Transsexualität: "Es ist ja nicht falsch, anders zu sein"

Scotts Wandlung - Teil 3 : Transsexualität: „Es ist ja nicht falsch, anders zu sein“

Wer als Junge im Körper eines Mädchens geboren wird, kann glücklich sein, wenn er Freunde hat, die sich nicht irritieren lassen. Scott aus Willich hat dieses Glück.

Dilara Aksel erinnert sich noch an den ersten Schultag in der 5d des Lise-Meitner-Gymnasiums in Willich-Anrath. Alle Kinder saßen für eine erste Vorstellungsrunde im Stuhlkreis zusammen. „Als er dann aufgestanden ist und Sherina gesagt hat, war mein erster Gedanke: ein cooler Name“, erzählt die 17-Jährige. Sie verwendet dabei heute ganz selbstverständlich das Personalpronomen „er“ zusammen mit dem damaligen Mädchennamen ihres langjährigen Freundes Scott, obwohl ihn zu der Zeit noch alle für ein Mädchen gehalten haben.

Wenn ein Junge im Körper eines Mädchens geboren wird und dieses Spannungsfeld sowohl mit sich als auch mit seinem Umfeld klären muss, ist das immer eine große Anstrengung. Und sie könnte noch größer werden, wenn Anfeindungen dazukommen, Spott und Herablassung. Von all dem ist Scott in seinem Freundeskreis verschont geblieben. Das erzählt er selbst, das erzählt auch Dilara über die ganze Clique, zu der vielleicht zehn oder 15 Schülerinnen und Schüler gehören. „Das war für uns kein Problem.“

Ein Problem nicht, ein Lernprozess, eine Annäherung, genährt aus vielen kleinen Ahnungen, schon. Sherinas lange Haare, immer zum Pferdeschwanz gebunden und von vielen kleinen Klammern eng am Kopf gehalten. Wieder und wieder wird sie aufgefordert, doch mal mit offenen Haaren zur Schule zu kommen, aber sie will nie. Als es dann doch einmal passiert, gibt es zwar viele Komplimente, „aber man hat gesehen, dass er sich nicht wohlgefühlt hat“, sagt Dilara.

Den Freunden fällt schon lange vor Scotts Outing auf, dass er bei typischen Jungenwitzen immer dabei ist. „Aber wenn es um typische Mädchenwitze ging, kam nicht viel von ihm. Es hat aber von Anfang an niemand von ihm erwartet, dass er sich mädchenhafter verhalten soll“, beschreibt Dilara die Atmosphäre innerhalb der Gruppe. „Es ist ja nicht falsch, anders zu sein.“

Scott habe immer schon zu denjenigen gehört, „denen man nicht nur viel anvertrauen kann, sondern auch weiß, das bleibt unter uns“. Als die Freundschaft der beiden enger wird, gewinnt Dilara den Eindruck, dass ihn etwas belastet, aber er nicht so offen darüber reden kann, wie er vielleicht will. Einer seiner Sätze damals: „Meine Probleme sind nicht so wichtig. Deine sind wichtiger.“

Wichtiges Gespür dafür, wie weit man gehen kann

Es zählt zu den Qualitäten von Freundschaften, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie weit man gehen kann und wo der Respekt es verlangt, nicht weiterzubohren. Mal fallen einzelne Sätze von ihm oder anderen, die als Andeutung verstanden werden können. „Aber ich wollte ihn nicht bedrängen. Wenn man jemanden mitleidig behandelt, fühlt er sich manchmal extra schwach.“

Aber als Scott bei der Abschlussfahrt der 9. Klasse dann anfängt, ersten Freunden zu erzählen, was mit ihm los ist, antwortet Dilara mit dem schlichten Satz „Ich weiß“, als sie mit den Neuigkeiten konfrontiert wird, ohne zu dem Zeitpunkt schon mit Scott gesprochen zu haben. „Ich war so froh, dass er den ersten Schritt gewagt hat. Er hat nicht mit der Reaktion gerechnet, dass so viele zu ihm gesagt haben: Ich bin stolz auf dich.“

Doch auch das größte Verständnis kann nicht alles auffangen. „Für uns war es keine Riesenveränderung“, sagt die angehende Abiturientin. Scott dagegen, so sieht es seine Freundin im Rückblick, habe immer wieder zwischen Erleichterung einerseits und dem Gefühl einer großen Belastung andererseits geschwankt angesichts der großen Veränderungen, die ihm noch bevorstehen. „Aber das haben wir von außen nie so mitbekommen. Ich wusste nicht, wie labil er ist.“

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Es bedarf erst eines Vorfalls auf einer Brücke und des Funds von Rasierklingen, damit den Freunden klar wird, dass sich Scott offenbar mit Suizidgedanken herumschlägt. „Ich bin auf ihn zugegangen und war wütend, weil ich nicht wollte, dass er denkt, er sei allein.“ Quälende Fragen setzen bei Dilara ein: „Habe ich zu wenig geleistet als Freundin? Habe ich was Falsches gesagt?“ Ihrem Freund sagt sie ins Gesicht: „Suizid wird nie eine Lösung sein.“

Aber was ist die Lösung? Und lässt sich das überhaupt von Anfang an so klar sagen? Irgendwann kommt der Punkt, ab dem Scott seine Sherina-Vergangenheit endgültig hinter sich lassen will. Die Haare sind schon kurz. Mit dem Namen geht es weiter. Im November 2017 bittet er alle Lehrer seiner Schule, ihn künftig nur noch Scott zu nennen, obwohl die Personenstandsänderung noch lange nicht offiziell ist.

Die Freunde tragen die Namensänderung mit

Und er weiß dabei seine Freunde hinter sich. Als ein Lehrer, wie zumindest die Schüler es empfinden, geradezu provokativ weiter den Namen Sherina verwendet, „habe ich ihn korregiert und gesagt: Nein, Scott!“, erzählt Dilara. „Und wenn bei uns Anwesenheitslisten rumgingen, auf denen noch Sherina stand, wurde das sofort durchgestrichen und stattdessen Scott geschrieben, egal, wer das zuerst gesehen hat.“

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Aber Scott will mehr. Er will seinen Körper angleichen. „Die Brustoperation war gar nicht das erste Thema“, sagt Dilara, „sondern die Geschlechtsorgane. Irgendjemand hat die Frage in den Raum geworfen, wie das geht. Und Scott hat es uns ganz locker erklärt.“ Ihre erste Reaktion beim gedanklichen Nachvollziehen: „Aua!“

Im Anschluss wird im Freundeskreis über die geschilderten Eingriffe diskutiert – mit immer wieder demselben Tenor: „Respekt, Scott! Wie kann man sich so was trauen?“

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