1918: Ein Jahr geprägt von Revolution und Not

1918: Ein Jahr geprägt von Revolution und Not

Vor 100 Jahren bestimmte der Hunger den Alltag. Dem vierten Kriegswinter folgten Streiks und der Sturz der Monarchie.

Der vierte Kriegswinter hatte wieder eine strenge Frostperiode. Nicht nur der Rhein, sondern auch der Rheinfall bei Schaffhausen war zugefroren. Wie im Winter davor litten die Menschen Hunger und es war ungeheuer aufwendig und schwierig, sich mit den allernötigsten Lebensmitteln und dem Hausbrand, den Kohlen, zu versorgen. Die wöchentliche Menge Brot pro Person lag bei 3, 5 Pfund — am Beginn der Rationierung 1915 war es doppelt so viel gewesen. Das Pfund Brot bestand nur zu 350 Gramm aus Mehl — der Rest waren Streckmittel und Ersatzstoffe. Das Kriegsbrot war feucht und pappig. Vollmilch gab es nur für Kinder.

Da die Transportmittel, Fuhrwerke und Eisenbahnwagons, knapp waren, mussten sich die Barmer die Kohle auf dem Zirkusplatz, dem Carnaper Platz, oder direkt bei der Zeche in Sprockhövel abholen. Vor dem Zechentor bildeten sich lange Schlangen von Bollerwagen und Schlitten, mit denen man die Säcke über die Distanz von teils 14 Kilometern transportierte. Die Elberfelder hatten es da einfacher. Die Straßenbahn, die sogenannte „Rundbahn“, die vom Kohlenlagerplatz am Ottenbrucher Bahnhof durch die Innenstadt, die Gathe und am Mirker Bahnhof vorbei wieder zur Bayreuther Straße fuhr, transportierte die Kohle auf einem Anhänger. An den Haltestellen konnte man die dort ausgeladene Kohle abholen.

Wegen Kohlemangel wurden die Klassenräume kaum beheizt. Viele Kinder aus den Arbeitervierteln gingen nicht zur Schule, sondern machten die Straßen unsicher, darunter auch junge Mädchen, wie die Zeitungen erschrocken bemerkten. Diebstähle, Hehlerei und Bandenkriminalität, nahmen zu. Alles, was man zum Leben benötigte, Fett, Milch, Gemüse, Seife, Petroleum, Fisch, vor allem aber die Grundnahrungsmittel Kartoffeln und Brot, wurden nur als Lebensmittelkarten abgegeben, die zu besorgen schon ein logistischer Aufwand war.

Seit dem Jahr 1917 - eine Zäsur der Geschichte - lag über Europa und auch über Barmen der Hauch von Revolution. Im Februar 1917 war in Russland der Zar gestürzt worden und seither war das Land in Aufruhr. Die Front löste sich auf und die Soldaten verlangten Frieden und Brot, die Bauern eigenes Land. In Barmen waren fast zur gleichen Zeit 10 000 Frauen vor das Rathaus gezogen, hatten Brot verlangt und die Scheiben eingeworfen. Das Generalkommando in Münster hatte anschließend 300 Soldaten zusätzlich nach Barmen beordert, um die Ruhe in der Stadt zu gewährleisten. Wegen Plünderung und Aufruhr kamen einige „Rädelsführer“ ins Gefängnis.

Damals hatte sich die SPD, die stärkste Partei in den Städten Elberfeld und Barmen, in zwei Flügel gespalten. Die Kriegsgegner standen gegen die Gruppe um den Parteiführer Friedrich Ebert, die sich nicht dem Vorwurf des Vaterlandsverrats aussetzen wollte, die dem Kaiser die Kriegskredite immer wieder bewilligt hatte. Diese Gruppe, die große Mehrheit unter den Parlamentariern und Funktionären der SPD, war aber in Wuppertal eine klare Minderheit. Hier hatten sich fast 80 Prozent der mehr als 6000 Mitglieder auf die Seite der Kriegsgegner gestellt, die sich nun „Unabhängige“ Sozialdemokratische Partei (USPD) nannte. Doch die führenden Köpfe der „Unabhängigen“ im Wuppertal, die Redakteure Otto Niebuhr und Oskar Hoffmann, der jüdische Kaufmann Max Löwenstein und andere, hatte man angeklagt, verurteilt, ins Gefängnis oder an die Front geschickt. Otto Niebuhr, der leitende Redakteur der örtlichen Arbeiterzeitung „Freie Presse“, war nur drei Monate später verstorben und lag nun auf dem Ehrenfriedhof, neben den vielen anderen Opfern des Krieges.

