Was NRW tut um Jugendliche nicht an den Salafismus zu verlieren

Präventionsprogramm: Was NRW tut um Jugendliche nicht an den Salafismus zu verlieren

Seit vier Jahren gibt es in Bochum das Präventionsprogramm gegen eine Radikalisierung bei Jugendlichen. Die kommen aus allen Nationen und sozialen Schichten – meist sind sie weiblich.

Im Bochumer Stadtteil Stahlhausen reiht sich grauer Häuserriegel an grauen Häuserriegel, aus einem unauffälligen Eckgebäude kommen an diesem Freitagmittag Dutzende Männer, die sich vor der Tür die Schuhe zubinden. Gebetszeit. Stahlhausen ist ein ehemaliges Arbeiterviertel mit wachsendem Migrantenanteil. Neue Moscheegemeinden und Gebetskreise kommen andauernd hinzu.

Auch zwielichtige, hat man bei Ifak, einem Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe im Viertel, festgestellt. Vor einigen Jahren fielen verstärkt Jungen auf, die Mädchen plötzlich aus dem Jugendclub werfen oder in der Schule nicht mehr neben ihnen sitzen wollten. Und Missionare, die schon Kinder vor Jugendtreffs ansprachen: „Kommt zu uns, wir machen euch zu richtigen Muslimen.“

Darunter Salafisten von den inzwischen verbotenen Koranverteilaktionen unter dem Titel „Lies!“ Das war der Rahmen, in dem sich der Verein Ifak beim NRW-Innenministerium um Teilnahme an einem neuen Präventionsprogramm zum Salafismus bewarb. Wegweiser. Inzwischen läuft das Programm in Bochum seit vier Jahren.

Gerade hat Ifak eine zweite Wegweiser-Beratungsstelle in Gelsenkirchen und damit den 17. Wegweiser-Standort in NRW eröffnet. Innenminister Herbert Reul (CDU) hat das Präventionskonzept gegen eine Radikalisierung von Jugendlichen von der Vorgängerregierung übernommen und weiter ausgebaut – insgesamt soll es 25 Anlaufstellen im Land geben. „Den Kampf gegen Extremismus gewinnen wir nur vor Ort“, ist Reul überzeugt. 17 000 Mal wurden die Beratungsstellen seit 2014 kontaktiert, 760 direkt Betroffene begleiteten sie – 80 bis 90 Prozent der Fälle verliefen positiv.

Friederike Müller leitet den Verein Ifak, er betreibt zwei Wegweiser-Beratungsstellen. ⇥Foto: Marie Illner Foto: Marie Illner

Abbrecher verzeichnet auch die Wegweiser-Beratungsstelle in Bochum-Stahlhausen nur selten. Rund 70 Prozent der Fälle, die etwa über Lehrer an die Experten herangetragen werden, fallen allerdings von Anfang an raus, weil eigentlich keine Radikalisierung vorliegt – der Jugendliche nur provozieren wollte oder tatsächlich ein Konflikt in der Klassengemeinschaft zugrunde liegt. Bei den wirklichen Wegweiser-Fällen stellen sich die Berater auf einen „langwierigen Prozess“ ein, so Ifak-Leiterin Friederike Müller. Im Durchschnitt dauert er ein halbes Jahr. „Wir haben aber auch Fälle, die wir seit drei Jahren betreuen.“

Die Geschichten der jungen Menschen sind vielschichtig, haben aber eines gemeinsam: Bisher hat die Bochumer Beratung nicht einen einzigen Jugendlichen betreut, der durch erzkonservative muslimische Eltern radikalisiert wurde. Im Gegenteil: „Es sind überwiegend Familien, in denen Religion kaum eine Rolle spielt“, erklärt Müller, die auch Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Religiös Begründeter Extremismus (BAG Relex) ist.

Die Jugendlichen verfügten kaum über „religiöse Vorkenntnisse“. Und doch liege der Hund oft in der Familie begraben, hätten mitunter die Eltern – oder auch der Jugendliche selbst – eine psychische Erkrankung. Müller: „Das haben wir am Anfang total unterschätzt.“ Die Flucht in religiöse Strukturen sei ein Ausdruck der Suche nach Sicherheit. Unter den Eltern seien zum Beispiel Oberstudienräte und Kriminalhauptkommissare. „Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Zunehmend Konvertiten – fast ein Drittel“, sagt Müller. „Und zunehmend Mädchen.“ 60 Prozent der Wegweiser-Fälle in Bochum sind mittlerweile weiblich.

