1. NRW

Warum Ex-Fortune Kramer jetzt Bielefeld retten soll

Neuer Trainer : Warum Ex-Fortune Kramer jetzt Bielefeld retten soll

Der 48-Jährige – zuletzt für Nachwuchs von RB Salzburg zuständigt – soll den DSC als Ausbildungsverein ausrichten. Der Neuhaus-Nachfolger ist bereits heute zur ersten Trainingseinheit in Bielefeld.

Arminia Bielefeld geht mit einem neuen Cheftrainer ins letzte Saisondrittel: Der abstiegsbedrohte Fußball-Bundesligist ersetzt den gestern freigestellten Uwe Neuhaus (61) nach Informationen der Neuen Westfälischen durch Frank Kramer (48). Eine offizielle Bestätigung zur Installation des Neuen lieferte der Verein gestern nicht.

Der gebürtige Memminger, der im deutschen Profifußball bisher für Fortuna Düsseldorf, die Spvgg Greuther Fürth und die TSG Hoffenheim tätig war, steht vor einer großen Herausforderung: Er soll mit dem aktuellen Tabellen-16. nicht nur den Klassenerhalt schaffen, sondern zugleich entscheidend dazu beitragen, dem Klub einen neuen Anstrich zu verpassen.

Kramer, zuletzt Leiter der Nachwuchsabteilung bei RB Salzburg und zuvor Trainer der deutschen Jugend-Nationalmannschaften, gilt als ausgewiesener Experte für die Entwicklung junger Spieler. Arminias Verantwortliche erachten ihn somit in der nun von ihnen beabsichtigten Neuausrichtung des Klubs als Ausbildungsverein als fehlendes Puzzlestück.

„Nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Profifußball und speziell auf Arminia Bielefeld soll der Charakter eines Ausbildungsclubs weiter geschärft und talentierte Jungprofis und Nachwuchskräfte intensiver gefördert werden“, begründet der DSC in einer Mitteilung die Freistellung von Neuhaus.

Was den Stellenwert der Förderung eigener Talente betrifft, traten zwischen Neuhaus einerseits und den Geschäftsführern Samir Arabi und Markus Rejek sowie dem Aufsichtsrat andererseits unterschiedliche Auffassungen zutage. Neuhaus schätzt Erfahrung als hohes Gut und setzte im Zweifel häufig lieber auf ältere als jüngere Spieler. Seine Chefs finden, es müsse zum Wohl des Vereins umgekehrt sein. Eben diese Haltung finden sie auch bei Kramer vor.

Eine Zusammenarbeit mit Neuhaus über die laufende Saison hinaus sei aufgrund der Differenzen trotz des bis Sommer 2022 laufenden Vertrages des Trainers nicht mehr vorgesehen gewesen, teilte Arminia mit. Mit Blick auf zuletzt fünf sieglose Spiele in Folge bei einem Torverhältnis von 5:17 sagte Arabi: „Aufgrund der aktuellen Entwicklungen haben wir gemeinsam entschieden, den geplanten Wechsel jetzt vorzuziehen.

Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass unsere Mannschaft die nötige Qualität besitzt, um unser sportliches Ziel zu erreichen. Mit dem Wechsel in einer entscheidenden Saisonphase wollen wir der Mannschaft noch einmal einen besonderen Impuls geben. Wir brauchen einen maximalen Zusammenhalt, das Heben aller Potenziale und eine Leidenschaft, wie sie in den Kernwerten unseres Vereins verankert ist.“

Arminias Profis werden ihren neuen Trainer heute Vormittag vor der ersten gemeinsamen Übungseinheit auf dem Trainingsgelände an der Bielefelder Friedrich-Hagemann-Straße kennenlernen. In der Bundesliga tauchte der neue Coach bereits in der Saison 2012/13 auf, als er zunächst als Interimstrainer der TSG Hoffenheim in zwei Spielen die Verantwortung trug und später die Spvgg Greuther Fürth in neun Spielen nicht vor dem Abstieg bewahren konnte.

Er blieb in der 2. Liga bis Februar 2015 – inklusive Scheitern in der Aufstiegs-Relegation gegen den Hamburger SV 2014 – bei den „Kleeblättern“, ehe er im Sommer desselben Jahres Zweitligist Fortuna Düsseldorf übernahm. Dort wurde Kramer im November 2015 entlassen. In Bielefeld will der Trainer nun mehr Erfolg haben – und zwar schon sehr kurzfristig. Schließlich droht im Fall von Niederlagen und Abstieg die Gefahr, dass der Neue schnell verbraucht und er mittel- sowie langfristige Ziele in der Optimierung der Nachwuchsförderung gar nicht mehr umsetzen kann. Insofern ist diese Personalie nicht ohne Risiko.

Arminia steht im Kampf um den Klassenerhalt vor richtungweisenden Heimspielen am Sonntag gegen Union Berlin und drei Tage später gegen Werder Bremen. Aufgrund der nun dicht getaktet folgenden nächsten Partien sowie der anschließenden schweren Gegner Leverkusen und Leipzig hätte sich wohl erst die Länderspielpause Ende März als nächster Zeitpunkt für einen Trainerwechsel angeboten. Dann aber wäre es – so die Befürchtung in Geschäftsführung und Aufsichtsrat – womöglich schon zu spät gewesen.

Kramer war bereits im März 2017 nach der Freistellung von Jürgen Kramny ein Kandidat für den Trainerposten beim damaligen Zweitligisten Arminia. Der DSC entschied sich für Jeff Saibene. Kramer spielte früher unter anderem für die zweite Mannschaft des FC Bayern, später wechselte er zur Spvgg. Greuther Fürth, bei der er dann auch Jugendtrainer wurde.

Kramer studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Sport und Englisch auf Lehramt und war als Gymnasiallehrer und als Sportdozent tätig. Die Ausbildung zum Fußballlehrer an der Hennes-Weisweiler-Akademie in Hennef absolvierte er als Jahrgangsbester. Kramer ist verheiratet und hat mit seiner Ehefrau zwei Kinder.