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Als der Wuppertaler Herbert Runge bei Olympia siegte

90 Wuppertaler Jahre : Als Herbert Runge bei Olympia siegte

Der Elberfelder Boxer gewann 1936 in Berlin die Goldmedaille. Keinem Deutschen ist dieser Triumph bis heute wieder gelungen.

Unter den zahlreichen sportlichen Größen, die Wuppertal im Laufe seiner 90-jährigen Geschichte hervorgebracht hat, nimmt der Boxer Herbert Runge eine Ausnahmestellung ein: Ihm gelang es nämlich als bisher einzigem deutschen Faustkämpfer, Olympiasieger im Schwergewicht zu werden. Das stellt ihn in eine Reihe mit späteren Profiweltmeistern wie Joe Frazier, George Forman oder den kubanischen Amateur Teofilo Stevenson. Bei den olympischen Spielen 1936 in Berlin war es, als der 1913 geborene Elberfelder im Alter von nur 23 Jahren im Finale gegen den Argentinier Guillermo Lovell nach Punkten gewann und Gold in der Königsklasse holte.

Ein Sieg, der Wasser auf die Mühlen der Nazi-Diktatoren war, unterstrich er doch die von ihnen wahnhaft propagierte „Überlegenheit der germanischen Rasse“, auch wenn Runge schwarzhaarig nicht so ganz dem arischen Idealbild entsprach. Auch ansonsten galt Runge, aufgewachsen als eines von acht Geschwistern, nicht als Verehrer der Nationalsozialisten, und als ihm feierlich ein signiertes Foto des „Führers“ überreicht wurde, da soll er zu seinem Trainer Fred Buchanan gesagt haben: „Duusch meck dat Bild öm“ („Tausch mir das Bild um“).

Der Olympiasieg war zwar der größte, aber bei weitem nicht der einzige Erfolg des hoch gewachsenen Jungen, der beim Elberfelder BC von dem charismatischen Fred Buchanan das Boxen erlernt hatte und sich zu einem vorzüglichen Techniker entwickelte. Achtmal wurde der Fleischergeselle, der später auch den Meisterbrief erwarb, deutscher Meister und stand dreimal bei Europameisterschaften auf dem Treppchen.

 Wuppertals Goldjunge von 1936, Herbert Runge.
Wuppertals Goldjunge von 1936, Herbert Runge. Foto: Archiv Peter Keller

Hartes Training war obligatorisch, und zum Thema „Sex im Trainingslager“ erzählte er einst: „Wir hatten bei Lehrgängen zwei komplette Staffeln, und die mussten regelmäßig zu Staffelläufen gegeneinander antreten.“ Wobei anzumerken wäre, dass der „Staffelstab“ aus einem Sandsack bestand, der vom Fliegen- bis zum Schwergewicht weitergegeben werden musste. „Danach waren uns Gedanken an Sex im Trainingslager von selbst vergangen“, erinnerte sich der einstige Olympiasieger.

Herbert Runge versuchte sich nach dem Krieg aus finanziellen Gründen im Profilager, doch dem eleganten Techniker fehlten Glück und der im Schwergewicht besonders erwartete Punch. Er gewann nur fünf seiner 25 Profikämpfe und unterlag unter anderem den deutschen Boxgrößen wie Hein ten Hoff und Heinz Neuhaus.

Mit 36 Jahren trat der stets freundlich und bescheiden auftretende Herbert Runge vom Boxsport zurück und war lange bei der Stadtverwaltung in Wuppertal tätig. Nach langer schwerer Krankheit verstarb Wuppertals erfolgreichster Faustkämpfer am 11. März 1986 im Alter von 73 Jahren.

Nach Runge folgten viele Wuppertaler Fauskämpfer

Der gutmütige Hüne, an den sich heute kaum noch jemand erinnert, bis auf die „Runge-Eiche“ im Stadion am Böttinger Weg, war zwar der beste, aber lange nicht der einzige Wuppertaler Faustkämpfer. Iko Herchenbach, Werner Spannagel, Heinz Müller gehörten da zu Runges Generation. Oder nach dem Krieg der Mittelgewichts-Profi Emil Koch, der über eine legendäre Linke verfügte, es aber nie zu höheren nationalen oder internationalen Ehren brachte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es der Boxring Heros (später VfB Wuppertal), die SSVg Barmen, Union, der WSV oder Viktoria, die über vollzählige Staffeln verfügten, in denen alle zehn Gewichtsklassen besetzt waren, wobei es damals schwieriger und mit mehr Kämpfen verbunden war, Bezirksmeister als heutzutage Niederrheinmeister zu werden.

Die Wuppertaler Boxclubs, vornehmlich der VfB und später der ASV, brachten dann noch etliche Deutsche Jugendmeister hervor. So 1961 in der gerade eröffneten Heckinghauser Halle, als Peter Augst Deutscher Juniorenmeister im Fliegengewicht wurde. Wolfgang „Kaka“ Schoth, Hans Borst, Peter Hahn Reinhold Lehnhardt, Stefan Macht und die Gebrüder Helsberg sind einige Beispiele. Und dann gab es erst im letzten Jahrzehnt mit Pinar Yilmaz und Olivia Luczak (heute Spiker) zwei junge Damen, die sich im Frauenboxen als deutsche Meisterinnen und international einen Namen machten. Beide bestachen durch brillante Technik und bewiesen auch in ihren zivilen Berufen „Köpfchen“. Aktuell sorgt noch Vincenzo Gualtieri (ehemals ASV) mit seiner Profikarriere im Mittelgewicht für Furore. Zwischenzeitlich war der inzwischen verstorbene Graciano Rocchigiani sein Trainer, inzwischen boxt der 26 Jahre alte Wuppertaler Mittelgewichtler für den Berliner Boxstall Agon Sports, hat bisher alle seine zwölf Profikämpfe gewonnen.

Dem in Wuppertal brach liegenden Boxsport hat Werner Kreiskott mit Veranstaltungen seines Fightclubs neues Leben eingehaucht, wurde bei seinen eigenen Auftritten zum gefeierten Publikums-Magneten. Doch nachdem der „Panzer“ seine aktive Laufbahn beendet hat, fehlt dem Wuppertaler Boxsport ein Lokal-Matador, ein Zugpferd, und derzeit ist auch langfristig niemand in Sicht, der die (allerdings auch kaum vorhandenen) Hallen wieder füllen könnte.