Der erste Kontakt mit denen, die Jugendliche für den Salafismus regelrecht anwerben, entstehe oft im Internet. Aber ab irgendeinem Punkt brauche eine tiefe Radikalisierung immer den menschlichen Bezug. Bei jungen Männern findet der beispielsweise im Fitnessstudio statt, berichtet die Vereinschefin. „Über die Männlichkeitsschiene.“

Bei Mädchen „immer öfter über eine Verliebtheit“, so Müller: Männer gaukelten Gefühle vor und zögen die jungen Frauen so in ihren Bann. „Wir haben einen gruseligen Fall erlebt, wo ein Mädchen richtiggehend ihr Herz verloren hatte“, schildert Müller. Genauso gebe es aber auch „Frauen, die Frauen anwerben“. Schwesternschafte, die im Netz dazu aufrufen, sich gegenseitig stark zu machen, gegen die Rolle als sexuelles Objekt in der westlichen Gesellschaft zu kämpfen, und die stattdessen die Stellung der Frau als Mutter im Islam hervorheben.

Müller: „Für viele Mädchen ist das sehr ansprechend. Und: Ihnen wird ein Lifestyle vermittelt, in dem alles geregelt ist. Es gibt auf alles einfache Antworten.“ Etwa auf Fragen, was Mädchen so dürfen und was nicht. Es seien diese einfachen Welterklärungen, die zögen.

Am Anfang spricht man nicht über Glaube – es geht um Vertrauen

Die Arbeit in den Beratungsstellen sei „sehr, sehr vielschichtig“, erklärt Friederike Müller. Der Jüngste im Bochumer Wegweiser-Programm sei erst zwölf gewesen. „Da ist noch keine tiefe Ideologisierung passiert.“ Mädchen hingegen „radikalisieren sich viel unauffälliger. Sie tragen es nicht so nach außen. Deshalb hat man sie lange als Problem verkannt.“

Aber wenn sie bei den drei Bochumer Beratern landen, haben sie alle eines gemeinsam: „Sie fallen immer auf durch ein Problem“, sagt Müller. Ob das nun ein auffälliger Rückzug in sich selbst sei oder Aggressivität und radikale Äußerungen. „Wir betreuen auch das System“, erklärt Müller. „Im Idealfall sitzen da drei Parteien: der Jugendliche, die Eltern, der Lehrer.“ Das Gespräch aber richtet sich allein an den jungen Menschen. „Wir sind parteiisch für den Jugendlichen – und das sagen wir auch.“

In den ersten Sitzungen geht es dann um alles: seine Probleme, Ängste, Wünsche. Nur nicht um Ideologie. „Das ist zunächst tabu. Wir arbeiten nicht an der Radikalisierung, sondern am Vertrauen.“ Und schließlich ist diese ja auch nicht das Problem, sondern eher Symptom. Müller: „Uns ist in all den Jahren ein einziger Jugendlicher untergekommen, der wirklich interessiert war an Religion und noch in der Suchbewegung.“ Die Berater hätten mit ihm erst mal einen neutralen Koran gekauft und Inhalte mit der „Lies!“-Version und deren Interpretationen verglichen. Eher typisch war da der Fall eines Jungen, der eigentlich Hilfe von Papa bei der Suche nach einem Praktikumsplatz wollte. „Es geht darum, eine Perspektive für den Jugendlichen zu erarbeiten.“

Aus dem Anschlag auf den Sikh-Tempel lernten alle Beteiligten

Aber es gab auch einen Fall bei Wegweiser in Bochum, der weniger glimpflich verlief: Yusuf T., der mit 14 Jahren in die Beratung kam und mit 16 im Jahr 2016 versuchte, den Sikh-Tempel in Essen in die Luft zu jagen – drei Menschen wurden verletzt. In dieser Woche steht der heute 19-Jährige in Celle als Zeuge im Prozess gegen das Abu-Walaa-Netzwerk vor Gericht, von dem er behauptet radikalisiert worden zu sein.

„Aus diesem Fall haben wir viel gelernt“, sagt Friederike Müller. Es wurden Indikatoren für die Gefährlichkeit eines Jugendlichen erarbeitet und festgelegt, die darüber entscheiden, ob die Daten an die Sicherheitsbehörden weitergegeben werden. Sonst sind diese grundsätzlich anonym. Das, so erklärt Müller, sei das Besondere und Erfolgversprechende an Wegweiser: dass es zwar vom Innenministerium finanziert, aber keine Standleitung zu den Sicherheitsbehörden ist: „Wir arbeiten ausschließlich mit Mitteln der Jugendhilfe.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung