Satire: 35 Jahre iTALien - geliebt und verbrannt

Satire : 35 Jahre iTALien - geliebt und verbrannt

In den 1980er Jahren erhitzte das Wuppertaler Satireblatt mit provokanten T-Shirts und aufreizenden Nonnen die Gemüter. Uwe Becker blickt zurück.

Die Zeiten für Satiriker sind härter geworden. Uwe Becker legt die Stirn in Falten: „Heute regt sich keiner mehr auf.“ Das merke man auch bei der Satire-Zeitschrift „Titanic“, in der Becker regelmäßig Fotowitze veröffentlicht. „Die werden nur noch von der katholischen Kirche verklagt“, sagt Becker. Ein geringer Trost.

Anders in den 80er Jahren. Da wurde Uwe Becker als Chefredakteur des Wuppertaler Satire-Magazins iTALien auf der Straße von den unhöflichen Kritikern geschubst und von den höflichen mit einer Anzeige bedroht. Einmal gab es sogar eine iTALien-Verbrennung, von der Uwe Becker heute noch gerne berichtet. Irgendwann Mitte der 80er Jahre als die Weltpolitik mal wieder schlechte Laune machte, rief das Satire-Magazin auf der Titelseite zu „Besonnenheit“ auf, dazu eine Karikatur von einer Nonne, der beim Kopfstand mit Spagat die Kleidung nach unten rutscht. Da sei dann eine Gruppe autonomer Frauen durch die Kneipen gegangen, habe die ausliegenden Hefte eingesammelt und schließlich vor den damaligen iTALien-Redaktionsräumen verbrannt, berichtet Uwe Becker. „Da dachte ich: Jetzt ist es wieder soweit. Aber irgendwie war das auch lustig.“

Dabei war iTALien eigentlich als Veranstaltungsheftchen geplant. 13 Institutionen wie die Börse, das Katzengold, das Haus der Jugend und die JazzAGe saßen 1984 an einem Tisch und gründeten den Verein, der die Publikation herausgeben sollte. „Da kamen dann zu den Treffen von jedem auch noch zwei Leute und man musste ewig über alles mögliche diskutieren. Eigentlich furchtbar“, erinnert sich Uwe Becker.

Immer wieder ein Kampf
gegen das finanzielle Aus

Nach einem unlustigen Start mit vielen Anzeigen und Veranstaltungstipps wurde nach einigen Ausgaben mit verschiedenen neutralen Titeln, die zum Beispiel über ein Schülerprojekt realisiert wurden, von Uwe Becker immer mal wieder ein satirisches Titelbild eingestreut. Später entwarf er die humorige Seite „Ex und Hopp“.

Im Laufe der Jahre verlor iTALien die alte Struktur und kämpfte immer wieder gegen das finanzielle Aus an. 2002 druckte das Blatt seine erste „Notnummer“ und suchte offensiv nach neuen Partnern. Das lief so erfolgreich, dass seither jede Ausgabe den Zusatz „Notnummer“ trägt. Später reichten die Anzeigen noch für eine 16-seitige Ausgabe mit viel Satire – das heute bekannte Format.

Eine weitere wichtige Finanzspritze gab es Ende der 90er Jahre. 1998 waren laut Becker plötzlich viele Geschäftspartner, die Anzeigen geschaltet hatten, pleite und die Zahlungen blieben aus. Geld floss erst wieder durch ein provokantes T-Shirt in die Redaktionskasse. Der Verein verkaufte tausendfach Kleidungsstücke mit einem Schwebebahnaufdruck und der Aufschrift „Ich trau mich“.

Klingt eigentlich harmlos, sorgte aber bei den Wuppertaler Stadtwerken für wenig Begeisterung: Das Jahr lautete nämlich 1999 und die Schwebebahn war gerade abgestürzt. Sogar mit einer Anzeige hätten die WSW deswegen gedroht. Später habe man aber bemerkt, dass das T-Shirt eigentlich eine positive Aussage hat, sagt Becker, gesteht aber auf Nachfrage auch: „Ja, ein bisschen Satire war dabei.“

Und Satire darf ja bekanntlich alles. Oder? „Der Satz ist eigentlich Quatsch“, sagt Uwe Becker. Schließlich dürfe man für Satire niemanden umbringen. Die Grenzen stecke jeder Mensch selber für sich ab. Und Uwe Beckers Grenzen? Da grinst der Chefredakteur und sagt: „Ich mache keine Witze über die WSW.“ Die würden nämlich weiterhin regelmäßig ganzseitige Anzeigen schalten.

Eine Grenze blieb über die Jahre klar abgesteckt: Wuppertaler Politiker waren definitiv nicht sicher davor, im Satire-Heft genannt und durch den Kakao gezogen zu werden.

Während sich laut Becker manche Lokalpolitiker beschwerten, wenn sie nicht für wichtig genug gehalten wurden, um in iTALien aufzutauchen, reagierten andere allergisch auf den Humor. Der ehemalige CDU-Bürgermeister Hermann-Josef Richter habe die Publikation einmal stilistisch mit dem NSDAP-Heft „Der Stürmer“ verglichen. Er war auch einer der „Glücklichen“, die vom Blatt zum „Kasper des Monats“ gekürt wurden. Doch das habe nicht den größten Aufschrei gegeben. Auf dem umstrittensten Titelblatt prangte eine Überschrift im Zeitungsstil: „Böll tot – Springer tot. 1:1“.

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