67-Jähriger hat die Krankheit mit Tabletten im Griff.

Welt-Aids-Tag : Ein normales Leben mit dem HI-Virus

Jo Tom (67) hat vor 17 Jahren erfahren, dass er sich angesteckt hat. Heute wünscht er sich, er hätte es früher gewusst.

Ein Kästchen mit 14 Einzelfächern. Das steht auf dem Esstisch von Jo Tom, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung veröffentlichen will. Dieses Kästchen enthält die Wochenration Tabletten, die er nehmen muss, um das Hi-Virus in Schach zu halten. Zwei am Tag. Ansonsten kann er ein ganz normales Leben führen.

Dass er infiziert ist, weiß Jo Tom seit 2001. Schon seit den 90er Jahren hatten ihm ständige Erkrankungen zu schaffen gemacht. Alltägliche Symptome, Erkältungen, Durchfälle, Zahnentzündungen, die aber sehr ausgeprägt waren. „Bei einer Erkältung hatte ich sofort eine eitrige Entzündung im Rachen und in den Ohren“, berichtet er. Immer wieder erholte er sich, insgesamt fühlte er sich aber weniger leistungsfähig.

2001 bemerkte er Taubheit in den Armen, Lähmungen an den Beinen: „Manchmal blieb ich im Gehen einfach stehen, konnte nicht weiter.“ Seine Nerven wurden angegriffen, weiß er heute. Damals kamen die Ärzte erstmals auf die Idee, sein Immunsystem zu testen, stellten eine Immunschwäche fest. Und dann wurde er auch auf das HI-Virus getestet – positiv.

„Vorher war die Möglichkeit, dass es HIV sein könnte, einfach nicht präsent“, sagt Jo Tom. Er lebte damals mit seinem Partner in einer Kleinstadt im Sauerland. Aids sei dort wohl eher als ein „Großstadt-Problem“ betrachtet worden.

Die Diagnose war ein Schock: „Erst einmal dachte ich, dass ich nur noch sechs Monate zu leben hätte“, erinnert er sich. Er habe nicht gewusst, dass Medikamente das Virus inzwischen so gut unterdrücken konnten, dass die Diagnose kein Todesurteil mehr ist. Bei regelmäßiger Einnahme bleibt das Immunsystem erhalten, es kann die gefährlichen Infektionen, die sonst zum Tod führen können, bekämpfen.

Jo Tom kam in die Kölner Uniklinik und langsam wieder zu Kräften. Und konnte begreifen: „Es ist doch nicht so schlimm.“ Viele Symptome gingen zurück. Aber einige Nervenschäden blieben: Bis heute hat er an den Füßen kein Schmerzempfinden mehr.

Möglicherweise war er 15 Jahre unerkannt infiziert

Deshalb wünscht er, er hätte früher von seiner Infektion gewusst. Dann wären die Nervenschäden vermieden worden. Wann und wie er sich infiziert hat, weiß er nicht. „Es gibt die Vermutung, dass ich das Virus schon 15 Jahre mit mir herumgetragen habe.“ Sein Partner war zum Glück nicht infiziert. Und begleitete ihn durch die schwere Zeit. „Er war noch schwerer betroffen als ich.“

Nach sechs Wochen Klinik und acht Wochen Reha konnte Jo Tom in sein altes Leben zurück. Der Wissenschaftler arbeitete als Lektor für wissenschaftliche Verlage von zu Hause aus. Daher gab es keine Kollegen, die Fragen stellten. Freunden und Bekannten, die fragten, hat er von seiner Erkrankung erzählt. „Wer mich damals kannte, der weiß davon.“

Reaktionen auf seine Krankheit, sagt er, hätten vom Wissensstand der Gesprächspartner abgehangen: Manche seien „zu besorgt“ gewesen, sich auch zu infizieren. Denen habe er erklärt, dass man sich bei Alltagskontakten nicht anstecken kann. Eine negative Erfahrung hatte er mit dem Mann einer Verwandtem. Als er die Familie besuchte, wollte der Mann nicht, dass er im gleichen Haus schlief, mit den Kindern spielte.

Damit er nicht krank wird, muss Jo Tom regelmäßig Medikamente nehmen, die das Virus unterdrücken. Deshalb steht das Kästchen auf seinem Esstisch. Zum Frühstück und zum Abendbrot nimmt er eine Tablette. Auf Reisen steckt er eine kleine Tablettendose in die Hemdtasche, damit er an sie denkt. Alle drei Monate checkt sein Arzt seine Werte, dann bekommt er ein neues Rezept.

Er achtet heute mehr auf seine Gesundheit, isst gesund, trainiert vor allem seine Beinmuskeln, geht viel zu Fuß. Hinsichtlich seiner Gesundheit ist er „ziemlich zuversichtlich“: „Ich werde eher als andere erfahren, wenn es Probleme gibt.“ Und sagt: „Wenn ich mich ansehe, sehe ich fitter aus als andere in meinem Alter.“

Als sein Mann starb, suchte er einen Neuanfang, wollte in eine größere Stadt mit viel Kultur, einer guten medizinischen Versorgung und bezahlbaren Wohnungen. Er zog nach Wuppertal und fühlt sich hier sehr wohl, besucht Theater, Oper und Konzerte, arbeitet ehrenamtlich bei der Aidshilfe mit.

Denn er will aufklären und anderen aufzeigen, dass ein Test nur Vorteile bringt: „Wenn nichts festgestellt wird, bin ich beruhigt, wenn man etwas findet, kann ich sofort mit der Therapie beginnen.“ Einen Test könne man bei jeder Blutuntersuchung vornehmen.

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