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Was zieht junge Menschen heute noch in den Dienst der Kirche?

Priesterberuf als Zukunftsperspektive? : Was junge Menschen heute noch in den Dienst der Kirche zieht

Was bewegt junge Menschen dazu, heute noch in den Dienst der Kirche einzutreten? Mit dieser Frage haben wir uns an Lars Rother gerichtet. Der 25-jährige Diakon ist aktuell in der Gemeinde St. Martinus und Ludgerus im münsterländischen Sendenhorst eingesetzt.

Einen beruflichen Werdegang in der Kirche, den hatte Lars Rother so gar nicht von Kindesbeinen an im Fokus. „Ich habe mich im Jugendalter mit Familie gesehen. In einem schönen Haus, vielleicht auch mit einem teuren Auto“, erinnert sich der heutige Geistliche. Er wuchs „scheibchenweise“ in die Kirche hinein. Sagt er. Über seine Leidenschaft - die Musik – sowie die Messdienerarbeit seiner Heimatpfarrei zog es Lars Rother ins Gotteshaus. Ein Kirchenmusikexamen und spätere Vertretungsdienste als Organist machten den seinerzeit noch Jugendlichen mit der Gemeindearbeit vertraut. „Eigentlich wollte ich Musik studieren. Aber in mir reifte auf einmal der Gedanke, ein Priester werden zu wollen. Das hat mir eine ganze Woche schlaflose Nächte bereitet“, erinnert sich Rother. Rat suchte er darauf bei seinem damaligen Pfarrer. „Der riet mir, es einfach mal auszuprobieren. Das habe ich als überhaupt nicht fordernd, sondern als sehr befreiend empfunden. Und so bin ich ins Priesterseminar nach Münster gegangen“, erzählt Rother.

Polemische Sprüche und Gegenwind von Älteren

In seinem Freundeskreis gab es für die Entscheidung „weg von der Musik, hin zum Theologiestudium“ kaum Gegenwind. „Eher Respekt und Unterstützung“, erinnert sich der heutige Diakon. Kritischer waren die älteren Generationen. Polemische Sprüche und verachtendes Kopfschütteln hatten so manche der Ü-50er für den angehenden Priester über. „Das hat mich schon etwas geschockt. Erklären kann ich es mir bislang nur so, dass für junge Menschen die Kirche schon zu weit weg ist und daher eher ein ganz unbefangenes Interesse da ist. Ältere Generationen haben vielleicht auch schlechte Erfahrungen mit der Kirche machen müssen“, mutmaßt der 25-Jährige. Mit 15 Mitbrüdern startete Rother 2014 im Priesterseminar Borromaeum in Münster. Die Startgegebenheiten waren denkbar unterschiedlich. Ein paar junge Männer kamen wie Rother selbst direkt nach dem Abitur nach Münster, andere wiesen bereits Berufserfahrung auf. „Verbunden hat uns aber allesamt die Suche nach unserer Berufung“, sagt der studierte Theologe im Rückblick. Im Studium wiederum waren es meist religiös interessierte Menschen, die ihre Zukunft im Schuldienst gesehen haben. „Viele wollten Religionslehrer werden“, sagt Rother. Für den gebürtigen Niederrheiner – Lars Rother stammt aus Geldern im Kreis Kleve – hieß es aber schnell „ganz oder gar nicht“. So schreckten ihn auch die sogenannten evangelischen Räte „Armut, Gehorsam und das Zölibat“ nicht ab. Verständnis dafür, dass sich Menschen gegen einen verpflichteten Zölibat aussprechen, hat Rother aber nicht. „Ich bin aus meinem Glauben heraus zölibatär, weil ich meinen Glauben in den Fokus setzen möchte. Ich glaube, ich käme dieser Aufgabe nicht mehr so allumfänglich nach, hätte ich eine Familie und Kinder.“ Diese Einstellung aber als Pflicht zu sehen, hält Lars Rother für verkehrt. Zu kontrovers diskutierten Themen, wie etwa zu der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, hat der junge Geistliche auch eine klare Meinung. „Wer bin ich, Menschen, die sich lieben und einander in Treue verbunden sind, den Segen Gottes zu verwehren? Ich kenne zahlreiche homosexuelle Menschen in Gemeinden, die ihr letztes Hemd hergeben würden. Und sie alle glauben an Gott“, sagt Rother, der jedoch einen Unterschied zur Hochzeit macht. „Ich würde den Segen nicht in Form einer hochzeitsähnlichen Zeremonie vollziehen, weil es einfach nicht das Gleiche ist. Aber darum sollte es bei einem Segen Gottes auch nicht gehen. Eine Ehe ist für mich noch immer gottgegeben und ein Sakrament, also ein Zeichen der Gegenwart Gottes.“

Missbrauchsfälle, Finanzskandal und Negativpresse

2014 hat Rother seinen Weg ins Priesterseminar und später zur Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Münster gefunden. Mit Blick in die heutigen Priesterseminare stellt Rother fest, dass immer weniger junge Menschen den Weg in die Kirche entdecken und gehen. „Und das kann ich auch nachvollziehen. Heute sehe ich in Messen hauptsächlich graue Köpfe, junge Menschen kommen da nur noch selten hinzu. Das hat einerseits mit dem ‚Glaubensschwund‘ in unserer Gesellschaft zu tun, andererseits sicher auch mit den zahlreichen negativen Schlagzahlen, die in den vergangenen Jahren die katholische Kirche immer wieder getroffen haben.“ Rother zählt dazu den Limburger Finanzskandal oder die Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz. Gerade der Umgang mit letzterem ist für ihn bis heute unchristlich und unverständlich. „Ich wäre wesentlich offensiver mit diesem Thema. Es geht hier um Menschen, die ungeheures Leid erfahren mussten, mithilfe und von der Kirche. Das macht mich persönlich wirklich sauer, denn die Kirche wird auf diese negativen Aspekte beschränkt.“ Proaktiv auf junge Menschen zugehen und die etwa in Messdiener- oder Landjugendstunden auf den kirchenberuflichen Weg zu „schubsen“ – das kommt für den jungen Diakon aber nicht in Frage. „Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht gebe ich mal einen Hinweis, Berufung ist manchmal auch ein Prozess. Wenn es da aber dann jemanden gibt, können er oder sie sich meiner Unterstützung sicher sein“, sagt er.

Vielleicht eine Zukunft am heimischen Niederrhein?

Und wie geht es für Lars Rother weiter? Im kommenden Jahr, am Pfingstfest, wird der aktuelle Diakon im Dom zu Münster die Priesterweihe empfangen. Dann geht es in die nächste „Ausbildungsinstanz“. Rother sagt: „Bevor ich eine eigene Pfarrei übernehmen kann, lerne ich als Kaplan schrittweise, was die Aufgaben und Pflichten eines Pfarrers sind. Das lernt man im Studium nicht“, versichert er lachend. Wohin ihn der Weg danach führt, ist aber ungewiss. „Diese Verfügbarkeit bringe ich mit, sie gehört auch dazu. Natürlich kann ich mir was wünschen, fraglich ist nur, ob es Berücksichtigung findet. Gerne würde ich wieder zurück an den Niederrhein“, sagt Rother. „Aber anderswo ist es mit Sicherheit auch schön.“