106 Wuppertaler Lehrer verlassen ihre Klassenräume

Abschied : 106 Lehrer verlassen den Klassenraum

Die Stadt Wuppertal lud angehende Pensionäre zum Empfang ins Barmer Rathaus ein.

Eine Menge von Gleichaltrigen, zum selben Zweck gekommen und sommerlich schick gekleidet: Ein wenig mutete die Versammlung im Rathaus an wie eine Zeugnisverleihung. Doch gewohnt waren die Akteure sonst den Auftritt auf der anderen Seite, und das über Jahrzehnte: Lehrer und Lehrerinnen waren zum Eintritt in den Ruhestand von der Stadt zum Empfang geladen.

106 Lehrende haben dieses Jahr die Altersgrenze erreicht. Bei vielen stand die Pensionierung zum nahen Schuljahrsende an. Doch galt die Feierstunde auch jenen, die schon zum Halbjahrswechsel im Februar ausgeschieden waren. Den Eindruck vom vitalen Treff teilte jedenfalls auch Oberbürgermeister Andreas Mucke: „Sie sehen gar nicht aus wie Pensionäre.“ Im Ratsaal sprach er von städtischer Seite seinen Dank aus: „Es ist wichtig für die Stadt, dass wir viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer haben.“ Im ersten Grußwort des Programms sprach er auch Härten und Probleme des Berufs an, wie mangelnde Anerkennung bei gleichzeitig hohen Erwartungen: „Man bekommt von allen Seiten Feuer, aber die Wertschätzung fehlt.“ Nicht unerwähnt blieb auch, dass die Politik sich um angemessene Ausstattung kümmern müsse. Einen Akzent setzte seine Ansprache beim Thema Lernen – am Beispiel der technischen Entwicklung und ihren Folgen für Pädagogen: „Was für ein Wandel!“, formulierte das Stadtoberhaupt mit Blick auf Smartphones und Co., „kommt man da noch mit? Auch Lehrer müssen lernen.“ Um mit dieser Lernbereitschaft dann auch wieder Vorbild für Schüler zu sein.

Ein Vortragender, viele Zuhörer: Wer die Situation für einen Moment mit Schule vergleichen wollte, hätte zweierlei bemerken mögen. Die Lehrer schienen einerseits aufmerksam und hörten zu, andererseits meinte man ein gutes Stück ungerührte Strenge zu spüren. Als Mucke den Sozialdezernenten lobte, seinen Weggefährten Stefan Kühn, regte sich auf sein „Danke, Stefan“ keine Hand zum Applaus, der immerhin in der Luft lag. Generell schien die Haltung gegenüber dem OB eher höflich-abwartend, der denn auch nur knappen Beifall erhielt.

Einige Pensionäre widmen sich anderen, ähnlichen Aufgaben

Anders die Reaktion auf das Grußwort von Regierungsschuldirektorin Susanne Cortinovis-Piel. Ein wenig schien es, erst hier tauten die Geehrten so recht auf. Mochte manches aus Muckes Ansprache etwas als Gemeinplatz von außen anmuten, sprach nun nicht zuletzt eine Kollegin. „Begeistern, Respekt verschaffen, zeigen, dass die Lerninhalte von großer Bedeutung sein werden“: Aus ihrer Aufzählung von Aufgaben des Berufs sprach merklich eigene Erfahrung. Auf Nicken in den Reihen stießen ihre Formulierungen wie: „Kommunikativ bewusster Schülerinnen und Schüler noch mitnehmen.“ Da schien anzuklingen, dass es auch genug Schüler gibt, die kaum zu erreichen sind – man verstand sich.

In Richtung Zukunft richtete schließlich Martina Haesen vom Personalrat für Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen den Blick. Nach einigen launigen Beispielen, wie man das Mehr an Zeit nun nutzen könne – „den Wellen zuschauen“ oder gar „nackt im Meer schwimmen“ –, setzte sie locker-flockig den Startschuss in den neuen Lebensabschnitt: „Werden Sie Wuppertals Roller-Rocker!“ Tatsächlich schien gerade bei diesem Beruf das „Danach“ nicht ohne Bedeutung. Wer sich noch ans eigene Schülerdasein erinnerte, mochte Lehrer bis heute vor allem als Einzelfiguren sehen: den oder die Einzige im Raum, die den Ton angeben soll und alle anderen, zumindest in puncto Blickrichtung, „gegen sich“ hat. Mehr als anderswo, war zu vermuten, stellte sich bei Lehrern die Frage nach einer erfüllten Pensionszeit.

Von den Geehrten hatten so manche sie sich offenbar schon beantwortet. Ulrich Klan, Musiklehrer an der Gesamtschule Else Lasker-Schüler, sah den Vorteil, sich „stressfreier“ anderem widmen zu können: besonders der Armin-T.-Wegner-Gesellschaft, der er seit Jahren engagiert vorsitzt – bislang parallel zum Schuldienst. Bei Linda Obst hatte sich schon vor längerem eine Veränderung ergeben: Die Pädagogin der Förderschule des Landschaftsverbands Rheinland hatte demnach die vergangenen neun Jahren in halber Stelle gearbeitet, freilich andere Aufgaben an der Schule übernommen. Sie lobte, dass auch ihre Schulform inzwischen zur Verabschiedung eingeladen werde.

Adelheid Herkenrath vom Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium hatte schon viel geplant und sagte sogar: „Ich habe weniger Zeit als bisher!“ Unter anderem werde sie Literaturkurse an der Volkshochschule geben; auch wenn das ihrem Fach Deutsch (neben Französisch) entspricht, ging es ihr dabei nicht um besondere Nähe zum Lehrerberuf. Mit ihrer Pensionierung war sie eine derjenigen, die das „Danach“ schon einige Monate kannten und zu nutzen wussten – eine Erfahrung, in der viele andere im Saal jetzt nachziehen werden.

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