Viel zu bürokratisch: Der Mieterstrom ist gescheitert

Alternative Energien : Viel zu bürokratisch - Der Mieterstrom ist gescheitert

Strom vom Dach auch für Mieter – gute Idee, doch es gibt wohl keine 100 Projekte in NRW. Jetzt will der Bund nachsteuern.

Mieterstrom – also geförderter Strom aus Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern von Mietshäusern – sollte dafür sorgen, dass auch in den urbanen Zentren mehr Energie aus Sonnenlicht gewonnen werden kann. Ein großer Schritt zur Energiewende, hofften 2017 bei der Einführung viele. Jetzt muss man sagen: Das Projekt ist gescheitert. Vorläufig.

Laut Zahlen der Bundesnetzagentur gingen im ersten Jahr gerade einmal 14 Mieterstromanlagen in NRW ans Netz, 2018 waren es noch einmal 36. 50 Anlagen in zwei Jahren – aktuellere Zahlen existieren nicht, nach Einschätzung von Experten dürfte das bevölkerungsreichste Bundesland aber höchstens an der Dreistelligkeit kratzen. Eine Leistung von 500 Megawatt Mieterstrom jährlich sollte laut dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bundesweit mit einem Zuschlag gefördert werden – bis Januar 2019 lag die insgesamt installierte Leistung bei 14,7 Megawatt; nicht einmal drei Prozent des jährlichen Förderpotenzials war somit ausgeschöpft.

Mieterstrom-Potenzial laut Experten in NRW enorm

„Der Mieterstrom kommt nicht in die Gänge, weil er nicht gewollt war“, erklärt Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW. Man habe Sorge gehabt, der Strompreis werde steigen, wenn zu viele Menschen ihre Energie einfach selbst erzeugen. Vor allem wenn die Industrie auf diesen Trichter käme. Herausgekommen sei deshalb ein Gesetz, das so kompliziert sei, dass „nur ein paar Profis, die nichts anderes machen“ sich heranwagten. Und selbst dann bewege sich der Mieterstrom „am Rande der Wirtschaftlichkeit“.

Das bestätigt Naturstrom-Sprecher Tim Loppe. Der Düsseldorfer Ökostromversorger hat mehr als 40 Mieterstromprojekte bundesweit umgesetzt, drei davon in NRW – das jüngste in Hattingen ging soeben ans Netz. Problematisch sei etwa, dass der Vermieter sich alle Pflichten eines Energieunternehmens aufhalse. Oder die Beschränkung der Anlagenleistung auf 100 Kilowattstunden, durch die Mieterstrom etwa in Quartieren unmöglich werde. „Das muss entbürokratisiert werden“, sagt Loppe.

Darauf hofft auch die Landesregierung. Man setze sich, heißt es gegenüber dieser Zeitung beim Wirtschafts- und Energieministerium, „auf Bundesebene für bessere Bedingungen im Mieterstrombereich ein, um die Potenziale der Photovoltaik im urbanen Raum stärker zu nutzen“. Diese Potenziale seien gerade im dichtbesiedelten NRW enorm, unterstreicht Mario Burda vom Landesverband Erneuerbare Energien (LEE): „Urbane Zentren müssen in die Energiewende einbezogen werden.“

Hoffnung dürfen die Mieterstrom-Befürworter hegen: Laut dem SPD-Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) „schriftlich zugesagt, den Mieterstrom noch im Herbst dieses Jahres zu novellieren“. Die Stromerzeugung im Quartier, eine auskömmliche Förderung und weitere Erleichterungen stünden im Fokus. Auf den Entwurf wartet man nicht nur in NRW gespannt.

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