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20 Jahre „Arbeit statt Knast“

20 Jahre „Arbeit statt Knast“

Wichernhaus Wuppertal vermittelt Verurteilte, die ihre Geldstrafe nicht zahlen können, in gemeinnützige Jobs.

Wuppertal. Die Abwärtsspirale beginnt im Kleinen. Schwarzfahren, Ladendiebstähle oder Schwarzarbeit ahnden die Gerichte meist mit Geldstrafen. Das Problem: Wer nicht bezahlen kann, muss ersatzweise ins Gefängnis. Um diesen harten Schlag abzufedern, setzt sich die Fach- und Vermittlungsstelle Wichernhaus Wuppertal seit 20 Jahren unter dem Motto „Schwitzen statt Sitzen“ für Straffällige ein und vermitteln diese in gemeinnützige Arbeit, wo sie ihre Strafe alternativ ableisten können. „Voraussetzung dafür ist, dass die Verurteilten der Staatsanwaltschaft belegen können, dass sie das Geld nicht haben“, sagt Sozialpädagoge Falk Pieper, Leiter der Wuppertaler Vermittlungsstelle.

In den meisten Fällen gehe es um Geldstrafen von etwa 500 Euro. „Das entspricht 50 Tagen Haft oder 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit“, erklärt Pieper. Rund 700 bis 800 Fälle aus Wuppertal — aber auch aus dem Kreis Mettmann, Solingen und Remscheid — bearbeitet Pieper jährlich. Er kann inzwischen auf ein Netzwerk von 560 Kooperationspartnern zurückgreifen. Darunter etwa das Deutsche Rote Kreuz, der Zoo, Kirchengemeinden, Schulen und Sportvereine. Was am besten auf die Straffälligen passt, zeigt sich im Gespräch mit Pieper. „Es wird niemandem etwas aufgedrückt“, sagt er.

Entscheidend seien die Veranlagung seines Gegenübers und eine räumliche Nähe zum Wohnort. Darüber hinaus gibt es in der Arbeit mit Straffälligen ein paar Fallstricke, die es zu umgehen gilt. „Bei Diebstahlsdelikten schicken wir die Leute nicht ins Altersheim, bei Drogendelikten nicht ins Krankenhaus und bei Missbrauchsfällen schließen sich Schulen aus“, sagt Pieper. Allerdings seien solche harten Fälle die Ausnahme. „Das Hauptdelikt bei uns heißt Schwarzfahren“, berichtet der Sozialpädagoge.

Mit der Vermittlung ist die Arbeit des Wichernhauses noch nicht erledigt. „Es ist auch viel Betreuungsarbeit gefordert“, sagt Pieper, der es oft mit Menschen zu tun hat, die länger nicht gearbeitet haben. Manchmal gebe es zu Beginn kleinere Probleme, die eines Kümmerers bedürfen. Falk Pieper nennt ein Beispiel: „Manche fühlen sich bei der Arbeit zu streng angesprochen und erscheinen schon nach ein paar Tagen nicht mehr.“ Dann legt sich die Vermittlungsstelle letztmalig ins Zeug, um eine Haftstrafe abzuwenden.

Dass die gemeinnützige Arbeit dem Gefängnis vorzuziehen ist, das sehen alle Seiten so. „Eine Haft mit ihren gravierenden Folgen für die verurteilte Person zu vermeiden, ist in diesen Fällen eine sehr gute Sache“, davon ist der Leiter der Staatsanwaltschaft Wuppertal, Michael Schwarz, überzeugt, „denn der Richter hat ja bei seinem Strafmaß eine Geldstrafe für ausreichend gehalten — Gefängnis wird erst bei schwereren Delikten verhängt.“ Außerdem, so der Leitende Oberstaatsanwalt, werden durch die verrichtete Arbeit das Gemeinwohl gefördert und Kosten vermieden: „Haftvollzug ist teuer.“

Erst in seinem 20. Jahr wurde Pieper nun von der Landesregierung ausreichend finanziell unterstützt. Das Wichernhaus Wuppertal kann seit Mitte des Jahres mit 1,5 Stellen planen. Bislang war Pieper mit einer Halbtagsstelle auf sich allein gestellt.