Vor dem Missbrauchs-Prozess: Die verwundete Idylle von Lügde

Lügde : Die verwundete Idylle von Lügde

Am Donnerstag beginnt der Prozess im Missbrauchsfall. Aber in Elbrinxen, dem Dorf mit dem Campingplatz, ist man schon jetzt erschöpft.

Der Campingplatz Eichwald schmiegt sich an einen Höhenzug des Weserberglands. Oberhalb grasen ein paar Pferde im Schatten, ein Wiesenweg führt entlang der Weide in Richtung des Schwalenberger Waldes. Der Blick reicht weit in die Ebene, die Frühsommerwärme bringt die Gräser und Wildblumen zum Duften. Rund 200 Dauercamper schätzen diese Urlaubsidylle.

Automatisch ist man verleitet zu ergänzen: Aber es ist eine trügerische Idylle. So wie man bei verhangenem Himmel wahrscheinlich von dunklen Schatten fabulieren würde, die sich über den Campingplatz legen; über das nahe Dorf Elbrinxen, zu dem er gehört; über die acht Kilometer entfernte ostwestfälische Kleinstadt Lügde, zu deren Ortschaften das Dorf zählt.

Aber ist das wirklich so: Steht hier plötzlich alles – das Wetter, die Landschaft, die Gebäude, die Menschen – in einem vermeintlichen Zusammenhang mit der unfassbaren Anzahl an Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs, die sich über den Zeitraum von fast 20 Jahren auf diesem Campingplatz abgespielt haben sollen? Oder verleitet nicht vielmehr der nachträgliche Blick der plötzlich Wissenden seit der ersten Pressekonferenz der Polizei am 30. Januar zu jeder Menge Trugschlüsse? Heinz Reker, parteiloser hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt, hat inzwischen sein Profilbild bei Whatsapp um den Satz ergänzt: „Lügde ist Tatort, aber nicht Täter!“

In Lügde gibt es keine Spezialisten für Krisenkommunikation

Erinnerung an die alten Erfolge am Ortseingang: Elbrinxen wurde mehrfach bei Dorfwettbewerben ausgezeichnet. Foto: Ekkehard Rüger

Lügde hat gerade knapp 10 000 Einwohner, Elbrinxen ein Zehntel davon. Hier gibt es keine Spezialisten für Krisenkommunikation, das Rathaus hat noch nicht einmal eine Presseabteilung, der Chef macht alles selbst. Reker ist 66, am 1. August ist der gebürtige Lügder 50 Jahre bei der Stadt beschäftigt, nächstes Jahr will er in den Ruhestand gehen. Aber das, was nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle über ihn hereingebrochen ist, hat, so sagt er, „alles getoppt, was ich bisher hier erlebt habe“. Erstmals hatte er das Gefühl, an den Rand seiner Kräfte zu geraten.

Anfänglich hat Reker den Journalisten noch Gesprächspartner vermittelt. Alle kennen sich hier, viele kennen auch den Hauptverdächtigen Andreas V., manche einzelne Opfer. Aber die Auskunftsbereitschaft ist ausgereizt. „Heute erwarten die Bürger das Gegenteil von mir: Halten Sie mir die Medien vom Hals.“ Und wer es per Mail oder telefonisch auf direktem Wege versucht, erhält mal kühle, mal ruppige, mal höfliche und fast entschuldigende, aber in jedem Fall spürbar erschöpfte Absagen. Die Menschen in Lügde und Elbrinxen können nicht mehr und wollen nicht mehr. Vor allem wollen sie nicht mehr gegen den als Frage getarnten Generalverdacht anreden: Wie kann es sein, dass niemandem etwas aufgefallen ist? Als hätten sie sich das alle nicht auch schon tausendmal selbst gefragt.

