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Sonderstationen eingerichtet: „Wir sind startklar“ - Corona-Zentren in NRW rüsten sich für den Ansturm

Sonderstationen eingerichtet : „Wir sind startklar“ - Corona-Zentren in NRW rüsten sich für den Ansturm

Noch herrscht Ruhe vor dem erwarteten Sturm: Viele Krankenhäuser in NRW haben Sonderstationen für Corona-Patienten eingerichtet. Wann der „Tag X“ eintritt, weiß niemand. Aber man will bestmöglich gerüstet sein.

Auf Station 5 packen alle mit an. Noch ein paar Handgriffe, dann ist das Corona-Zentrum startklar, das Anfang der Woche noch schlicht als Marienhospital Arnsberg ein normales Krankenhaus war. Nun hat das Klinikum Hochsauerland diesen einen von insgesamt vier Standorten in der Region Behandlungszentrum für Covid-19-Patienten aufgerüstet - und folgt damit dem Drängen der Bundes- und Landesregierung, so gut es geht auf eine weitere rasche Ausbreitung der Coronavirus-Epidemie vorbereitet zu sein. Eine Verdoppelung der derzeit bundesweit rund 28 000 Intensivplätze hatten Bund und Länder als Zielmarke ausgegeben.

Auf der improvisierten Zusatz-Intensivstation befüllen Schwestern in blauer Dienstkleidung Materialwagen mit allem, was notwendig wird für die Versorgung Schwerkranker: Desinfektionsmittel, Infusionen, Handschuhe. Aus dem Kaffeeschrank im Schwesternzimmer ist ein Medikamentenschrank geworden. Die Beatmungsgeräte an den dicht beieinander stehenden neuen Betten für die Intensiv-Versorgung sind längst technisch geprüft. Acht neue solche Plätze stehen bereit.

„Gestern war ich noch OP-Schwester, jetzt eben Intensivschwester“, sagt Pflegerin Nathalie - und lacht. Der Corona-Krise wollen sie hier professionell, fast sportlich begegnen, so scheint es. „Wir sind ja für so was geschult. Und als Team schaffen wir das“, betont sie.

Hinter ihnen liegt bereits ein Kraftakt: Einige Abteilungen sind in den vergangenen Tagen an zwei andere Krankenhäuser des Klinikums verlegt worden. „Lkw um Lkw ist hier mit Equipment vom Hof gerollt“, sagt Bert Hoffmann, Leiter des Standorts Marienhospital. Inzwischen sind insgesamt 101 Betten freigezogen, ganze Stationen mit Isolierzimmern „auf Standby“. Mucksmäuschenstill und dunkel ist es auf einigen Fluren. „Wir sind jetzt in Lauerstellung. Noch mal ausruhen, bevor hier möglicherweise der Sturm losbricht“, sagt Hoffmann.

Auch ein ambulantes Diagnostikzentrum für Corona-Tests hat in Arnsberg geöffnet - etwas abseits vom Krankenhaus in einem alten Verwaltungsgebäude. Hier werden sie zuerst die Welle spüren, die früher oder später über das noch ruhige Corona-Zentrum hereinbrechen könnte. Bei 30 bis 50 Verdachtsfällen pro Tag machen sie hier Rachenabstriche – die Zahl der positiven Tests steigt.

Vor gut einem Monat habe man begonnen, das Konzept für die Umstrukturierung auszuarbeiten, erklärt Werner Kemper, Sprecher der Geschäftsführung des Klinikums Hochsauerland. Die Idee dahinter: Einen von mehreren Standorten zum Corona-Schwerpunkt machen, so dass vom Testzentrum über die Isolierstation bis notfalls zur Beatmungsmaschine alles gebündelt ist. „Das macht auch medizinisch deshalb Sinn, weil so andere Schwerkranke gar nicht erst in die Nähe der Corona-Infizierten kommen“, erklärt der Ärztliche Direktor in Arnsberg, Martin Bredendiek.

