Als Maestro von Karajan nicht fotografiert werden wollte

Als Maestro von Karajan nicht fotografiert werden wollte

Im Mai 1974 gaben die Berliner Philharmoniker ein umjubeltes Konzert in der Stadthalle. Davon zeugt ein Foto, das es gar nicht hätte geben dürfen.

Wuppertal. Der Große Saal der Wuppertaler Stadthalle genießt schon seit vielen Jahrzehnten einen hervorragenden Ruf als Konzertsaal. Vor allem wegen der guten Akustik treten immer wieder Stars der klassischen Musik und Spitzenorchester in Wuppertal auf. Eine Legende der klassischen Musik stand am 2. Mai 1974 auf dem Dirigentenpult: Herbert von Karajan, der mit den Berliner Philharmonikern ein Orchester von Weltruhm leitete.

Herbert von Karajan eilte nicht nur der Ruf eines genialen Dirigenten voraus, sondern ihn umgab im Zenit seiner Karriere auch die Aura eines hochsensiblen Maestros. WZ-Fotograf Kurt Keil erinnert sich, dass für das Konzert der Berliner Philharmoniker ein absolutes Fotografierverbot verhängt wurde. „Karajan hatte mitteilen lassen, dass er das Konzert sofort abbrechen werde, wenn ihn auch nur ein Blitzlicht blenden würde.

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Stadtgeschichte

Das Konzert des Jahres in der Stadthalle in Wuppertal — und das ohne ein aktuelles Foto des Stardirigenten und seiner Musiker in der Westdeutschen Zeitung? Undenkbar! Und so erhielt Kurt Keil den Redaktionsauftrag, Karajan trotz aller Verbote abzulichten.

„Ich hatte einen guten Draht zum damaligen Hausmeister Jeschke, denn die Stadthalle war nach dem Stadion der Ort, wo ich wohl am meisten fotografiert habe“, sagt Kurt Keil. Und so brachte er schon am Nachmittag seine Fototasche in das Tonstudio am hinteren Ende des Saals. Um 19 Uhr kam er dann als normaler Konzertbesucher zur Stadthalle, und Jeschke schloss ihn in der Kabine ein.

„Die Fensterscheiben zum Saal ließen sich leise öffnen, aber das Klicken der Kamera war in den hinteren Reihen zu hören. Da drehte sich doch schon mal ein Konzertbesucher empört um. Sie hatten ja auch viel Geld fürs Konzert bezahlt“, erinnert sich Kurt Keil. Fortan drückte er nur noch bei besonders lauten Stellen auf den Auslöser.

In der Pause fuhr Kurt Keil nach Hause. Nicht, weil ihm das Konzert nicht gefallen hätte. Ganz im Gegenteil: „Ich war so begeistert, dass ich meine Frau Rosemarie geholt habe, damit sie den zweiten Teil miterleben konnte. Im Hausfrauenlook und im Mäntelchen schlich sie sich mit mir in die Tonkabine und wir hörten zu. Ich bin kein großer Musikkenner, aber das war ein unvergessliches Erlebnis“, schwärmt Keil noch heute.

Veröffentlicht wurde ein Foto, das Herbert von Karajan und seine Musiker zeigt, wie sie den Beifall der Wuppertaler entgegennehmen. Während des Dirigats drehte der Maestro der Kamera den Rücken zu, und da kein Blitz verwendet werden durfte, musste Kurt Keil einen Moment der Ruhe abwarten. Es ist der Moment, in dem die Konzentration und Anspannung abfällt. Es ist der Moment des Triumphes eines großen Künstlers nach einem großen Konzert.

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