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Als die Stadt Wuppertal die Fußgänger unter die Erde verbannte

Stadtgeschichte : Als die Stadt Wuppertal die Fußgänger unter die Erde verbannte

Das Tunnelgeflecht am Alten Markt in Barmen galt einst als die moderne Stadtplanung. Doch statt zur Erfolgsgeschichte entwickelte sich der Bau zum Angstraum.

Im November 2016 durfte WZ-Reporter Manuel Praest noch einmal in Begleitung eines Mitarbeiters der Stadt Wuppertal in die Unterwelt am Alten Markt einsteigen. Zehn Jahre nachdem die Passage unter der B 7 geschlossen wurde, erinnerten nur noch ein paar übrig gebliebene Plakate aus den 1980er und 1990er Jahren Jahren daran, dass für Generationen von Wuppertalern die 2500 Quadratmeter große Tunnelfläche mit ihren Treppen, Gängen und Geschäften zum Alltag gehört hatte.

Der Schnappschuss des langjährigen WZ-Fotografen Kurt Keil zeigt, dass die autogerechte Stadt, die in den 1960er und 1970er Jahren mit Baggern und Planierraupen umgesetzt wurde, aus dem Blickwinkel der Fußgänger durchaus ihre Tücken hatte. Die Fußgänger wurden unter die Erde verbannt. Wer in diesem System ganz oben rangierte, liegt auf der Hand. Zum Wohlfühlen war das Tunnelsystem unter dem Alten Markt jedenfalls nicht geeignet - Funktionalität spielte in den Planungen dieses bedeutenden Verkehrsknotenpunktes (Autoverkehr, Straßenbahn, Schwebebahn, Fußgänger) die Hauptrolle. Und die Attraktivität sank mit jedem Geschäft, das in der Ladenpassage geschlossen wurde.

Das Tunnelsystem hatte aber auch seine Vorteile, bot es doch Schutz vor Wind und Regen sowie den Passanten sichere Wege über die riesige Kreuzung. „Ich bin da oft durchgegangen. Ein Zugang erfolgte über den Kaufhof. Dort gab es die Feinkostabteilung. Als Student habe ich, wenn am Ende des Monats noch ein paar Mark übrig waren, mir da immer die leckere Fleischwurst geholt“, erinnerte sich Bezirksbürgermeister Hans-Hermann Lücke einmal im Gespräch mit der WZ.

Rund um den Alten Markt hatten die Stadtplaner um den damaligen Beigeordneten Prof. Friedrich Hetzelt zu Beginn der 1960er Jahre ein geeignetes Feld vorgefunden, um ihre Vision von der autogerechten Stadt umzusetzen. Auf historische Bausubstanz - wie im weiteren Verlauf der Allee in Unterbarmen - mussten die Stadtplaner keine Rücksicht nehmen, denn die war rund um den Alten Markt beim Bombenangriff 1943 komplett zerstört worden. Auch die im Jugendstil erbaute Schwebebahnstation war stark beschädigt worden. 1967 wurde sie durch einen Neubau ersetzt und mit dem Schwebebahngerüst ein großer Bogen über die Großkreuzung geschlagen.

Im Vorfeld der Stilllegung der Straßenbahn 1987 wurde im Rat der Stadt kontrovers über die Neugestaltung der Talsohle diskutiert. Es existierte ein Rahmenplan, für den bereits Landesmittel in Aussicht gestellt wurden, der neben einer neuen Verkehrsführung am Döppersberg eine neue Gewichtung am Alten Markt vorsah. Geplant war, einen Straßentunnel im Verlauf der B7 unter den Alten Markt zu bauen und somit eine Fußgängerzone zu schaffen, die über den Werth und Alten Markt bis zum Opernhaus und Engelsgarten reichte. Auch am Döppersberg sollte der Autoverkehr im Tunnel verschwinden, um die Passanten zurück ans Tageslicht zu holen. Doch im Stadtrat gab es für den Masterplan keine Mehrheit. Das Projekt scheiterte nicht an den Baukosten, sondern daran, dass die Zeit noch nicht reif war, um Maßnahmen durchzusetzen, die zu Lasten des automobilen Individualverkehrs gingen.

Bevor der Begriff „Angstraum“ erfunden war, werden viele Wuppertalerinnen und Wuppertaler und Gäste der Stadt das Labyrinth unter dem Alten Markt als einen solchen empfunden haben. Flackernde Neonröhren, kahle, feuchte Wände und Böden, abgesperrte Gänge - es gab immer mehr gute Gründe, sich nachts und in den Abendstunden besser einen oberirdischen Weg über die vierspurige B7 zu suchen.

Die Stadt hat das Tunnelsystem nach der Schließung 2006 abgesichert - es gibt keine Schlupflöcher für Abenteuerlustige, die in die Barmer Unterwelt hinabsteigen wollen. Doch da unten - und das wissen die Wuppertaler seit dem Umbau am Döppersberg - wären die Autos wohl besser aufgehoben.