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Experten sehen mehrere Faktoren, die dabei helfen können, das Virus in den kommenden Wochen weiter zurückzudrängen: Wird mit dem Sommer alles besser?

Experten sehen mehrere Faktoren, die dabei helfen können, das Virus in den kommenden Wochen weiter zurückzudrängen : Wird mit dem Sommer alles besser?

. Die aktuellen Corona-Zahlen bilden zwar nicht eins zu eins das Infektionsgeschehen ab. Trotzdem macht der Trend der vergangenen Woche Hoffnung. Denn: Der Anstieg der gemeldeten Neuinfektionen ist seit sechs Tagen in Folge weiter ausgebremst worden, und die Sieben-Tage-Inzidenz ist bundesweit rückläufig.

Auch der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert bewegt sich seit einigen Tagen unterhalb der kritischen Marke von eins.

Vorbei ist die dritte Welle nicht. Aber lässt der Abfall der Kennzahlen auf einen Sommer mit weniger Corona-Maßnahmen hoffen? Wissenschaftler und Politiker sind inzwischen zumindest optimistischer, als es noch Anfang März der Fall war. Dass die Corona-Fallzahlen sinken, sei „zumindest ein Grund zur vorsichtigen Hoffnung“, sagte der Virologe Friedemann Weber, Professor in Gießen.

Die Chancen stehen gut, dass sich die Lage nun stückchenweise weiter entspannen wird. Sinkende Inzidenzen ermöglichen laut aktuellem politischem Kurs dann auch mehr Freiheiten. Bei Werten unter 100 fallen beispielsweise die Ausgangsbeschränkungen weg, mehr Kontakte sind erlaubt, Freizeit und Sport ist eingeschränkt wieder möglich – wenn es regionale Regeln erlauben. Selbst Modellierer, die Anfang März in eigens berechneten Worst-Case-Szenarien für April und Mai noch bundesweite Inzidenzen um 300, 500 bis hin zu 2000 für möglich hielten, äußern angesichts der aktuellen Entwicklungen erstmals wieder mehr Zuversicht für die kommenden Wochen.

„Ich rechne nicht mehr mit einer Zunahme, aber auch nicht mit einer schnellen Abnahme“, sagte vergangene Woche der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin bei einer Anhörung im Parlamentarischen Begleitgremium Covid-19-Pandemie des Bundestags. Optimistischer zeigte sich die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation. Inzidenzen von deutlich unter 50 wie im vergangenen Sommer seien wahrscheinlich in den nächsten Wochen zu erreichen, sagte sie.

Auch SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach geht von einer spürbaren Verbesserung der Lage aus und verweist auf die deutlichen Impfeffekte, sobald die Hälfte der Bevölkerung eine erste Impfung bekommen hat. „Ende Mai wird dies für uns bedeuten, dass die Fallzahlen deutlich unter 50 fallen. Wir sind jetzt in der letzten Runde auf der Schlussgeraden“, schrieb Lauterbach am Samstagabend auf Twitter. „Der Sommer wird gut werden.“

Experten sehen mehrere Faktoren, die dabei helfen können, das Virus in den kommenden Wochen weiter zurückzudrängen. Die Temperaturen klettern weiter nach oben, was Sars-CoV-2 an sich bereits etwas zurückdrängen könnte. Aber auch das persönliche Verhalten ändert sich – die Menschen zieht es wieder nach draußen. Durch die Bundesnotbremse und weitere regionale Bestimmungen ist von einer veränderten Kontaktrate und Mobilität auszugehen. Der entscheidende Grund für Optimismus auf lange Sicht ist der Impffortschritt.

Die Bundesregierung rechnet für die kommenden Wochen mit weitaus mehr Impfstofflieferungen als im ersten Jahresviertel. Es könne dann mehr Impfstoff als Terminanfragen geben, so Jens Spahn.

Sprich: Ab Sommer kann sich – wenn alles gut läuft – jeder um einen Impftermin bemühen. Eine große Nachfrage wird da sein, zumindest wenn man die Ergebnisse der aktuellen bevölkerungsrepräsentativen Cosmo-Umfrage der Universität Erfurt betrachtet: Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, sich impfen lassen zu wollen. Auf die Frage „Würden Sie sich impfen lassen?“ antworteten 16 Prozent „auf keinen Fall“. Stand heute ist rund jeder Vierte hierzulande mindestens einmal geimpft. Nach dem Start mit mobilen Impfteams und mehr als 400 regionalen Impfzentren der Länder sind inzwischen auch mehr als 60 000 Arztpraxen dabei. Die Impfungen haben damit seit April deutlich Fahrt aufgenommen.

Das Ziel, von dem auch Politiker immer wieder sprechen, ist die Herdenimmunität. Im Sinne vom kompletten lokalen Ausrotten des Coronavirus sei das in Europa derzeit zwar schwer erreichbar, erklärte die Wissenschaftlerin Viola Priesemann gegenüber dem Science Media Center. Aber: „Herdenimmunität im Sinne einer niedrigen Inzidenz und einer gezielten lokalen Eindämmung wird mit dem Impffortschritt immer einfacher erreichbar.“

Es sei zu erwarten, dass bei rund 50 Prozent geimpften Erwachsenen das Testen, Kontaktnachverfolgen und Isolieren, zusammen mit den AHA-Regeln und dem Verzicht auf Großveranstaltungen, ausreichen werden, um die Inzidenz niedrig zu halten. „Das bedeutet, dass im Sommer die Schulen, Restaurants und Geschäfte wieder offen sein werden und wir auch kleinere Feiern und Veranstaltungen mit Hygienekonzept genießen können“, erläutert die Wissenschaftlerin.

Eine entspanntere Lage im Sommer halten Wissenschaftler nur unter einer Bedingung für realistisch: Es dürften sich in Europa keine Virusvarianten ausbreiten, die den Impffortschritt gefährden könnten. Deshalb seien Priesemann zufolge etwa wöchentliche Stichproben in der Bevölkerung, gegebenenfalls Quarantäne nach Reisen und Virussequenzierungen auch bei geimpften Personen weiter notwendig.

Bislang als besorgniserregend eingestuft wurden vom RKI Varianten aus Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1), deren Anteile bislang aber konstant gering bleiben, bei einem Prozent und weniger, wie aus den Daten hervorgeht. Bei der in Indien entdeckten Variante B.1.617 ist noch unklar, inwieweit sich die Immunantwort nach Impfung oder Erkrankung entzieht. Nach einer ersten Preprint-Studie zur Variante resümiert der Impfstoffforscher Erik-Leif Sander: „Die Mutationen im Spikeprotein scheinen keine deutliche Abschwächung der Antikörperneutralisation zu verursachen, sodass ich nicht erwarte, dass der Impfschutz durch diese Virusvariante gefährdet ist.“

 Für den Herbst könne schon eine Saisonalität von rund 20 Prozent eine weitere Infektionswelle bringen, der R-Wert könne wieder auf rund 1,2 steigen – was die Zahlen wieder steigen lassen würde, berichtet Modelliererin Viola Priesemann.