90 Jahre Wuppertal: Die Sternstunde des WSV gegen Bayern München

90 Jahre Wuppertal : Die Sternstunde des WSV gegen Bayern München

Den 21. September 1974 wird kein Fan des Wuppertaler Sportvereins je vergessen. Es war der Tag, an dem der WSV den großen FC Bayern schlug.

Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Katsche Schwarzenbeck, Uli Hoeneß, Gerd Müller - schon die Aufstellung liest sich wie die des amtierenden Fußball-Weltmeisters. Und das waren die Spieler auch, die an jenem denkwürdigen Samstag mit dem FC Bayern München in Wuppertal gastierten. Es war die große Zeit des Fußballs an der Wupper. Es war die Zeit, in der ein Stürmer aus Dorsten für die Rot-Blauen Tore am Fließband schoss. Es war die Zeit, in der Wuppertal in der Fußball-Bundesliga  spielte. Und es war der Tag, an dem ein Wunder geschehen sollte. Ein Samstag, der 21. September 1974.

Als Schiedsrichter Jan Redelfs die Partie um Punkt 15.30 Uhr anpfiff, ahnten vermutlich die wenigsten der 22 000 Fans im Stadion am Zoo, dass sie Zeugen eines denkwürdigen Ereignisses werden würden. Es war ein recht milder Herbsttag. Die Temperaturen im Bergischen Land erreichten etwa 13 Grad. Regen lag in der Luft, aber zuweilen schlüpften Sonnenstrahlen durch die spärlichen Wolkenlücken. Gutes Fußballwetter, nicht zu warm, nicht zu kalt, beste Zutaten für ein besonderes Spiel.

Der FC Bayern München kam als turmhoher Favorit nach  Wuppertal. Es war das Jahrzehnt, in dem sich die Bayern meistens nur mit Borussia Mönchengladbach um den Nationalen Titel stritten. Der Höhenflug des Wuppertaler SV hingegen neigte sich seinem Ende zu. Der Aufstieg zwei Jahre zuvor, die sensationelle Qualifikation für den Uefa-Cup - das waren die guten, die sehr guten Zeiten. Davon war der Wuppertaler SV in der Saison 1974/75 schon ein gutes Stück entfernt. Aber nicht an diesem Tag, nicht in diesem Spiel.

Die Bayern kamen mit der ganz großen Kapelle

Die Bayern waren mit der ganz großen Kapelle angereist und sahen sich Spielern wie Manfred Müller, Lothar Dupke, Franz Gerber,  Willi Neuberger, Erich Miß und natürlich Günter Pröpper gegenüber, Meister Pröpper, der Jahrzehnte später dem Maskottchen des WSV seinen Namen geben sollte. „Pröppi, so hat mein Trainer mich früher gerufen. Es ist doch eine Ehre,  wenn das Maskottchen so heißt“, sagte Pröpper einmal im Gespräch mit dem Magazin 11 Freunde. Sein Trainer hieß Horst Buhtz, auch eine Legende.

Buhtz’ Widerpart an jenem 5. Spieltag der Saison 1974/75 war kein geringerer als Udo Lattek, damals schon ein Weltstar unter den Trainern und ein Mann, der es gewohnt war, mit Weltstars zu arbeiten. Und doch sollte es seine vorläufig letzte Saison auf der Bank des FC Bayern sein. Dazu hat auch der WSV beigetragen.

Denn vor den 22 000 Zuschauern im Stadion entwickelte sich nicht nur ein offenes Spiel, es war auch eines, in dem der designierte Abstiegskandidat Wuppertal sich vor den großen Bayern nicht versteckte. Die Saison war noch jung, alles noch möglich, auch wenn der WSV über die gesamte Spielzeit wie im Tabellenkeller festbetoniert war.

Am 21. September 1974, an jenem Samstag sendete er ein deutliches Lebenszeichen aus, eines, das die Fußballwelt aufhorchen ließ. Die Partie war 18 Minuten alt, als Georg Jung auf Günter Pröpper passte und Pröppi machte, was kein anderer Spieler in der WSV-Geschichte so beherrsche wie der bescheidene Mann aus Dorsten. Er traf. Pröpper erzielte das 1:0. Und auf den Rängen lagen sich die Fans vor Freude in den Armen. Es sollte der Auftakt zu einem großen Spiel sein.

„Die Fans haben uns getragen“, erinnert sich Pröpper

Nur kurz nach der Pause erhöhte Franz Gerber auf 2:0 (50.), Pröpper hatte den Treffer vorbereitet.  Und als Jung zehn Minuten später das 3:0 erzielte, gab keiner im Stadion auch  nur noch einen Pfifferling auf den großen FC Bayern, den amtierenden Gewinner des Europapokals der Landesmeister. „Die Fans haben uns getragen“, erinnerte Pröpper sich später an die guten Spiele am Zoo, und dieses Spiel war ein gutes. Die Bayern wurden geschlagen, trotz des Freistoßtreffers, den Uli Hoeneß noch in der 69. Minute erzielte. Den 5. Spieltag beendete der Wuppertaler SV auf dem 13. Tabellenplatz, danach ging es stetig bergab, bis der Club die Rote Laterne in den Händen hielt.

Die Saison 1974/75 war das Ende eine großen Ära. Während der FC Bayern die Spielzeit auf Platz 10 beendete, stieg der WSV in die Zweite Bundesliga Nord ab, wo er sich noch einige Jahre halten und in den 1990er Jahren noch einmal auftauchen sollte.

Mit dem FC Bayern traf sich der Wuppertaler SV noch einmal im DFB-Pokal. In der Saison 2007/08 schaffte der Club es nach Erfolgen gegen Erzgebirge Aue und Hertha BSC Berlin ins Achtelfinale, wo der Serienmeister und Serienpokalsieger auf die Rot-Blauen wartete. Der Verein zog damals, unterstützt vom jüngst verstorbenen Rudi Assauer, in die Veltins Arena nach Gelsenkirchen um.

Die gut 61 000 Tickets waren in Windeseile vergriffen, und die Fans des WSV sollten wieder einmal einen denkwürdigen Tag erleben. Nach 0:2 Rückstand gelang Mahir Saglik der Ausgleich, die Arena tobte, der haushohe Favorit wankte, aber er fiel nicht. Die Bayern gewannen letztlich mit 5:2.

Dennoch war das Spiel auf Schalke die bisher letzte große Sternstunde des traditionsreichen Wuppertaler SV - überstrahlt nur von jenem 21. September 1974, als Pröpper und Co. dem Starensemble um Franz Beckenbauer und Gerd Müller im Stadtion am Zoo mit 3:1 das Nachsehen gaben.

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