100 Politische Runden - 50 Jahre Wuppertaler Zeitgeschichte

100 Politische Runden - 50 Jahre Wuppertaler Zeitgeschichte

Das 1961 von Otto Roche gegründete Diskussionsforum feierte Jubiläum.

Wuppertal. Johannes Rau, Hans-Dietrich Genscher, Gregor Gysi, Pina Bausch, Claudia Roth — sie alle stellten sich im vergangenen halben Jahrhundert den Fragen der Politischen Runde. Am Samstag feierte das Highlight und zugleich Urgestein der politischen Bildung in Wuppertal 50-jähriges Bestehen. „Die politische Runde der Bergischen Volkshochschule ist für viele Bürger ein fester Termin im Kalender“, sagte Sparkassen-Chef Peter Vaupel zur Begrüßung der rund 250 Gäste in der Stadtsparkasse am Islandufer.

Das Foyer wurde zur Bühne einer hochkarätigen, tiefsinnigen und — wie könnte es anders sein — politisch geprägten Gala mit Vorträgen, Interviews, Kabarett und Musik. 50 Jahre politische Runde, das bedeutet 1600 Veranstaltungen und rund 80.000 Gäste. An jedem Montag außerhalb der Ferien lockt die Runde mit lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Themen Referenten und „Rundlinge“ an. „Rundlinge, so nannten sich die Stammzuhörer der Runde in den frühen Jahren. Bekannt sind sie dafür, dass sie hartnäckige Fragesteller sind. Das haben zum Beispiel auch Gäste wie Abdallah Frangi, Generaldelegierter Palästinas, Yossef Levy, ehemaliger stellvertretender Botschafter Israels, und Baham Nirumand, iranischer Autor, erfahren.

„Dieses breite Themen- und abwechslungsreiche Referentenspektrum macht die Runde zu einem politischen Erlebnis“, lobte Oberbürgermeister Peter Jung. Professor Joachim Dorfmüller, selber Referent bei der politischen Runde zu musikgeschichtlichen Themen, spielte Werke von George Gershwin am Flügel. Ein politisches Kabarett mit Jutta Koster sowie die Fragerunde mit den Moderatoren der Politischen Runde, Michaela Heiser und Stefan Seitz, zur Entstehungsgeschichte des Forums und seiner Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten machten den Abend zu einer runden Sache.

Gegründet wurde das „politische Format“, wie es Jung auf Neudeutsch nannte, 1961 von dem Deutsch- und Geschichtslehrer Otto Roche. „Er machte die Veranstaltungsreihe mit Tradition zu einer einzigartigen ihrer Art bundesweit“, sagte Detlev Vonde, Leiter der Runde seit 2001. Die Politische Runde war Roches Antwort auf den Bau der Mauer.

Die Politische Runde sei in ihrer Kindheit ein fester Bestandteil des Familienlebens gewesen“, berichtete Claudia Roche als Ehrengast über die Leidenschaft und Akribie, mit der ihr Vater die Veranstaltungen und gemeinsamen Reisen der Runde plante. Roche — er starb 1999 — wollte das politische und kulturelle Leben der Welt zeigen. Auch heute noch wird in alter Manier politisch aktuell, geschichtlich kulturell und stets brisant referiert und diskutiert, immer mit dem Ziel, die Themen nicht abstrakt darzustellen, sondern politische Zeitgeschichte hautnah erlebbar zu machen. Ein Beispiel dafür, welche Informationsfülle dieses „Format“ erzeugen kann, lieferte die „Extra-Runde“, in der Detlev Vonde im Frage-und Antwort-Spiel mit dem Journalisten und Buchautor Andreas Zumach eine glasklare Analyse der Entwicklungen in der arabischen Welt gelang. Und so geht die politische Runde „hochbetagt, aber frisch wie eh und je in ihr 101. Semester“, sagte Vonde, der als Ziel ankündigte, vor allem auch jüngere Menschen für den Zuhörerkreis zu gewinnen.

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