Stadtgeschichte: Als auf jeden 50. Mann noch eine Kneipe kam

Stadtgeschichte : Als auf jeden 50. Mann noch eine Kneipe kam

1973 wurde an der Reichsstraße das letzte Adler-Bier abgefüllt. Das Ende einer Ära im Tal.

Wer heute Wuppertaler Bier trinken möchte, muss ins Barmer Brauhaus gehen. Sicher kommt da dann noch der Name Wicküler in den Sinn. Aber das Bier, das heute in der unteren Preiskategorie im Getränkemarkt verkauft wird, kommt schon längst nicht mehr aus Wuppertal. Die Produktion wanderte im Laufe der Jahre von Wuppertal nach Köln und dann nach Dortmund. 1994 stand auch die Wicküler-Hauptverwaltung in Wuppertal vor dem Aus. Das Ende einer Bier-Ära.

Ein weiteres symbolisches Bild für den Niedergang der Wuppertaler Brauereitradition ist das Kurt-Keil-Foto von 1978. Es zeigt die geschlossene Adler-Brauerei zwischen Reichsstraße und Wupper. Der WZ-Fotograf nahm an einer Führung mit Politikern teil, die sich mit der Fragestellung beschäftigten, was nun mit dem Brauerei-Gelände passieren soll. Vor Ort gab es noch immer die alten Kupferkessel zu bestaunen, die 1973 stillgelegt wurden.

Schließlich musste die Brauerei einem neuen Wohnblock weichen. Der Abriss des traditionsbehafteten Hauses traf 1980 viele Wuppertaler ins Herz. Kurt Keil erinnert sich: „Das war ein wunderschönes Gebäude, was man von der Schwebebahn aus gut sehen konnte.“ Da verwundert es nicht, dass sich Denkmalschützer und schließlich sogar Hausbesetzer der Abrissbirne entgegenstellten. Doch es half alles nichts, die Wohnbebauung kam.

Blick zurück in eine Zeit als Wuppertal als Brauerei-Stadt aufblühte: Der Chronist zählte 1860 in Barmen 44 Brauereien und in Elberfeld 32. Neben den Hausbrauereien bildeten sich nach und nach mehr Verkaufsbrauereien. Das Bier der Wahl war obergärig.

Nach der Überlieferung gründete Gustav Dierichs 1858 mit nur einem Arbeiter und einem „Brauburschen“ die Adler-Brauerei. Zusammen mit anderen Wuppertaler Brauereien wie Bremme, Tienes, Küppers oder der Waldschloß-Brauerei erlebte Adler nach dem Zweiten Weltkrieg einen Aufschwung. Die Menschen im Wuppertal hatten großen Bierdurst, wenn man den Zahlen von damals trauen darf. Demnach kam auf 50 männliche Einwohner eine Schankwirtschaft und jeder Elberfelder Haushalt leerte im Schnitt drei Kästen Bier im Monat. Aus dem Adler-Werk, in dem viel Wert auf Handarbeit gelegt wurde, kamen Pils-, Alt-, Malz- und Exportbier – zu Spitzenzeiten 40 000 Liter in der Woche. Der Gerstensaft ging nicht nur in den Verkauf, sondern floss auch durch die Zapfhähne der Wuppertaler Schankwirtschaften, die Adler selbst gehörten.

Doch in den 60er und 70er Jahren schadete der Preiskampf mit den Billigbieren den traditionellen Wuppertaler Marken. Immer mehr Biertrinker griffen zu den günstigeren Marken im Supermarkt-Regal. 1958 gönnte sich die Adler-Brauerei zum 100-jährigen Geburtstag noch ein neues Sudhaus, in dem das Bier seine Würze gewinnt. Doch schon 1972 schluckte Wicküler Adler, übernahm die Mitarbeiter und braute noch ein Jahr lang Altbier. Dann war Schluss. Geblieben ist an der Reichsstraße noch nicht einmal ein bauliches Denkmal. Kurt Keil findet das schade: „Das Brauerei-Gebäude hat die Wuppertaler an eine bessere Zeit erinnert.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung