Transsexualität: Wie ein Mädchen aus Willich zum Mann wird

Scotts Wandlung - Teil 1: Wie es ist, vom Mädchen zum Mann zu werden

Scott Pantelidis ist als Mädchen geboren, fühlt sich aber als Mann – und will sich operieren lassen. Die Geschichte einer Wandlung.

Scotts Geburtsurkunde ist noch nicht einmal ein halbes Jahr alt. „Mönchengladbach, 31.08.2018“ steht neben dem Siegel. Unter seinem Geburtsnamen Pantelidis sind die drei Vornamen Scott, Ardy und Marcus aufgeführt. Dann folgen das Geschlecht („männlich“) und das Geburtsdatum im Februar 2002.

Es gibt noch eine ältere Abstammungsurkunde von Scott, die im Jahr nach seiner Geburt ausgefertigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt trug er noch die Vornamen Sherina, Mavis, Silvia und Chantal. Entsprechend vermerkt die Urkunde auch zu seiner Person, sie sei „weiblichen Geschlechts“. Die beiden Urkunden sind eine Art Abschnittsmarkierungen eines langen Weges von einem Geschlecht zum anderen.

Im Nachhinein erklärt man sich so manches. Zum Beispiel die Sache mit der Erstkommunion. Sherina wollte auf keinen Fall ein Kleid tragen. Am Ende ging sie als einziges Mädchen im Hosenanzug zur Kirche. Für sich genommen nichts Besonderes. Im Rückblick eines von vielen kleinen Puzzleteilchen. Als Erster musste Scott sie für sich zusammensetzen. Er fing bereits früh damit an.

Mit Chers transsexuellem Sohn fängt das Verstehen an

„Schon in der Grundschule ist mir aufgefallen, dass ich anders bin“, erzählt er. Mit elf Jahren findet er auch das richtige Wort dafür. Er stößt auf die Geschichte von Chaz Bono, dem transsexuellen Sohn des Popduos Sonny Bono und Cher. Und er denkt: „Das ist genau das, was mit mir ist.“ Ein Mensch, der im Körper eines Mädchens zur Welt kommt, aber sich als Junge fühlt. „Mein Schock war, dass das medizinisch zu ändern ist.“

Den Schock hat Scott für sich behalten, alles andere auch, drei Jahre lang. Zu groß war die Angst, nicht ernst genommen zu werden. „Manchmal sagen Kinder etwas und meinen es nicht ernst. Manchmal aber doch.“ Aber mit 14, inmitten der Pubertät, hält er es nicht länger aus. Das Thema bricht sich Bahn, erst vorsichtig, dann eruptiv.

Irgendwie ging es um Gleichberechtigung im Job. Das war für Scott der Anlass, einem Freund die erste Whatsapp-Nachricht zu schreiben: dazu, dass er sich als Junge fühlt und das auch werden will. Die lapidare Reaktion des Freundes: „Mach, was du willst.“ Es ist der 2. Juni 2016, das Thema ist raus, zum ersten Mal. Zwei Wochen später fühlt Scott bei seiner älteren Schwester Sharon vor, wieder per Whatsapp. „Was würdest du sagen, wenn ich dir sagen würde, dass ich ein Junge sein will?“ Ihre Antwort: „Das habe ich mir schon gedacht.“ Erleichterung macht sich breit. Sollte das Ganze so einfach sein?

Doch zu dem Zeitpunkt steht noch das vielleicht entscheidende Gespräch aus. Sie sei „sehr, sehr konservativ aufgewachsen“, sagt Scott über seine griechisch-orthodox geprägte Mutter. Mit seiner Schwester berät er sich über das richtige Vorgehen. Aber dann kommt alles ganz anders, unkontrollierter, überhaupt nicht vorbereitet.

„Was siehst du in mir?“ „Du bist mein kleines Mädchen!“

Ein Streit über seinen Fahrradwunsch entsteht. Er will ein Mountainbike, seine Mutter meint, das sei nichts für Mädchen. Sie streiten im Auto, er rennt in die Wohnung und knallt die Tür zu seinem Zimmer zu. Seine Mutter folgt ihm, will wissen, warum er so ausrastet. Darauf folgen nach Schilderung der beiden fünf gebrüllte Sätze: „Was siehst du in mir?“ „Du bist mein kleines Mädchen!“ „Das will ich aber nicht sein!“ „Was willst du denn sein?“ „Ich will ein Junge sein.“

„Danach war Stille“, erzählt Scott. „Absolute Stille.“ Eine gefühlte Ewigkeit später habe seine Mutter gesagt: „Dann machen wir jetzt einen Termin beim Friseur und schneiden deine Haare ab.“ Neun Monate vorher hatte sie das noch verboten. Am Tag, als er zum Friseur geht, weint seine Mutter. „Sie hat sich gefragt, was sie falsch gemacht hat.“ Die abgeschnittenen Haare bewahrt sie bis heute in ihrem Schlafzimmer auf.

Seit diesen aufwühlenden Wochen im Sommer 2016 ist Scott Schritt für Schritt weitergegangen in Richtung seines Ziels. Sein engerer und später auch weiterer Freundeskreis wurde eingeweiht, nach einem Jahr auch der ältere Halbbruder, bei dem er es sich wegen dessen konservativer Weltanschauung so lange nicht getraut hatte. „Ich habe gedacht, es wäre für jeden, der mich kennt, eine Belastung“, blickt Scott zurück. Dabei habe es letztlich nur einen einzigen Fall gegeben, in dem er das Gefühl hatte, jemand wolle das Thema gegen ihn verwenden. Aber auch das sei inzwischen ausgeräumt. „Heute sind wir Freunde.“

Aber wie weit will Scott selbst gehen? Das hat er sich immer wieder gefragt. Will er wirklich die Geschlechtsumwandlung anstreben, mit allen Konsequenzen? „Ich habe erst überlegt, ob ich das machen will. Es ist sehr radikal, das zu tun, für mich und für alle anderen Menschen.“ Er hat überlegt, ob es vielleicht reicht, sich wie ein Junge zu kleiden. Auch nach seinem Outing sind nicht alle Fragen plötzlich geklärt. Im Herbst 2017 kommt es zu einem psychischen Tief. Aber dann sagt er sich: „Ich bin jetzt schon so weit gekommen. Ich kann nicht mehr zurück. Ich will das jetzt durchziehen.“

Am 23. Oktober 2017 stellt Evangelie Pantelidis für ihre Tochter Sherina beim Amtsgericht Düsseldorf den Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung. Am 24. November 2017 schreibt die Oberstufenschülerin Sherina alle Lehrerinnen und Lehrer des Lise-Meitner-Gymnasiums in Willich-Anrath an: „Ich wäre Ihnen überaus dankbar, auch wenn Sie erst jetzt davon erfahren haben, mich mit Scott anzusprechen und das richtige Pronomen (er/ihm) zu verwenden.“ Zwei Monate später, am 17. Januar 2018, beginnt die Hormonbehandlung mit der ersten Spritze Testosteron. Sie ist ab jetzt einmal im Monat fällig – ein Leben lang.

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