Als Genossenschaften die Wuppertaler ernährten

90 Jahre Wuppertal : Als Genossenschaften die Wuppertaler ernährten

Die Konsumgenossenschaft Vorwärts versorgte einen größeren Teil der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Der Förderverein sorgt dafür, dass das Gebäude an der Münzstraße nicht verfällt.

Mitten im Ausstellungsraum liegt in einem Schaukasten ein Brot. Und wahrscheinlich symbolisiert nichts mehr als dieser Laib, für was die ehemalige Konsumgenossenschaft Vorwärts steht. Gut ein Viertel, so wird geschätzt, der Barmer Bevölkerung wurde von der Münzstraße aus versorgt. Natürlich mit Brot, aber auch Fleisch und anderem. „Sogar eine Limonadenabfüllung gab es“, erzählt Wolfgang Ebert, der Vorsitzende des Fördervereins. Und natürlich gab es im Wuppertal der mehr als 100 Brauereien auch Bier bei der Genossenschaft.

Deren Ziel war es, Arbeiterhaushalte mit günstigen und gesunden Lebensmitteln zu beliefern. Die Genossenschaft gehörte dabei den Mitgliedern und verstand sich als Teil der sozialistischen Arbeiterbewegung. Spätestens nach dem Zusammenschluss mit dem Elberfelder Pendant „Befreiung“ wurde Vorwärts zu einer der größten Genossenschaften in Deutschland mit fast 50 000 Mitgliedern.

Dabei waren die Initiatoren von ihrer Idee gar nicht so überzeugt gewesen. Nur ein paar Dutzend Familien waren es, die sich 1899 zusammengeschlossen hatten. Dabei hatte auch der Wuppertaler General-Anzeiger, der Vorgänger der heutigen WZ, bereits ein paar Jahre, bevor die Genossenschaft ins Leben gerufen wurde, Weitblick bewiesen.

„In Städten mit teuren Preisen aber ist es für die Arbeiterschaft von besonderem Werth, durch Consumvereine mit billigen Verbrauchsgegenständen versehen zu werden. An solchen Orten können diese Vereine trotz der Summe von Haß, die sie auf sich laden, nicht lebhaft genug befürwortet werden“, schrieb die Zeitung damals.

Die Gebäude verfielen
über die Jahrzehnte

Der Rest ist, zumindest für die ersten Jahrzehnte, eine Erfolgsgeschichte. Geblieben sind von der Historie der Konsumgenossenschaften in Wuppertal heute vor allem eins: stadtbildprägende Gebäudekomplexe. Dass das an der Münzstraße noch steht, ist aber alles andere als selbstverständlich. Denn nach der Fusion der Genossenschaften wurde der Hauptsitz später nach Clausen verlegt.

Die Immobilien an der Münzstraße gingen erst in den Besitz der Stadt über, ehe die Nazis sie sich unter den Nagel rissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die Bauten zeitweise noch als Flüchtlingsunterkünfte. Richtig kümmerte sich niemand mehr um die geschichtsträchtigen Immobilien.

Die Gba saniert das Gebäude und qualifiziert Langzeitarbeitslose

„Ein paar Jahre länger und hier wäre endgültig der Schwamm drin gewesen“, erinnert sich Ebert an die Zeit, als der Förderverein seine Arbeit aufnahm. An vielen Stellen trat Wasser ein, die meisten Fenster waren zerstört. Vor allem Heide Koehler, der mittlerweile verstorbenen Vorsitzenden, ist es zu verdanken, dass aus der Schrottimmobilie wieder etwas Vorzeigbares wurde. 2004 gegründet, setzte sich der Verein von Anfang an für die Sanierung ein.

Und gemeinsam mit dem Städtischen Gebäudemanagement (GMW) fand sich schließlich auch eine Lösung: Die Gesellschaft für berufliche Aus- und Weiterbildung, kurz Gba, eröffnete einen Standort in der Münzstraße. Die Idee dahinter: Langzeitarbeitslose arbeiten in dem Gebäude, bringen es wieder auf Vordermann und qualifiziere sich selbst so wieder für den Arbeitsmarkt.

Baustelle ist der Bau an einigen Stellen zwar immer noch, wie Ebert bei einem Rundgang zeigt. Die Zeiten der Ruine sind aber eindeutig vorbei. „Der Förderverein hat schon sehr geholfen“, sagt Hans-Uwe Flunkert, der Chef des GMW, der selbst persönliche Verbindungen zur Münzstraße hat, früher dort oft vorbeifuhr und den Verfall miterlebte. Die Nutzung durch die Gba passe auch zur Historie des Gebäudes, dem genossenschaftlichen Charakter, freut er sich.

Angesichts der Historie sei es enorm wichtig, dass solch ein Ort erhalten bleibt, so Flunkert. Das sei auch immer der Wunsch und Ansporn von Heide Koehler gewesen. Ein Ziel dabei: Die Konsumgenossenschaft soll ein Ort außerschulischen Lernens werden.

Der Förderverein selbst hat eine Etage bezogen. Besucher können sich dort über die Geschichte der Konsumgenossenschaft informieren. Zumindest über einen Teil, denn Schwerpunkt ist aktuell die Zeit bis nach dem Ersten Weltkrieg. Ebert & Co. wollen aber auch die weiteren Phasen in Ausstellungen vorstellen, vor allem auch das dunkle Kapitel, als die SA ihren Sitz an der Münzstraße hatte und in den Kellerräumen ihre Gegner folterte, bevor sie nach Kemna ins KZ kamen. „Auch die Nachkriegszeit wollen wir aufarbeiten“, sagt Ebert. Dafür suche man Sponsoren, bemühe sich um Fördermöglichkeiten.

Dass bald neue Nachbarn auf das ehemalige Bahnhofsareal am Heubruch ziehen, sieht der Vereinsvorsitzende positiv. Wunsch des Vereins sei, dass in dem neuen Wohngebiet eine Straße zum Beispiel „Zur Konsumgenossenschaft“ heißen soll. Die Treppenverbindung hoch zur Münzstraße soll nach einem der Gründerväter der Konsumgenossenschaft benannt werden und ein Künstler soll sich gestalterisch mit dem Thema Genossenschaft auseinandersetzen.

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