Warum ein Hildener Gymnasium bei G8 bleibt

Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Hilden : Warum ein Hildener Gymnasium bei G8 bleibt

Das Bonhoeffer-Gymnasium in Hilden ist eine von ganzen drei Schulen, die bei G8 bleiben wollen. Warum nur? Ein Ortsbesuch.

Als sie im Düsseldorfer Schulministerium angefangen haben, die Rückkehr zu G9 zu planen, haben sie noch mit 40 bis 50 Gymnasien gerechnet, die beim Abitur nach acht Jahren bleiben wollen. In den vergangenen Monaten schrumpfte die Schätzung schon auf ein Dutzend. Aber als Ministerin Yvonne Gebauer (FDP) am vergangenen Donnerstag vor den versammelten Schulleitern bekanntgab, dass gar nur drei Gymnasien an G8 festhalten, war die Überraschung dann doch groß. Das G8-Trio, das sind zwei Bielefelder Schulen und das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Hilden. Dabei sagt dessen Rektor Udo Kotthaus: „Ich bin gar kein absoluter Befürworter von G8.“

Der 64-Jährige neigt ohnehin nicht zum Absoluten. Die ganze G8/G9-Diskussion hat er als „unsäglich“ und „wenig sachlich“ empfunden. So sehr G8 bei der Einführung der ideologisch aufgeladene Heilsbringer war, so wenig war es aus Kotthaus’ Sicht zuletzt noch möglich zu sagen, dass G8 vielleicht gegenüber G9 doch auch Vorteile haben kann.

Jahrgangsstufe 11 war für gute Schüler oft verlorene Lebenszeit

Zum Beispiel den, dass die frühere Jahrgangsstufe 11, in der die Schüler verschiedener Schulformen zusammengeführt wurden und es beim Lernstoff viele Wiederholungen gab, für gute Schüler oft verlorene Lebenszeit war  Oder den, dass die meisten Fachkollegen nach wie vor überzeugt sind, dass man mit der zweiten Fremdsprache nicht früh genug anfangen kann. Wenn sie künftig wieder in der 7. statt in der 6.Klasse eingeführt wird, würden die Probleme, die einige Kinder grundsätzlich mit der zweiten Fremdsprache haben, einfach um ein Jahr verschoben, ist Kotthaus sicher.

Der Rektor ist bei dem Thema in einer vergleichsweise komfortablen Situation. Weil sein Gymnasium eine evangelische Ersatzschule ist, war er nicht an die staatlichen Erklärungsfristen für die Umstellung gebunden. Und er hat noch gut in Erinnerung, wie er bei der Umstellung zu G8 zwei Jahre Mathematik ohne passende Schulbücher unterrichten musste. Dazu sollte den Eltern die Ungewissheit erspart bleiben, ob ihre schon angemeldeten Kinder denn nun künftig nach G8 oder G9 beschult werden.

Das Gymnasium hatte daher bereits für die Fünftklässler des Schuljahres 2018/19 das Versprechen abgegeben, dass für sie weiter G8 gilt. Das Meinungsbild in der Schulkonferenz war eindeutig. Für das kommende Schuljahr wurde das Versprechen erneuert. Erleichtert wird das durch die Kooperationsvereinbarung mit der benachbarten Gesamtschule. Die Anmeldungsgespräche werden gemeinsam geführt, bis einschließlich Klasse 7 ist der problemlose Wechsel zur Gesamtschule möglich. Auch wurden die Klassenstärken des vierzügigen Gymnasiums auf jetzt 27 Schüler reduziert und manche Streichungen im Lehrplan vorgenommen. In den schwierigsten G8-Jahrgängen 8 und 9 sind die Ergänzungsstunden konsequent für Förderunterricht vorgesehen. Das soll zusätzlichen privaten Nachhilfeunterricht verhindern.

„Man hätte G8 nicht abschaffen müssen. Es wäre zu verbessern gewesen“, sagt Kotthaus. Die Sekundarstufe 1 um ein Jahr zu verkürzen, aber den Stoff beizubehalten, hat er von Anfang an für einen Fehler gehalten. „Ich persönlich hätte mir eine kreativere Lösung für die Oberstufe vorstellen können.“ Eine flexibel auf vier bis sechs Semester verteilte Sekundarstufe 2 zum Beispiel.

Schüler und Lehrer des Bonhoeffer-Gymnasiums, seien in der G8/G9-Frage gespalten, sagt der Rektor. Er schätzt das Verhältnis auf 50:50. Aber bei den Anmeldungen für das kommende Schuljahr hat es jetzt zum ersten Mal Einbrüche gegeben. Früher mussten jährlich 40 bis 50 Absagen erteilt werden, diesmal hat es gerade wieder für vier Eingangsklassen gereicht. Gerade die schwächeren Schüler, die der kirchlichen Schule auch am Herzen liegen, suchen jetzt lieber nach G9-Alternativen. Die nächste Anmeldephase könnte entscheidend werden. „Wir werden uns nicht jahrelang gegen den Trend stellen können“, sagt Kotthaus.

Dabei würde er viel lieber über die pädagogischen Fragen reden, die sich nach seiner Überzeugung nicht durch G9 klären: die zunehmenden Konzentrationsschwierigkeiten der Schüler, die Probleme mit den Grundrechenarten und der Rechtschreibung, die immer größere Heterogenität und der wachsende Förderbedarf. „Es ist Augenwischerei, wenn man sich auf eine Äußerlichkeit wie die Systemfrage stürzt. Ein System löst keine Probleme.“

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