90 Wuppertaler Jahre: 1956 - das goldene Jahr des Wuppertaler Sports

90 Wuppertaler Jahre : 1956 - das goldene Jahr des Wuppertaler Sports

Zwei Männer haben sich und ihre Stadt für immer und ewig in die Annalen der Olympischen Spiele eingetragen, zwei Männer und zwei Pferde. Eines davon war echt.

Der Wuppertaler Sportverein war gerade einmal zwei Jahre alt. Seine ganz großen Zeiten lagen noch vor ihm. Bis dahin sollten noch fast drei Dekaden vergehen. Und doch ist 1956 als das wohl erfolgreichste, zumindest aber goldenste Jahr in die Sportgeschichte der Stadt eingegangen. Und Pferde spielten dabei in verschiedener Weise eine zentrale Rolle.

Das Wirtschaftswunder von Westdeutschland hatte sein Höchsttempo aufgenommen, in Ostdeutschland versuchte der Arbeiter- und Bauernstaat den Versprechungen der Sozialistischen Einheitspartei gerecht zu werden, und im Sport gab es die Teilung Deutschlands nicht. Zwei Jahre zuvor war Deutschland in Bern Fußball-Weltmeister geworden und nach seinen dunkelsten Jahren endlich auch sportlich wieder Teil der Weltfamilie. Dass die geteilte Nation sowohl nach Stockholm als auch nach Melbourne eine gemeinsame Olympia-Mannschaft entsandte, gaukelte eine Normalität vor, die es politisch nicht gab. Westdeutschland war auf dem Weg in die Nato, Ostdeutschland befand sich längst in den Klauen der Sowjetunion. Aber der Sport folgte der Mär, dass er nicht politisch sei und schickte 172 gesamtdeutsche Athleten, darunter 24 Frauen, nach Schweden und Australien.

Dass die Pferdesportler nicht auf den fünften Kontinent durften, stand bereits seit 1953 fest. Australien war nicht bereit, seine Quarantänebestimmungen zu verändern. Die Idee, sämtliche Reiter auf australischen Pferden reiten zu lassen, fand ebenfalls keine Mehrheit. Das war gut so, sonst hätte Wuppertal vermutlich eine Goldmedaille weniger in seiner Sporthistorie.

Schließlich war es Halla, die legendärste Stute des deutschen Reitsports, die den erfolgreichsten deutschen Reiter aller Zeiten über Oxer und Kombinationen tragen sollte. Ohne Halla wäre Hans Günter Winkler in Stockholm wahrscheinlich nicht Olympiasieger geworden, und ohne Winkler wäre Halla die Ehre vermutlich auch versagt geblieben, auch wenn der Reiter seinem treuen Pferd später stets den Löwenanteil am Erfolg überließ. Winkler hatte sich im ersten Umlauf an der Leiste verletzt, hätte eigentlich aufgeben müssen, gab aber nicht auf. Halla trug seinen verletzten Reiter scheinbar traumwandlerisch sicher über die Hindernisse, kaum angeleitet von Winkler, dessen Wertschätzung für sein Pferd fortan stetig stieg. Durch dieses wunderbare, wundersame und in der Reitsportgeschichte einmalige Gespann wurden die Reiterspiele von Stockholm für Deutschland und Wuppertal goldene Spiele. Aber sie sollten für Wuppertal in diesem denkwürdigen Jahr nicht die einzigen bleiben.

Denn 1927 wurde in Speyer in der Pfalz ein Junge geboren, der später für Wuppertal Turnergeschichte schreiben sollte. Helmut Bantz startete in den 1950er Jahren für den LTV Wuppertal und war 36 Jahre alt, als am 22. November in Melbourne die Olympischen Sommerspiele eröffnet wurden. Er war über Jahre einer der Besten des Turnfaches, aber mit 36 eher kein Kandidat mehr für eine Platzierung ganz weit vorn.

Dass es anders kam, dass Bantz im Pferdsprung die Phalanx der sowjetischen Turner brechen konnte, ist eine der Geschichten, die nur Olympische Spiele schreiben konnten. Jahre später bezeichnete Bantz seinen Goldsprung als eher durchschnittlich. Das haben die Wertungsrichter offenbar anders gesehen, als sie ihn mit Walentin Muratow ganz oben auf dem Treppchen platzierten. Die Einschätzung der eigenen Leistung drückt vielleicht den Ehrgeiz aus, mit dem Bantz über einen so langen Zeitraum und auch über die Kriegsgefangenschaft hinweg in seinem Sport Außergewöhnliches leistete.

Für den LTV Wuppertal ist er einer der Größten, wenn nicht der Größte in der Vereinsgeschichte, die vor allem im Handball mit Weltstars wie Schöne  und Wassiljew gespickt ist. Mit bekannten Persönlichkeiten einer Stadt ist das immer so eine Sache. Viele, die ihre Fußabdrücke in der Geschichte Wuppertals hinterlassen haben, sind nicht an der Wupper geboren oder haben die Stadt in jungen Jahren verlassen. Das gilt auch für die beiden Goldmedaillen-Gewinner. So ist Winkler im Grunde nie ein echter Wuppertaler geworden. 1932, als er sechs Jahre alt war, zog der Vater mit der Familie nach Dortmund. Zwar blieb Winkler seiner Heimatstadt zeit seines Lebens verbunden. Aber wenn er gefragt wurde, antwortete er stets: „Ich bin Barmer.“ Da Barmen seit 1929 auch Wuppertal ist, sind die insgesamt fünf Goldmedaillen, die Hans Günter Winkler bis einschließlich 1972 für Deutschland bei Olympischen Spielen gewonnen hat, mit Fug und Recht auch Wuppertaler Goldmedaillen.

Ebenso berechtigt taucht der Titel von Helmut Bantz in der Sportgeschichte der Stadt auf, allerdings auch mit Barmer Wurzeln, wo der große Langerfelder Turnverein seit 1885 seine Wurzeln hat. Bantz hielt dem Verein über viele Jahre die Treue und machte sich nach der aktiven Karriere in Köln an der Sporthochschule einen Namen. Zu seinen prominentesten Schülern in der Trainerausbildung zählte auch ein gewisser Hennes Weisweiler, der später mit Borussia Mönchengladbach im Fußball Furore macht. Auch dabei hatte Helmut Bantz vorübergehend seine Finger im Spiel. Er war Konditionstrainer der legendären Fohlen-Elf.

Helmut Bantz ist 2004 im Alter von 83 Jahren nach langer und schwerer Krankheit in seinem Wohnort Pulheim bei Köln gestorben.

Hans Günter Winklers letzter offizieller Besuch seiner Geburtsstadt fand 2008 statt und endete mit dem Eintrag ins Goldene Buch Wuppertals. Winkler, der erfolgreichste Springreiter aller Zeiten, starb am 9. Juli 2018 in seiner langjährigen Wahlheimat Warendorf. Er wurde fast 92 Jahre alt.

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