Der Klavierkomponist Friedrich Burgmüller Seine Ballade war der Knaller

Düsseldorf · Vor 150 Jahren starb Friedrich Burgmüller. Zeitweilig lebte er in Düsseldorf. Viele junge Pianisten kennen seine Klavieretüden.

 Der in Düsseldorf aufgewachsene Komponist Friedrich Burgmüller in einer Lithografie aus dem Jahr 1840.

Der in Düsseldorf aufgewachsene Komponist Friedrich Burgmüller in einer Lithografie aus dem Jahr 1840.

Foto: Digitale Bibliothek Gallica

Ich war neun Jahre alt oder so, als mir Fräulein Ilg die neuen Klaviernoten hinstellte. Keine Ahnung, wie meine Klavierlehrerin das seinerzeit kommentierte. Wahrscheinlich irgendwas wie: „Jetzt gehen wir mal auf Ausdruck, Wolfram. Sind hübsche Stücke.“

Auf dem Einband stand: „25 Etüden op. 100“, da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Etüden versprachen technische Schwierigkeiten, Müh ohne Zweck, nervtötende Plackerei – und in der Liga von Frédéric Chopin, dessen Etüden wahre Wunderwerke sind, konnten diese „25 Etüden“ keinesfalls spielen. Der Komponist meiner persönlichen Heimsuchung hieß Friedrich Burgmüller. Klang Burgmüller wie jemand, der einen vom Klavier­hocker reißt?

Dann aber drang ich unter Fräulein Ilgs Anleitung ein in eine feine, liebliche, geistreiche Welt, in der Romantik und Biedermeier, Klassizität und lyrischer Aufschwung elegant in Balance gebracht schienen. Natürlich war ich damals vor allem mit der elementaren Bewältigung der vielen Noten beschäftigt, weniger mit dem Sinn oder gar der Poesie dahinter. Aber die Stücke vergaß ich nie. Schon die allererste Etüde, „La Candeur“, war ein gefälliges, betuliches Stück in C-Dur, dessen rechte Hand eine Ahnung davon vermittelte, was der „Hanon“, eine enzyklopädische Zuchtfibel zur Bewältigung manueller Schwierigkeiten, uns später mit dem sogenannten Rollschwung der Hände abverlangte.

„La Candeur“ (Offenen Sinnes) hatte keine Versetzungszeichen, alles schien artig auf den weißen Tasten abzulaufen – bis plötzlich das Fis einer sogenannten Zwischendominante reinkeilte. Später gab es einen verminderten Septakkord, der musikalische Dunkelheit ins Blickfeld brachte. In der Coda kam es sogar zu einer f-Moll-Trübung. Moll war toll, ganz mein Ding. Ich konnte die kindliche Stirn ausdrucksvoll in Falten legen.

Dieser Burgmüller hat zahllosen jungen Pianisten das erste echte Empfinden souffliert. Kaum ein Nachwuchs-Horowitz, der ihm und seiner Musik nicht begegnet ist. Vor 150 Jahren, am 13. Februar 1874, starb er im französischen Beau­lieu bei Paris. Dabei hatte er eine rheinische Phase: Sein Vater Friedrich August Burgmüller war der erste Düsseldorfer Musikdirektor gewesen, er starb dort vor 200 Jahren, am 21. August 1824. Sein Bruder war ebenfalls Komponist geworden, es war der flammend begabte Norbert Burgmüller, der jedoch nur 26 Jahre alt wurde. Robert Schumann lobte ihn einmal sehr; Norbert Burgmüllers erste Sinfonie sei „das bedeutendste, nobelste Werk im Sinfonienfach, das die jüngere Zeit hervorgebracht hat“. Er ertrank 1836 nach einem epileptischen Anfall im Aachener Quirinusbad. An ihn erinnert die Burgmüllerstraße in Düsseldorf-Grafenberg.

Unser Etüden-Komponist Friedrich Burgmüller, 1806 in Regensburg geboren, wuchs mit der Familie in Düsseldorf auf. Nach dem Tod des Vaters machte er sich auf Richtung Basel und Straßburg und wurde dann 1834 als Frédéric Burgmüller in Paris sesshaft. Das erklärt die französischen Titel seiner Klavieretüden. Für kindliche Gemüter waren sie Gold wert. Die „Arabesque“ war mein erster Ausdruck von Nervosität. Eine gediegene Landpartie malte ich mir in „La Pastorale“ aus.

Die neckisch hüpfenden Terzen in „La Petite Réunion“ waren hingegen ausgesprochen fies. Die apathisch dahingleitenden Sechzehntelnoten in „Innocence“ beruhigten mich, doch schon die streng parallelen Läufe in „Progrès“ waren eine unangenehme Angelegenheit. Schnell weg! Auch „Le Courant Limpide“ (Rieselnder Bach) türmte Schwierigkeiten. „La Chasse“ (Die Jagd) ritt in stetigem Wechsel von zackigem Staccato (die Pferde?) und elegischem Legato (das erlegte Wild?) durch Wald und Flur.

Die Ballade“ stand in c-Moll, Unruhe nach Noten

Und dann kam die „Ballade“. Mein Lieblingsstück. Sie stand in c-Moll, Unruhe nach Noten, erstmals durfte ich legal donnern. Die Akkorde stanzte ich in die Klaviatur. Fräulein Ilg mahnte: „Nicht zu laut! Und deine Linke ist schneller als deine Rechte.“ Diesen Satz vergaß ich nie. In meinen Noten hinterließ die Lehrerin mit Bleistift einen Imperativ: „Tempo halten!“ Dieser Satz verfolgte mich mein ganzes Leben. Ich habe die Noten nie entsorgt. Und die „Ballade“, ein echter Knaller, kann ich immer noch auswendig.

In der Notenausgabe dieser Burgmüller-Etüden, die in der Universal-Edition herauskam, steht ein gehaltvoller Satz: „Friedrich Burgmüller wäre heute vermutlich völlig vergessen, hätte er sich nicht als erfahrener Pädagoge mit leicht spielbaren, aber brillant klingenden Etüden einen Namen gemacht.“ Tatsächlich tat sich für uns Eleven ein neuer Kosmos auf. Wir schauten in eine Welt der sanft bewegten Ereignisse, die noch nicht per App reguliert, von Streamingdiensten befüttert, von Splatter-Videos beunruhigt wurde. Ich spielte die „Ballade“ allerdings als den ersten Schockanruf meines Lebens, der ans Ohr meiner Mutter drang. Sie war entzückt.

Danke, Friedrich Burgmüller!

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