Einer von denen, die dieser Verdacht mit besonderer Wucht trifft, ist Frank Schäfsmeier. Vor 50 Jahren haben seine Eltern den Campingplatz Eichwald gegründet und zunächst neben ihrer Landwirtschaft betrieben, später dann, als Ernte und Urlaubssaison nicht mehr vereinbar waren, als alleinige Erwerbsquelle. Schäfsmeier ist hier großgeworden, irgendwann hat er die zehn Hektar große Anlage übernommen. Den mutmaßlichen Haupttäter Andreas V. kennt er seit 30 Jahren. „Die Frage, warum niemandem etwas aufgefallen ist, ist ja legitim. Ich würde mich das als Außenstehender auch fragen“, sagt der 55-Jährige. „Und wir fragen uns das hier auch. Aber selbst mit dem Wissen von heute wüsste ich nicht, was mich an ihm hätte stören sollen.“

Auch Schäfmeiers eigene Töchter, inzwischen erwachsen, hatten einst mit V. Umgang. „Aber da war nichts, das haben wir geklärt. Der hat sich seine Opfer gezielt ausgewählt.“ Bis heute rätselt der Campingplatzbesitzer nicht nur darüber, „wie ein Mensch, den man gut kennt, einen so täuschen kann“. Er fragt sich auch, wie es möglich ist, dass die Opferkinder „Addi“, wie Andreas V. genannt wurde, immer wieder um den Hals fielen und nichts von ihrem Leid preisgaben.

Die mächtige Linde neben der Kirche ist eines der Wahrzeichen des Dorfes. Sie gilt als älteste noch wachsende Sommerlinde Deutschlands. Foto: Ekkehard Rüger

Fragen, die ihm viele von außen nicht abnehmen. Nicht nur auf der Facebookseite des Campingplatzes entlädt sich der Hass. „Alle Beteiligten haben die Todesstrafe verdient“, ist da zu lesen. Anwürfe, die auch Bürgermeister Reker nicht fremd sind. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit dem Kinderschänder in eine Zelle gesperrt werden“, ist nur eine unter zahllosen Attacken, die ihn per Mail oder Telefon erreicht haben.

Die bekannten Fotos vom Tatort und der verwahrlosten Parzelle vermitteln ein falsches Bild. Der Campingplatz Eichwald ist kein Schmuddelort. Gemähte Wiesen, Gartenzäune, Fahnen, Blumentöpfe, künstliche Teiche, Satellitenschüsseln. Deutsches Dauercamper-Glück. Viele sind hier schon seit Jahren Gäste, abgesprungen ist bisher niemand. „Unter uns auf dem Platz und im Ort gibt es keine Probleme“, sagt Schäfsmeier. Im Gegenteil: Man rückt zusammen. „Das Gemeinschaftsgefühl ist gestärkt“, hat auch Reker wahrgenommen. Böswillige würden das vermutlich als weiteren Beleg anführen, dass hier doch irgendwie alle unter einer Decke stecken. In Wahrheit ist es der natürliche Reflex darauf, dass sich eine Gemeinschaft zu Unrecht am Pranger fühlt.

Vom Vorzeigedorf
zum Sorgenkind

Elbrinxen, das war einst das Vorzeigedorf von Lügde. Mehrfach wurde es auf Kreis- und Landesebene bei den Wettbewerben „Unser Dorf soll schöner werden“ und „Unser Dorf hat Zukunft“ ausgezeichnet. Aber dann kam eins zum anderen: Das Familienunternehmen Bau-Meier, größter Arbeitsgeber im Dorf, meldete 2001 Insolvenz an. Dazu die bekannten ländlichen Probleme: Arzt weg, Bankfilialen- und Geschäftsaufgaben, ein großes Hotel muss schließen – und zu allem Überfluss macht die Stadt auch noch die Grundschule vor Ort dicht. „Die Dorfflucht hat in der Vergangenheit erheblich zugeschlagen“, sagt Ortsbürgermeister Hermann Wenneker.

