25 Jahre nach Tschernobyl: Wuppertal hilft den Vergessenen

25 Jahre nach Tschernobyl: Wuppertal hilft den Vergessenen

Wie die Reaktor-Katastrophe Wuppertal bis heute bewegt — weit über Spendensammlungen und Aktionismus hinaus.

Wuppertal. Heute laufen alle Fäden zusammen — und das in einer Form wie niemals zuvor: Während sich die Welt an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf den Tag genau vor 25 Jahren erinnert und mit größter Sorge nach Fukushima blickt, sind zehn Wuppertaler in Weißrussland unterwegs, um den Menschen in genau jenen Regionen zu helfen, die seit nunmehr einem Vierteljahrhundert unter den Folgen des Atomunglücks in der Ukraine leiden.

Vom 18. bis zum 29. April wird der Hilfstransport mit Lastwagen dauern — mit Spendenpaketen an Bord, die wochenlang in der Stadt zusammengetragen wurden und einmal mehr unterstreichen, dass Wuppertal die Not in den Krisengebieten, die in Weißrussland offiziell immer noch keine Krisengebiete sein dürfen, nicht vergessen hat. Dem Hilfskonvoi folgt im Juni der Gegenbesuch, wenn Kinder aus Weißrussland ihre Ferien wieder bei Gastfamilien in Wuppertal verbringen — und das fern aller Sorgen.

Eines zu betonen, ist Angela Dicke von der Wuppertaler Hilfe für Kinder von Tschernobyl in diesen Tagen besonders wichtig: „Unsere Aufgabe liegt nach wie vor bei den Menschen — und nicht in der Politik.“ Sich nicht instrumentalisieren zu lassen, ist letzten Endes eine Konsequenz aus Erfahrungen, die bis ins Jahr 1992 zurückreichen. Und damit in eine Zeit, in der Tschernobyl als jahrelang verheimlichte Katastrophe wieder aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden drohte. Damals reiste Angela Dicke gemeinsam mit der Wuppertalerin Waltrud Bingemann zum ersten Mal nach Weißrussland — ohne die Möglichkeit, sich vorab ein präzises Bild von der Lage dort machen zu können, wie es heute das Internet ermöglicht.

Diese Reise ins Ungewisse lieferte Eindrücke, die zum Jahrestag und mit einem Blick nach Japan wieder hochaktuell sind: Da treffen Menschen unter Atemschutzmasken auf Menschen, die keine tragen, weil sie dort zu Hause sind. Hinzu kam, dass die Bevölkerung in den verstrahlten Gebieten von ihrer Regierung jahrelang darüber im Unklaren gelassen wurde, was sich in ihrer Nachbarschaft ereignet hatte.

Während auch in Deutschland reihenweise Sandkästen geräumt und daheim H-Milch-Vorräte angelegt wurden, ging das Leben in Weißrussland so weiter, als sei nichts geschehen — inmitten der Strahlung. „Leben in der Todeszone“ hieß ein Fernsehbeitrag des Korrespondenten Gerd Ruge, der die Gründer der Wuppertaler Hilfe für Kinder von Tschernobyl motiviert hat. „Mütter zu sehen, die darum bitten, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen“ habe sie tief bewegt, erinnert sich Dicke.

Mehr als 20 Jahre später liegen etliche Spendentransporte und Kinderferien hinter einer Wuppertaler Hilfsorganisation, die immer wieder um öffentliche Aufmerksamkeit ringen musste, um mit der Unterstützung von Schulen und Arztpraxen eine langfristige Hilfe zu sichern.

Die Helfer im Konvoi sind sich des Risikos bewusst, das mit einer Reise in verstrahlte Regionen verbunden ist. „Jeder von uns entscheidet das für sich alleine“, sagt Angela Dicke. In Weißrussland werden die Wuppertaler jetzt erfahren, was die Menschen dort überhaupt über Fukushima wissen — 25 Jahre nach der Katastrophe vor ihrer Haustür.

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