Nun schien im Tal der Wupper alles ruhig und friedlich. Die Wuppertaler Zeitungen und auch der „Generalanzeiger“ waren zwar voll von Berichten über Unruhen in gegnerischen Ländern. Die Titel lauteten „Schreckenstage in Russland“, „Schwere Unruhen in Lyon und St. Etienne“, große Streiks und eine nahende „Revolution in England“. Aber von Unruhe in Deutschland las man nichts.

1918: Revolution

im Wupper-Tal

Am 27. Januar 1918 war die Stadt mit Fahnen reich geschmückt. Wie jedes Jahr wurde der Kaisergeburtstag mit Kundgebungen und Aufzügen, zu denen die Jugendkompanien mit ihren Kapellen aufspielten, gefeiert. Am Abend gab es eine große Feier in der Stadthalle. An diesem Tag lasen die Wuppertaler, versteckt in einem Bericht über die Reden im Reichstag, etwas von einem „Massenstreik“. In Berlin kursierte ein Flugblatt: „Rüstet zum Massenstreik in den nächsten Tagen.“ Der Staatssekretär des Inneren gab sich — auf eine Anfrage des liberalen Abgeordneten Friedrich Naumann (1860-1919) — sicher: „Ich habe eine viel zu hohe Meinung von der deutschen Arbeiterschaft, als das ich glaube, das auch nur ein kleiner Teil unserer politisch und wirtschaftlich denkenden Arbeiterschaft einem solchen nicht verantwortbaren Aufruf Folge leisten könnte.“ „Revolutionäre Obleute“ (Vertrauensmänner), einige „Unabhängigen“ und radikalen Kriegsgegner hatten am Kaisergeburtstag den Streikaufruf gegen Hunger und den Krieg verbreitet. Diesmal ging es nicht nur um eine bessere Lebensmittelversorgung wie im Vorjahr. Ermuntert durch die Bewegungen und Streiks in anderen Ländern, forderte man nun einen Frieden ohne Annexionen, die Einbeziehung der ausländischen Arbeiterorganisationen in die Friedensverhandlungen, die Freilassung der politischen Gefangenen, die Aufhebung der Zensur und — die alte sozialdemokratische Forderung — allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlen.

Schon am ersten Tag folgten dem Aufruf in Berlin 100 000 Menschen. Am folgenden Tag kam es zu Streiks in vielen anderen Städten. Die Abendausgabe des Generalanzeigers aus Barmen meldete: „Der Streik hat auch nach hier übergegriffen.“ Vor allem in den großen Rüstungsbetrieben traten die Arbeiter in den Ausstand. Betroffen waren etwa Dampfkesselfabrik Siller & Jamart und Vorwerk & Co., die in Friedenszeiten Teppiche produzierte, aber nun, während des Krieges, hochmoderne Maschinengewehre herstellte. Jeden Tag hörte man vom Schießplatz im Garten des Vorwerk-Geländes, gleich hinter dem Barmer Rathaus — dort wo auch heute noch die Vorwerk-Zentrale ist — das Geratter der Maschinengewehre, die vor ihrer Auslieferung getestet werden mussten. Die teuren Gewehre konnten bis zu 2000 Schuss in der Minute feuern. Nun war der Schießplatz still. Die Arbeiter wollten offensichtlich ein politisches Zeichen setzen. Sie streikten im Wechsel. Vormittags kamen einige Belegschaften nicht zur Arbeit und während sie am Nachmittag wieder zur Arbeit gingen, traten andere Belegschaften in den Streik.