Um die Weißstörche kümmert sich ein eigener Dorfverein. Foto: Ekkehard Rüger

Gerade hatte man das Gefühl, die Talsohle durchschritten zu haben. Eine neue Kita ist in Betrieb und sogar ein neuer Hausarzt konnte gewonnen werden. Und jetzt die Abgründe des Missbrauchsfalls. „Wir müssen da selbst rauskommen“, ist Bürgermeister Reker überzeugt. „Wir wollen uns nicht aus der Verantwortung stehlen, aber wir haben auch das Recht auf eine Zukunft.“

In drei Tagen beginnt der Prozess vor dem Landgericht Detmold. Drei Angeklagte, neben Andreas V. noch ein 34 Jahre alter Komplize aus Steinheim und ein 49-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade. Gut 450 Fälle werden ihnen zunächst zur Last gelegt, aber die Ermittlungen sind noch längst nicht abgeschlossen. Ob der Prozess später aufgestockt oder es einen zweiten geben wird, ist noch offen.

Reker weiß, dass auch seine Stadt damit erneut in den Blickpunkt gerät. Trotzdem ist er froh, „dass es so weit ist, dass der Prozess beginnen kann“. Er hofft auf eine gerechte Strafe – und darauf, dass die Kinder dann auch endlich die nötige therapeutische Hilfe erhalten, was im Vorfeld des Prozesses mitunter schwierig sei, um den Vorwurf der Beeinflussung zu vermeiden. Und er wünscht sich, dass im Rahmen der Verhandlungen auch zum Tragen kommt, mit welchen perfiden Mitteln es der Hauptangeklagte geschafft habe, „die Leute zum Narren zu halten“.

Aber Reker trägt auch ein Magengrummeln mit sich herum. Die Täter sind bekannt, die meisten Opfer bisher nur den Ermittlungsbehörden. Weil sich der Missbrauch über Jahrzehnte hinzog, könnten viele betroffen sein – in der Nachbarschaft, in den Vereinen. Wie sich das auf das Binnenverhältnis im Ort auswirkt, wenn die Namen bekannt werden, kann er nicht abschätzen. „Mir wäre ein volles Geständnis der Täter am liebsten, damit den Menschen die Tortur der Zeugenaussagen erspart bleibt.“

Die Parzelle des Hauptverdächtigen Andreas V. einen Tag nach Bekanntgabe des Missbrauchsverdachts Ende Januar (l.). Heute ist der komplette Tatort abgerissen (r.). Foto: dpa/Guido Kirchner

Gibt es eine Zukunft, in der Lügde wieder vor allem für sein Osterräderfest bekannt ist, bei dem in diesem Jahr trotz alledem 30 000 Besucher verfolgten, wie die brennenden Räder bei Anbruch der Dunkelheit den Hang hinunterrollten? Und Elbrinxen wieder in erster Linie von den Weißstörchen reden macht, denen ein Verein seit Jahren rührig ihre Brutstätten pflegt? Frank Schäfsmeier blickt skeptisch: „Vollständig loswerden wird die Stadt das nie wieder. Ein Schatten wird immer bleiben.“ Und dann sagt er noch: „Das Einzige, das uns hilft, ist die Zeit.“

Tausendjährige Linde
als Geschichtssymbol

Etwas außerhalb des heutigen Dorfkerns von Elbrinxen steht neben der evangelischen Dorfkirche aus dem 12. Jahrhundert eine mächtige Linde. Als tausendjährig wird sie angepriesen, auch wenn das Alter nicht verbürgt ist. Aber der unter Schutz stehende Baum gilt als älteste noch wachsende Sommerlinde Deutschlands, 35 Meter hoch, mit einem Stammumfang von zwölf Metern und einer durch Seilverspannungen gehaltenen Krone mit einem Durchmesser von 30 Metern.

Der Baum hat schon viel erlebt: die mit Ausnahme der Kirche völlige Zerstörung des Dorfes während der Soester Fehde 1447, später dann den etwas versetzten Wiederaufbau Anfang des 16. Jahrhunderts. Am 17. und 18. August will Elbrinxen sein 800-jähriges Bestehen feiern und hält trotz des Missbrauchsfalls daran fest. „Wir dürfen uns nicht nur treiben lassen von der Entwicklung“, sagt Heinz Reker. Das Festmotto heißt: „Gemeinsam mehr!“

Lügde, Ortsteil Elbrinxen. Foto: Ekkehard Rüger
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