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Wie der Corona-Lockdown die Zeit verformt

Subjektives Zeitempfinden : Sie steht still, sie rast – wie der Lockdown die Zeit verformt

Thomas Mann hat im „Zauberberg“ geschrieben: „Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer.“ So werden wir das auch eines Tages sehen, wenn wir auf den Lockdown zurückblicken.

2019, 2020 – im Rückblick werden das Jahre gewesen sein, in denen nicht nur Menschen durch das Virus starben oder schwer erkrankten. Jahre, in denen wirtschaftliche Existenzen vernichtet wurden. Es werden auch die Jahre sein, in denen uns durch den Lockdown, durch dieses „Weggeschlossensein“, Lebenszeit genommen wurde. Den Älteren wurde deren Perspektive auf das Erleben schöner Tage, Wochen und Monate noch mal verengt. Ihnen lief im wahrsten Sinne die Zeit davon.

Den Jüngeren, für die jeder Monat im Lockdown im Vergleich zu ihrer bisherigen Lebensdauer ein relativ größeres Gewicht hatte, wurden Entwicklungschancen abgeschnitten. Der unbeschwerte Kontakt mit Gleichaltrigen, das Ausprobieren. Die erträumte Reise nach dem Abitur. Chancen, die sich nicht, jedenfalls so nicht mehr ergeben werden.

Zu diesem Beschneiden der Lebenszeit als Folge des Lockdown kommt aber noch ein anderes zeitliches Phänomen: Die Zeit selbst läuft anders. Für die einen schneller, für die anderen langsamer als gewohnt. Und wenn diese einen und jene anderen später einmal auf die Coronajahre zurückblicken, so wird sich eben diese Zeitwahrnehmung genau umdrehen.

Wer jetzt, in der Corona-Gegenwart, die große Langeweile empfindet, wird diesen Zeitraum im Rückblick als nur kurze Phase ansehen. Und für diejenigen, für die die Zeit gerade rast, weil sie im Dauerstress sind, wird es in der Rückschau eine lang anhaltende Phase gewesen sein: für das Personal in den Kliniken, für Eltern in der Doppelbelastung von Homeoffice und Erziehung oder auch für die von Entscheidung zu Fehlentscheidung hetzenden Politiker.


Das unterschiedlich schnell empfundene Vergehen der Zeit kennen wir auch aus unserem guten alten Nicht-Corona-Alltag. Wenn ich intensiv an etwas arbeite oder ein spannendes Spiel spiele, dann rast die Zeit. Und wenn ich auf etwas warte, dann zieht sie sich, ist zäh. Albert Einstein, sonst eher für seine wissenschaftlichen Gedanken berühmt, kannte das aus seinem Alltagsleben: „Das Empfinden der Zeit hängt davon ab, auf welcher Seite der geschlossenen Klotür man sich befindet.“ Man denke an die letzten paar Minuten eines Fußballspiels. Führt meine Mannschaft 1:0, so schleicht die Zeit quälend dahin. Liegt meine Mannschaft  zurück, dann rast sie.

Wie wir die Zeitdauer wahrnehmen, das hängt davon ab, was um uns herum und mit uns passiert. Geschieht viel, so erscheint der Zeitraum kurz. Passiert nichts, so erscheint die Zeit quälend lang. Aber warum verkehrt sich im Rückblick dieser Eindruck? Die Erklärung: Erinnern wir uns später an einen Zeitraum, in dem viel passiert ist und in dem das, was wir erlebt haben, von intensiven Gefühlen begleitet wurde, dann haben wir so viele Informationen über diese Tage oder Wochen gespeichert, dass er uns im Nachhinein als lang erscheint. So ist das etwa bei einer ereignisreichen Reise.

Doch auch das Gegenteil gilt: Über einen Zeitraum, in dem wir einfach nur gewartet haben, in dem nichts passiert ist, sind keine Informationen im Hirn gespeichert. Im Rückblick erscheint diese Periode uns als kurz. Das erklärt auch, warum ältere Menschen immer wieder sagen, dass die Zeit so schnell vergeht. Sie haben in ihrem Leben so viele Erfahrungen gemacht, dass es weniger neue oder spannende Erkenntnisse für sie gibt. Und viel Routine.

Blickt man dann auf die zurückliegende Zeit, so ist nicht viel an Ereignissen abgespeichert. „Was, schon wieder Weihnachen, schon wieder ein Jahr vergangen?“  Die Zeit rast nur so dahin. Thomas Mann hat das im „Zauberberg“ so gesagt: „Große Zeiträume schrumpfen bei ununterbrochener Gleichförmigkeit auf eine das Herz zu Tode erschreckende Weise zusammen; wenn ein Tag wie alle ist, so sind alle wie einer.“

Aus der Sicht eines jungen Menschen ist es gerade umgekehrt. Dem Kind, für das jeder Tag mit unbekannten Erlebnissen und großen Emotionen gefüllt ist, erscheinen diese Tage länger. Daraus können ältere Menschen eine Lehre ziehen: Sie sollten sich möglichst viel Abwechslung verschaffen, Neues versuchen - dann rast auch für sie die Zeit nicht so schnell.

Jedenfalls gefühlt können sie die Zeit abbremsen. Und interessanter wird das Leben so auch. Ein Rat, der freilich befremdlich wirken mag in einer Zeit, in der wir gerade nicht viel Gelegenheit haben, etwas Neues zu erleben. Wo uns die Tage wie ein Einheitsbrei vorkommen mögen, der immer gleiche Trott im Homeoffice; oder noch schlimmer, dem erzwungenen Nichtstun. Mit dem Spaziergang oder dem Supermarktbesuch als Tageshöhepunkt.

Setzen Sie sich Ziele – kommt da als guter Rat von Psychologen: Sport treiben, Wohnung putzen und aufräumen, etwas ganz Neues anfangen – musizieren vielleicht oder malen. Irgendetwas, was man doch immer schon mal machen wollte und aufgeschoben hat. Jetzt wäre Zeit dafür. Und Ziele setzen, auf Ereignisse hin leben, auch wenn sie scheinbar klein sind. Eine Happy Hour am Samstag, einen bewusst gesetzten Filmabend am Mittwoch.

Jedenfalls: die Tage voneinander unterscheidbar machen. Und die Wochentage von den Wochenenden. Allein das wird diese bleierne Zeit nicht verkürzen, jedenfalls nicht objektiv. Aber vielleicht bleibt dann im Rückblick doch mehr als eine große Leere. Und selbst die ist ja, seien wir ehrlich, immer noch viel besser zu ertragen als die Schicksalsschläge, die das Virus und die Maßnahmen, mit denen es bekämpft wird, für so viele Menschen bedeuten.