Konzertkritik: 40 Jahre Jethro Tull in zwei Sets

Konzertkritik : 40 Jahre Jethro Tull in zwei Sets

Ian Anderson nahm in der Stadthalle die ganze Bühne in Beschlag.

Wuppertal. Dass Ian Anderson 70 Lenze auf dem Buckel hat, war ihm bei oberflächlicher Betrachtung nicht anzumerken. Wie eh und je nahm er die gesamte Bühne in Beschlag. Ein Künstler der Luftgitarre war er. Rockte auf seiner Querflöte herum, stand artistisch auf einem Bein, das andere angewinkelt. Ja, so kennt man ihn seit etwa 50 Jahren, den Meister des progressiven und klassischen Rocks, der teilweise skurrilen Texte. Anderson ist Kult. Ohne ihn hätte die britische Rockband Jethro Tull keinen weltweiten Ruf erlangt, deren Mitbegründer er 1967 war. Bis zum Ende war er dabei und lässt sie weiterleben.

Also nichts wie hin in den Großen Saal der Stadthalle, sagten sich die jung gebliebenen Fans. Die ganz frühen Tull-Titel „Living In The Past“ und „Nothing is easy“ aus dem Jahr 1969 kamen so richtig fetzig von der Bühne. Der Wiedererkennungseffekt war groß. Die Leute waren zufrieden.

Etwa 40 Jahre Jethro-Tull-Geschichte wurden in den zwei Sets geboten. Sehr viel altes wie Neueres war dabei: „Thick as a Brick“, „Aqualung“, „Fruits of Frankenfield“, „Too old to Rock’n’Roll too young to die“, und und und. Eine Bourée wie eine Toccata vom alten Johann Sebastian Bach wurden nicht ausgelassen. Erste Sahne waren die Lichteffekte. Eine konzeptionelle Show war zu erleben, wenn zu den Nummern passend Spots von Ackerböden, Waldlandschaften oder das Ambiente eines Biologielabors an die Leinwand geworfen wurden.

John O’Hara an den Keyboards, Bassist David Goodier, Drummer Scott Hammond und Florian Opahle an der E-Gitarre sorgten für erstklassige heavy Sounds. Beim genauen Hinhören merkte man Anderson dagegen sein fortgeschrittenes Alter an: Seine Gesangsstimme hat nachgelassen, wirkte ein wenig gequält, nicht mehr gleichmäßig. Also beschränkte er sich. Dafür waren als Video Unnur Birna Björnsdóttir und ihr Kollege Ryan O’Donnell zu sehen und ihre tolle Stimmen aus der Beschallungsanlage zu hören. Erst beim letzten Stück, dem zeitlosen „Locomotive Breath“, zu endlosen auf den Schirm projizierten Bahngleisen und Zügen, verwandelte sich der Saal in ein Tollhaus. Keinen hielt es mehr auf den Stühlen. Es wurde so richtig abgerockt und gejubelt.

Dann ist auf einmal Schluss mit dem Happening. Aus dem Off, wie bei einem Filmabspann, werden Band und Crew vorgestellt. Die Saalbeleuchtung geht an, Hintergrundmusik tönt aus den Lautsprechern. Hätte man sich nicht eigentlich auch das Event daheim von einer Blueray Disc auf der Flimmerkiste mit guten Lautsprechern anschauen können? Hinsichtlich perfektem Sound, Moderationen, allen visuellen Effekten, aber auch neutraler Präsentation - das Publikum wurde zu keiner Zeit direkt angesprochen - wäre schwerlich ein Unterschied auszumachen gewesen.

Ian Anderson feiert Ende des Jahres sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Er ist weltweit berühmt dafür, die Querflöte in der Rockmusik hoffähig gemacht zu haben. Obwohl er Autodidakt als Flötist ist, ziehen vor ihm studierte Musiker den Hut. Charakteristisch ist seine Überblastechnik, das Spiel mit flatternder Zunge und das Mitsingen wie -summen der gespielten Töne.

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