Auch im Allgemeinen Krankenhaus im niederrheinischen Viersen ist die Corona-Station startklar. Der Aufwachraum des OP-Saals ist binnen zwei Tagen komplett zu einer Corona-Intensivstation umgebaut worden. Unter Hochdruck haben Pfleger, Ärzte, Techniker noch bis zum Wochenende Drucker, Computer, alte und neue Absaug-Geräte, Stapel von roten Plastikeimern für Infektions-Sondermüll herbeigeschafft. Beatmungsgeräte stehen neben den Betten, einige waren schon ausrangiert und wurden nun für den Ernstfall reaktiviert. Neue sind bestellt. „Aber die haben eine Vorlaufzeit von zwölf Wochen“, sagt Geschäftsführer Thomas Axer. Noch sind die Betten mit Plastikfolien überzogen.

Zehn Intensivplätze entstehen in diesem hermetisch abgeriegelten Bereich. Insgesamt könne die Zahl der Intensivbetten in der Klinik sogar von derzeit zwölf auf 25 mehr als verdoppelt werden, sagt Axer. Mitarbeiter wurden für die Intensivpflege nachgeschult. „Wir können ab jetzt starten“, sagt der Chefarzt für Anästhesie, Frank Schleibach. An die Corona-Intensivstation schließt sich Tür an Tür eine Corona-Normalstation mit demnächst 68 Betten an. Zug um Zug wird dafür die OP-Station mit frisch operierten Patienten freigeräumt.

Die Zahl der Infizierten steigt auch in NRW sprunghaft an. Viersen liegt nicht weit von dem am stärksten betroffenen Kreis Heinsberg. Auch Krankenhaus-Mitarbeiter kommen aus Heinsberg. Sie sind alle getestet. „Unsere höchste Priorität ist, keine infizierten Mitarbeiter hier zu haben“, sagt Chefkardiologe Nico von Beckerath.

Auf keinen Fall soll es so kommen wie in Italien, wo viele Ärzte und Pfleger sich aus Mangel an Schutzmaterial mit dem Virus ansteckten und Patienten aus Mangel an Ressourcen und Betten teilweise nicht mehr behandelt werden können. „Diese Situation werden wir mit aller Kraft verhindern“, sagt der Chefarzt für Innere Medizin, Karsten Woelke.

Die Viersener Klinik hat die Dramatik einer Corona-Epidemie schon Ende Januar erkannt, als viele noch dachten, das Virus sei weit entfernt in China. Die Klinik versuchte, sich mit Kitteln, Masken, Desinfektionsmitteln einzudecken. Doch inzwischen ist kaum noch etwas zu bekommen. „Heute haben wir noch einen Vorrat für zwei bis maximal vier Wochen“, sagt Geschäftsführer Axer. Seit einigen Wochen sind auch Medikamente kontingentiert.

Doch wann wird der „Tag X“ eintreten? Die Ärzte rechnen. Wie groß die Welle wird, kann niemand abschätzen. Fünf bis sechs Prozent der Corona-Erkrankten werden nach Schätzungen Intensivpatienten. Häufig würden Patienten erst am zehnten bis zwölften Tag der Infektion Intensivfälle, sagt Lungenfacharzt Woelke. Bei den schweren Fällen trete drei bis vier Wochen nach der Erkrankung der Tod ein, sagt Kardiologe Beckerath. Es klingt hart: Die Liegezeiten der Intensivpatienten werden lange dauern.

Planbare Operationen wurden verschoben, Besucher dürfen die Klinik nicht mehr betreten. Die Klinik erwartet inzwischen Einnahmeverluste, da weniger Patienten aufgenommen werden, um Platz für die Corona-Patienten zu schaffen. „Wir haben das ganze Geschäft reduziert, um schlagkräftig zu sein, wenn der Tag kommt“, sagt Woelke.

Noch herrscht in Viersen Ruhe vor dem Sturm. „Aber ich rechne damit, dass das schlagartig kommt“, sagt Axer. Schon in den nächsten Tagen könnten „sehr schnell behandlungsbedürftige Patienten“ kommen. „Das hören wir auch aus Heinsberg.“

(dpa)