Man schätzt, dass etwa ein Drittel der Metallarbeiter und Metallarbeiterinnen in Barmen sich an dem Streik beteiligt haben. Jedenfalls bildete die Stadt Barmen einen Schwerpunkt unter den an dem Streik beteiligten Städten in Westdeutschland. Um die Streikführung nicht noch radikaleren Kräften zu überlassen, traten in Berlin einige führende Politiker der beiden verfeindeten sozialdemokratischen Parteirichtungen in das Streikkomitee ein. Darunter waren drei Reichstagsabgeordnete aus dem Bergischen Land: Friedrich Ebert für den Wahlkreis Elberfeld-Barmen, Wilhelm Dittmann für den Wahlkreis Remscheid-Lennep-Mettmann — zu diesem Wahlkreis gehörten damals auch die Städte Ronsdorf, Cronenberg und Vohwinkel — und Philipp Scheidemann aus Solingen. Alle drei sollten im November 1918 Mitglieder des „Rates der Volksbeauftragen“, der deutschen Revolutionsregierung, werden.

Die drei Metallarbeitergewerkschaften im Wuppertal, der „freie“ (SPD), der christliche und der liberale Verband, schalteten schon am nächsten Tag in allen Wuppertaler Zeitungen eine große Anzeige. Unter der Überschrift „An die Arbeiterschaft der Rüstungsindustrie!“ kündigten die Gewerkschaften für den 2. Februar direkte Verhandlungen mit Vertretern des Reichernährungsamts in Berlin, der Bezirksregierung in Düsseldorf und dem Generalkommando in Münster über die materiellen Forderungen der Streikenden an. Die Verhandlung sollte im Rathaus Barmen stattfinden. Doch der zentrale Appell lautete: Lasst Euch keinesfalls zur Niederlegung der Arbeit verleiten. Die Militärbehörden im Landesinneren reagierten mit Repressalien. In Berlin und Umgebung wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Teilnehmer und Verantwortlichen sollten vor dem Kriegsgericht zur Verantwortung gezogen werden. Ein Ultimatum war bis zum 3. Februar gegeben. Nach wenigen Tagen brach der Streik zusammen. Wilhelm Dittmann etwa, ein führender „Unabhängiger“, wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Der wilde Streik im Januar bildete den Auftrag für das revolutionäre Jahr 1918. Nach einer verheerende Grippeepidemie und Niederlagen an der Front sollte es ab Oktober zu einer der größten Umbrüche in der deutschen Geschichte, zum Sturz der Monarchie und der Gründung der ersten deutschen Republik kommen. Im Oktober wurde Wilhelm Dittmann amnestiert und seine erste Reise führte ihn ins Bergische. Bei einer Veranstaltung in der Elberfelder Stadthalle, später auch in Ronsdorf, Remscheid und Essen, wurde er von mehreren tausend Anhängern begeistert gefeiert und bei der anschließenden Demonstration wie ein „König des Bergisches Landes“ — so schrieben die örtlichen Zeitungen — durch die Stadt geleitet.

Am 9. November wurden in Elberfeld, zeitgleich mit Berlin, die „freie Republik“ ausgerufen. Im Januar 1919 konnten erstmals auch die Frauen an den Wahlen zur Nationalversammlung, später zu den Stadtverordnetenversammlungen teilnehmen. Erstmals saßen auch Frauen in den Parlamenten. Über den Winter 1918/19 und im Jahr 1919 wurden auch auf kommunaler Ebene vielfältige Auseinandersetzungen über die neuen Verfassung, die Stellung der Arbeiterräte, die Sozialisierung der Wirtschaft, den achtstündigen Arbeitstag, die weltliche Schule, die Demokratisierung in Kommunen und Verwaltungen, die Gründung der Volkshochschule, des paritätisch verwalteten Arbeitsamtes und viele andere Fragen der gesellschaftlichen Neugestaltung geführt.

Die WZ wird die wichtigsten Aspekte und die lokalen Ereignisse dieses Umbruches vor 100 Jahren mit einer Artikelserie begleiten.