung des Kunstwerks nachträglich zu einer Art Performance.

Doch der Reihe nach. Zunächst schickten sich etwa zehn Forstarbeiter an, den Baum zu fällen und das von Uecker gewünschte Baumstück herauszutrennen. Sie rollten das tonnenschwere Stück in den Pavillon und richteten es mühsam mit Palletten und Seilen in der Mitte des Pavillons auf. Ein schwieriges und durchaus nicht risikoloses Unterfangen, das sie ohne Helm und andere Absicherungen erledigten. „Zum Glück waren sie mir zugewandt“, schmunzelt Brusten und erzählt vom Anruf eines städtischen Mitarbeiters am nächsten Tag, der ihr die ungenehmigte Zweckentfremdung vorwarf. „Dabei waren die Forstarbeiter so begeistert, und wollten auf jeden Fall mitmachen.“

Die Äste des Baums wurden auf dem nahen Spielplatz verbrannt, damit aber nicht überflüssig. Uecker verwendete sie später für sein Kunstwerk. Tags darauf begann die eigentliche Arbeit für den Künstler. Er stellte sich auf das, von der Galeristin aus zwei Holzleitern und einem Brett gefertigte Gerüst und bearbeitete den Holzstamm mit der Axt. „Zunächst rundete er den Stamm oben ab, formte dann alle Astlöcher aus, und bestrich diese wie auch den Kopf mit einer Mischung, die er aus der Asche und Leim im Keller des Pavillons hergestellt hatte.“

Und er fing an, erinnert sich Brusten, über das zu sprechen, was er tat. „Er erzählte, dass er die Wunden des Baumes präpariert habe. Sie versorgt habe.“ Wie mit einer Heilsalbe. Schließlich trieb er mindestens tausend, jeweils 20 Zentimeter lange Nägel mit einem Hammer in das Holz. „Weil er auf dem wackeligen Brett nicht wirklich sicher stand, musste er mit den Beinen immer wieder mühsam das Gleichgewicht zurückgewinnen. Für jeden Nagel brauchte er sieben Schläge“, erzählt Brusten, die nicht nur Nägel im nahegelegenen Eisenwarenladen, sondern auch in Essen kaufte. Derweil die Nägel langsam den Stamm hinunterwuchsen. „Irgendwann war es dann gut, die Arbeit fertig.“

Als der Kunstpranger im Pavillon der Öffentlichkeit präsentiert wurde, reisten der Künstler und seine ganze Klasse an. Unter den wenigen Wuppertalern, die den Berg hochkamen, waren (natürlich) die Forstarbeiter. Brusten: „Das geringe Interesse hat mich schon gewundert, ich fand die Aktion einfach toll. Uns kannte wohl kaum jemand in der Stadt, obwohl ich seit 1978, zunächst im Treppenaufgang meines Wohnhauses, eine Galerie betrieb.“ In einer Rede prangerte Uecker die Umweltzerstörung durch den Menschen an – damals besorgte der saure Regen die Deutschen – , erklärte die Nägel zur Rüstung, „er habe den Baum eingerüstet, ihn stark gemacht“. Im Keller des Pavillons hingen Zeichnungen des Baumes, die er mit der Asche geschaffen hatte.

Während Uecker meinte, eine endgültige Heimat für seinen Kunstpranger gefunden zu haben, in den folgenden Wochen auch immer wieder mit Besuchern anrückte, mischte sich in die Freude der Galeristin allmählich der Drang, weiter arbeiten zu wollen. Mit Hilfe des damaligen Direktors des Von der Heydt-Museums, Güner Aust, verkaufte sie nach etwa vier Monaten das Kunstwerk an die Deutsche Bank in Wuppertal. Den Erlös teilte sie mit Uecker. „Beim Abtransport in die Hauptfiliale am Kasinokreisel wurde der Baum wie in Watte gepackt.“ Er wurde in der Eingangshalle aufgestellt, wo er mindestens 20 Jahre stand. Doch er faulte weiter, ging kaputt, wurde weggebracht. „Danach verliert sich die Spur. Aber ich bin sicher, dass er restauriert wurde“, sagt Brusten.

Sie selbst ist nach wie vor mit Uecker in Kontakt. Einige Nagelbilder, ein kleiner Bruder des Kunstprangers und weitere Arbeiten Ueckers schmücken ihr Haus. In den 90er Jahren überließ sie dem Künstler und seinen Schülern erneut den Pavillon, wo sie eine Reihe von Ausstellungen organisierten. Sie selbst gab ihre Galerie, der Gesundheit wegen, Ende 2003 auf. Durfte zuvor, im Jahr 1991, in der Kunsthalle Barmen eine Ausstellung kuratieren, „wo ich alles zeigte, was ich gemacht hatte“. Außerdem ist sie selbst bis heute künstlerisch aktiv. Und sie sortiert ihre reiche Vergangenheit für ein Galerienporträt im Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels in Köln.

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