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Wohlfahrtspflege: Viele Hürden bis zum muslimischen Kindergarten

Wohlfahrtspflege : Viele Hürden bis zum muslimischen Kindergarten

Die Wohlfahrtspflege von Muslimen und Aleviten will  sich professionalisieren. Ein erstes Pilotprojekt ist abgeschlossen.

Es gebe eine „Pflicht zur Zuversicht“, sagt Ufuk Cakir, Mitglied des Bundesvorstands der Alevitischen Gemeinde Deutschland. Der Anwalt bezieht sich auf die Zukunft der muslimischen und alevitischen Wohlfahrtspflege. Die soziale Arbeit der Moscheevereine und Gemeinden erfolgt bisher fast ausschließlich ehrenamtlich – und weitgehend außerhalb der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Ein vom Bundesfamilienministerium und NRW-Integrationsministerium gefördertes zweieinhalbjähriges Pilotprojekt in Wuppertal und Köln sollte das ändern.

Unter Federführung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes waren 17 Moscheegemeinden und zwei alevitische Gemeinden aus insgesamt drei Verbänden beteiligt. Als Impulsgeber hatte die Deutsche Islamkonferenz gedient, die 2015 die Wohlfahrtspflege zum Schwerpunktthema erklärte.

Gründe für die Initiative gibt es viele. In den Gemeinden findet ein Generationswechsel statt, der an vielen Stellen die bisher verbreitete Ehrenamtlichkeit infrage stellt. Gleichzeitig wächst die Forderung nach Professionalisierung und einer gleichberechtigten Teilhabe. Aber die muslimischen und alevitischen Gemeinden sind oft zu wenig kommunal vernetzt. Öffentliche Fördermöglichkeiten sind meist gar nicht bekannt.

Netzwerk- und Gemeindemanager zur besseren Einbindung vor Ort

Genau da setzte das jetzt abgeschlossene Projekt an. So durchliefen aus jeder Gemeinde ein bis zwei Vertreter eine Qualifizierung zum Netzwerk- und Gemeindemanager – mit dem Ziel einer besseren Einbindung in das gesellschaftliche Leben vor Ort. Trotz eines so intensiven wie unbekannten Engagements in der Flüchtlingshilfe wussten viele Gemeinden beispielsweise bis dahin nichts von Fördermöglichkeiten aus dem Komm-an-Programm des Landes.

Projektleiter Wilfried Theißen vom Paritätischen sieht in dieser „Selbstwachsamkeit“ einen der größten Erfolge des Projekts: „Die Gemeinden merken: Wenn wir was tun, können wir auch Erfolg haben.“ Der Lernprozess liegt dabei auf beiden Seiten: Die Vielfalt muslimischer Sozialarbeit wird durch die Öffnung überhaupt erst sichtbar, gleichzeitig muss ihr Anspruch auch anerkannt werden. Denn derselbe finanzielle Kuchen verteilt sich jetzt auf mehr Interessenten.

Doch vor einem gleichberechtigten Miteinander stehen noch hohe Hürden. Ein Grund: Der Islam in Deutschland ist zu heterogen. Alle Versuche, einen gemeinsamen Wohlfahrtsverband zu gründen, sind gescheitert. Zudem fehlt den islamischen Verbänden die Anerkennung als Religionsgemeinschaft. „Und der Islam aus sich heraus hat eine schwache Finanzierung“, sagt Norbert Feith, Referatsleiter im Bundesfamilienministerium. Das könne auch keine Frage der staatlichen Subventionierung werden. „Die Politik gründet keine Wohlfahrtsverbände.“

Theißen glaubt daher, dass die Zukunft der muslimischen und alevitischen Sozialarbeit in einer Art Graswurzelbewegung liegt. Lokale Folgen zeichnen sich bereits ab. In Wuppertal plant der Zentralrat der Muslime die Gründung eines Ortsverbandes, um mit Unterstützung der Stadt die Wohlfahrtspflege zu professionalisieren und die soziale Arbeit von der einzelnen Gemeinde abzukoppeln.

Bei dem einmaligen Projekt soll es nicht bleiben. Jetzt gehe es darum, die Ansätze in die Fläche zu bringen, sagt der Projektleiter. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW, in der sechs Wohlfahrtsverbände organisiert sind, will ab dem Frühjahr 2019 an sechs Standorten in NRW unter Federführung jeweils eines Verbandes weitere Gemeinden erreichen und einbinden.