22 000 Postkarten zeigen Wuppertal in allen Ansichten

Sammler aus Leidenschaft : 22 000 Postkarten zeigen Wuppertal in allen Ansichten

Rainer Thiel besitzt mehr als 22 000 Ansichtskarten aus dem Stadtgebiet. Einen kleinen Teil stellt er ab Dienstag im Rathaus aus.

Er hat sie alle. Also fast. 22 000 Ansichtskarten mit Wuppertaler Motiven hat Rainer Thiel gesammelt. 95 bis 98 Prozent von dem, was vor 1945 veröffentlicht wurde, schätzt er, befindet sich fein säuberlich in Kartons sortiert bei dem 57-Jährigen. Ob Ansichten des Döppersbergs, irgendwelche Kotten am Rande der Stadt, Privatfotos als Postkarten verschickt, Scherzkarten, Karikaturen, haufenweise die Schwebebahn, und, und, und. Passend zum Stadtjubiläum zeigt er ab dem heutigen Dienstag im Lichthof des Rathauses in Barmen einen Teil seiner Schätzchen. „Zum ersten Mal“, sagt Thiel.

Bekannt ist er in Wuppertal seit Jahrzehnten, als Generalbeauftragter der DKV und jetzt Ergo. Einen „Netzwerker“ nennt er sich selbst. Doch sein Hobby, seine Karten hatte er noch nie öffentlich präsentiert. „Jetzt wurde es mal Zeit“, freut er sich auf die Ausstellung. Wobei, betont er, ja nur ein Bruchteil zu sehen sein wird. 672 Karten stehen in gut 25 Rahmen zum Anschauen bereit. Alleine diese auszuwählen, sei eine Heidenarbeit gewesen. Die Qual der Wahl, sozusagen. Alle 20 000 Karten habe er sich dafür angeschaut. Auch zum ersten Mal.

In die „engere“ Auswahl kamen dann um die 1200 Exemplare. Eine Zahl, die er dann noch einmal um die Hälfte reduzieren musste. 50 bis 60 Stunden habe er alleine gebraucht, um „die Sahne der Sahne zu filtern“, wie er sagt. Und seine Karten dabei auch „neu“ kennengelernt. „Ich habe sie mal aus Sicht des Betrachters, nicht des Sammlers gesehen.“ Denn auch, wenn eine Karte vielleicht wertvoll sei, „wenn die hässlich ist, interessiert die doch keinen“, sagt Thiel lachend.

Postkartensammler Rainer Thiele. Foto: Andreas Fischer

Die Karten, die er zeigt, sollen vor allem eins: unterhalten und begeistern. Auf langwierige Texte dazu habe er bewusst verzichtet. Das Publikum im Lichthof wolle vor allem gucken, nicht lesen, ist er überzeugt. Hier und da mal ein zur Karte passender, meist lustiger Spruch, das war’s. Den Rest machen die Bilder. Wobei es nicht nur ein Schwelgen in der Vergangenheit sein soll.

Döppersberg und Alter Markt
im Wandel der Zeit

Der Hauptteil seiner Sammlung stamme zwar aus der Zeit vor 1945, viele aus dem 19. Jahrhundert, als vom Bergischen Land, aber auch schon vom Wupperthal die Rede war. Doch ihm ging es auch darum, Entwicklungen aufzuzeigen, die bis in die Gegenwart reichen. So zeigen mehrere Rahmen zum Beispiel Ansichten des Döppersbergs über die Jahrzehnte. Auch Karten der Bahndirektion sind ausgestellt. Garniert mit dem Spruch „Was wird da wohl draus?“. Und damit die Barmer nicht traurig sind, hat er auch verschiedene Ansichten des Alten Marktes und seiner Entwicklung ausgesucht.

„Bergische Blagen“ ist diese historische Postkarte überschrieben, die Kinder vor der Schwebebahn zeigt. Foto: Fischer, Andreas H503840

Das nicht ganz einfache Verhältnis zwischen Barmen und Elberfeld wird auch an einigen Karten deutlich, die im Vorfeld der Stadtgründung veröffentlicht wurden, und sich humoristisch mit dem Thema auseinandersetzten. Zu sehen ist unter anderem auf einer, wie Barmen Elberfeld schluckt — was die Elberfelder natürlich völlig anders gesehen haben dürften.

Viel Raum nimmt das Thema Verkehr ein. Über allem schwebt, im wahrsten Sinne des Wortes, natürlich die Schwebebahn. „Kein anderes Motiv gibt es so häufig.“ Aber auch die Bergbahn, die Straßenbahn, alte Züge und Zeppeline zieren die Ausstellungsstücke. Die Luftschiffe, so kann man fast den Eindruck gewinnen, waren früher Dauergäste im Wuppertal, so oft sind sie auf Karten zu sehen. Wobei, schränkt Thiel ein, viele der Foto-Ansichten auch retuschiert wurden, der Zeppelin zumindest zum Zeitpunkt der Aufnahme gar nicht im Tal war. Ein Vorläufer also vom heutigen „Photoshoppen“. Ziel war es, möglichst viele Verkehrsmittel auf eine Karte zu bannen.

Seine Leidenschaft sei ein Virus, sagt Thiel schmunzelnd, gepflanzt von seiner Mutter. An seinem fünften Geburtstag hatte die dem kleinen Rainer ein Briefmarkenalbum geschickt. Jahr für Jahr kam ein weiteres dazu. Zunächst blieb es auch bei den gezackten Papierchen, ehe er, schon Jahre später, durch Zufall an eine größere Sammlung Postkarten kam. „Da waren auch Wuppertaler dabei“, erinnert er sich. Seinen ersten Rahmen mit Karten stellte er dann in seinem Büro in der Elberfelder Fußgängerzone auf — und die Karten zeigten eben diese im Wandel der Zeit. Irgendwann reichte ihm die Innenstadt aber nicht mehr. Ganz Elberfeld kam dazu, dann die anderen Stadtteile, schließlich auch die Bereiche an den Stadtgrenzen.

Ganze Sammlungen kaufte er auf, mehr und mehr kam dazu. Wieviel er über die Jahre ausgab, will er lieber nicht sagen. Sein Hobby beschreibt er leicht amüsiert mit „Ganz schön bekloppt, oder?“. Drei Mal im Jahr ist Thiel auf den großen Wuppertaler Flohmärkten vertreten und bietet da seine Überbestände an. „Um Platz zu schaffen, damit ich nicht komplett zum Messie werde.“ Sammler, sagt er, „haben doch alle eine kleine Macke“. Sie sind, das wusste angeblich schon Goethe, aber auch glückliche Menschen.

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