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Alice Hasters las in Wuppertal aus ihrem Buch über Rassismus

Alice Hasters las im Freibad Mirke aus ihrem Bestseller : „Rassismus ist ein System“

Die Autorin Alice Hasters las im Freibad Mirke aus „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen solten“.

Rassismus ist aktuell allgegenwärtig. Es gibt „Black Lives Matter“-Kundgebungen und Diskussionen über Rassismus bei der Polizei. Aber wer nicht von Rassismus betroffen ist, kann das ignorieren. Alice Hasters, Journalistin und Autorin des Buches „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ nennt es „Privileg“ und „Macht“, das zu können. Denn sie und alle anderen Betroffenen könnten das nicht.

Hasters, die vom Salon Knallenfalls mit Unterstützung des Kulturbüros der Stadt Wuppertal und des Regionalbüros Arbeit und Leben Berg-Mark, ins Mirker Freibad eingeladen worden war, erzählt in ihrem Buch von alltäglichen Erfahrungen mit Rassismus. Sie verbindet die eigenen Geschichten mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, erklärt Fachbegriffe an ihrem Beispiel.

Lesung in ausverkauftem Schwimmbecken

Hasters sagt, es sei schwierig, Rassismus anzusprechen. „Weiße Menschen haben so wenig Übung darin, mit ihrem eigenen Rassismus konfrontiert zu werden, dass sie meist wütend darauf reagieren, anfangen zu weinen oder einfach gehen.“ Am Ende müsse sie sich oft entschuldigen, das Thema angesprochen zu haben. Leute würden denken, dass man sie als Nazi bezeichne, als bösen Menschen, wenn man etwas rassistisch nenne.

Dabei sei Rassismus nicht bloß eine individuelle Haltung, sondern ein System. Eines, das sich aus 500 Jahren Geschichte speist, aus der Geschichte des Sklavenhandels, des Kolonialismus, des Imperialismus. Aus der Geschichte der Aufklärung. „Rassismus ist so lang und so massiv in unserer Geschichte, unserer Kultur und unserer Sprache verankert, hat unsere Weltsicht so sehr geprägt, dass wir gar nicht anders können, als in unserer heutigen Welt rassistische Denkmuster zu entwickeln“, erklärt Hasters.

Es gehe dabei nicht um Fragen, was man denn heute noch sagen, oder wie man sich verkleiden dürfe. „Ob und wie man fragen darf, wo jemand herkommt, oder ob man sich als weiße Person Braids in die Haare machen kann – das sind sehr kleine Fragen“, sagt Hasters. Wer das frage, wolle sich mit sich selbst befassen, nicht mit dem Problem dahinter. Es gehe vielmehr um die dauerhafte Reflektion und Auseinandersetzung mit dem Thema. Verbote änderten nichts an Rassismus. Was etwas ändern würde, wäre eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialismus, sagte Hasters im Gespräch mit Cecil Arndt, Trainerin für politische Bildung und Rassismuskritik vom Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in NRW. Das sei mehr als ein wirtschaftlicher Wettstreit des Westens gewesen. Das Thema müsse an Schulen und Universitäten anders behandelt und gelehrt werden. Anders erforscht. Wenn man die Bilder erkenne, die seitdem reproduziert werden, „erkennt man wie allgegenwärtig das ist“, sagte Hasters.

Ein Beispiel, das sie in ihrem Buch erwähnt, ist eine Spardose, die eine Kioskbesitzerin in Köln für das Trinkgeld benutzte. „Der Oberkörper eines Schwarzen Mannes. Rote Lippen, breit zu einem absurden Lächeln geformt, große Augen und Nase.“ Hasters erklärt, dass solche Spardosen aus den USA kommen. Sie symbolisieren, dass die Schwarzen nach Ende der Sklaverei als Geldschlucker wahrgenommen wurden. Sie kosteten die weißen ehemaligen Sklavenhalter ja plötzlich Geld. Solche Bilder gebe es bis heute, das Narrativ vom gierigen Schwarzen würde so erhalten.

Die Journalistin, die als Kind einer schwarzen Amerikanerin, die auch bei Pina Bausch tanzte, und eines weißen deutschen Vaters in Köln aufwuchs, las und sprach vor ausverkauftem Haus – rund 100 Gäste saßen im Schwimmbecken. Wegen technischer Probleme mit der Datenerfassung der Gäste startete die Lesung 45 Minuten später.

Das Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ kam im September 2019 heraus, vor beinahe einem Jahr. Seitdem habe sich viel getan, sagt Hasters. Die „Black Lives Matter“-Demos seien größer geworden, man könne mehr über Alltagsrassismus sprechen, das Thema sei inzwischen bekannter. Aber „mein Optimismus ist verhalten“, sagt Hasters. Ob sich wirklich etwas ändere, bezweifelt sie. Allein weil „Black Lives Matter“ den Blick auf Amerika richte. „Wir gucken in die USA, weil es uns leichter fällt, dort hinzugucken“, sagt Hasters. Aber gleichzeitig werde zu wenig über die Gesetze gegen Flüchtlinge und die Härte an den EU-Grenzen geredet. „Über die, die im Mittelmeer ertrinken, deren Überleben unsere Gesetze verhindern, über die reden wir viel weniger“, kritisiert sie. Hasters sagt, für weiße Menschen sei es jeden Tag eine bewusste Entscheidung, sich gegen Rassismus zu engagieren. „Das wird manchmal wehtun und anstrengend sein.“ Aber es gehe eben darum, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die das Grundgesetz wirklich ernst nehme.