Als der Neptunbrunnen noch die Bürger empörte

Als der Neptunbrunnen noch die Bürger empörte

Bei dem Quartiersrundgang durch das Mirker Viertel gab Führerin Elke Brychta Einblicke in die Stadtgeschichte.

Mirke. Der Quartiersrundgang durch das Mirker Viertel in der sengenden Nachmittagshitze war schweißtreibend — aber informativ. Die freie Historikerin Elke Brychta stellte sich auf die Begebenheiten ein und kürzte die Führung durch eines der ältesten Quartiere Wuppertals angesichts des extremen Wetters etwas ab. Die Route ist Teil der Reihe „Fäden Farben Wasser Dampf“, zu deren Erläuterung an zahlreichen Wuppertaler Gebäuden Infotafeln angebracht wurden.

Treffpunkt und Beginn des Rundgangs ist das Rathaus, laut Brychta „Sinnbild kraftvollen Bürgertums“, das 1900 vom deutschen Kaiserpaar eingeweiht wurde. Der Jubiläumsbrunnen auf dem Neumarkt, der auch als Neptunbrunnen bekannt ist, habe mit seiner Darstellung nackter Körper bei der biederen Elberfelder Bevölkerung für Empörung gesorgt, berichtet Elke Brychta. Zuvor sei der jetzige Marktplatz noch ein Friedhof gewesen, der allerdings ebenso von Frauen zum Bleichen genutzt wurde. „Solche Informationen bekommen Sie nicht im Internet“, betont Brychta. An der Gradlinigkeit der sich hinter dem Rathaus über die Kreuzkirche bis hin zum Mirker Bahnhof erstreckenden Friedrichstraße zeigt sich, dass der Stadtteil ganz auf das Rathaus ausgerichtet wurde.

Auf dem Weg zur Kirche passieren wir das Eckhaus, in dem heute das Gesundheitsamt untergebracht ist. Das 1914 errichtete Gebäude habe damals die allgemeine Ortskrankenkasse und eine Zahnklinik beherbergt, so Brychta. Für die nötige Körperhygiene sorgte hingegen das Brausebad am Höchsten. 18 Brause- und 12 Wannenbäder und eine oberhalb gelegene Turnhalle habe das 1908 errichtete Gebäude beherbergt. Der charakteristische Turm bot damals Wohnraum für das Personal.

Vor der Kreuzkirche treffen wir Friedhild Cudennec, die sich für das Urban Gardening rund um den Kirchplatz engagiert. „Nur durch bürgerliches Engagement ist dieser Ort ein Ausgangspunkt geworden, um das Viertel zu aktivieren“, freut sich Cudennec. In der neugotischen Kirche selbst, die 1850 fertiggestellt wurde, gibt die Stadtmission inzwischen zu jeder Mahlzeit zwischen 30 und 70 Portionen an Bedürftige aus. Elke Brychta weist besonders auf die Bedeutung politisch aktiver Frauen hin. So ist die ehemalige Kinderverwahranstalt in der Friedrichschulstraße nach der SPD-Stadtverordneten und ersten Ehrenbürgerin Wuppertals Ruth Kolb-Lünemann benannt und der nahegelegene Helene-Weber-Platz nach einer Frau, über die man laut Elke Brychta sagte, sie habe „mehr Politik im kleinen Finger als mancher Mann in der ganzen Hand“.

Entgegen all dieser traditionsschweren Gebäude ist der Dreh- und Angelpunkt des Mirker Viertels heute der vom Projekt Utopiastadt wiederbelebte Mirker Bahnhof, der 1879 als Konkurrenz zum „Bergisch-Märkischen Bahnhof“, dem Döppersberg, erbaut wurde. Hier ist der Kontrast vom Historischen zum Aktuellen besonders deutlich sichtbar — und damit endet die Tour.

„Ich finde es selbst total spannend, wie sich die Stadtteile entwickeln“, sagt Elke Brychta, die außer Führungen durch das Mirker Viertel auch für den Ostersbaum, Unterbarmen und den Arrenberg zuständig ist. „Mir macht das Spaß, die aktuellen Entwicklungen mit den historischen Ursprüngen zu verknüpfen.“ Auch der Laurentiusweg wurde von ihr entworfen. Gegenwärtig stecke sie in den Vorbereitungen für das nahende Else-Lasker-Schüler-Jahr.

„Fäden Farben Wasser Dampf“ wurde von der Geschichtswerkstatt des Bergischen Geschichtsvereins erarbeitet. In 13 Rundgängen beleuchtet das Programm das Industriezeitalter in Wuppertal. Führungen gibt’s regelmäßig.

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