Tornado schlägt Schneise in Roetgen: „Glück, dass keiner tot ist“

Tornado in Roetgen : „Es war, als hätte eine Bombe eingeschlagen“

Am Tag wird sichtbar, mit welcher Gewalt der Tornado in der Eifel gewütet hat. Die Schäden sind verheerend. Trotzdem sprechen die Menschen dort von Glück.

Das Wetter ist gnadenlos. Zuerst der Tornado, jetzt der Regen. Seit Stunden. Am Morgen danach wird bei Tageslicht das ganze verheerende Ausmaß der Schäden deutlich: abgedeckte Dächer, massive, tragende Dachbalken, die herausgerissen sind. Selbst Klinkerfassaden hat der Tornado mit seiner ganzen Kraft gepackt. Abgesplitterte Dachziegel wurden wie Messer in eine Hausfassade geschleudert und stecken noch. „Es ist ein Glück, dass keiner tot geblieben ist“, sagt Harald Müller, der in diesem Haus wohnt. Es ist der Morgen, nachdem der Tornado die Eifelgemeinde Roetgen getroffen hat.

Harald Müller hat genug mit dem Schutt aus Ziegeln und anderen Überbleibseln vor seinem Haus zu tun. Trotzdem erzählt er so aufgewühlt von diesem Moment am Vortag - so als wäre es gerade erst passiert: „Es wurde dunkel. Dann begann es zu hageln.“ Dann dieser unbeschreibliche Lärm. Das Kindertrampolin wirbelte durch den Garten. „Schmeißt Euch auf den Boden“, ruft er seinen hereinkommenden Kindern geistesgegenwärtig zu und wirft sich mit ihnen hin. Überall im Haus knallen Scheiben. „Es war, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“

Verletzt wird der Schwiegervater. Der lässt gerade noch ein Rollo herunter - zum Schutz. Für den Sturm ein Kinderspiel: Er drückt das Rollo ein, samt Fenster. Das geht zu Bruch und verletzt den Mann. „Er hatte Schnittwunden und wurde an der Hüfte verletzt“, erzählt Müller. Etwa eine halbe Minute habe der Sturm gewütet. Dann plötzlich Stille. „Überall lagen Scherben.“

Am Ende kommt die Erkenntnis, sie hätten sterben können - wenn sie hinter der großen Glasscheibe gestanden hätten, die der Wind zerstört hat. Mit seiner Kraft habe der Tornado sogar das ganze Dach an einer Seite angehoben, sagt Müller und kann die Konsequenzen noch nicht absehen: „Ich hoffe, dass wir weiter hier leben können“, sagt der Mann.

„Es gibt Schlimmeres. Es ist niemand tot“, sagt ein älterer Mann im gelben Friesennerz beim Aufräumen. Seine Stimme ist laut, fest und bestimmt und er wirkt wie einer, den nichts so leicht umwirft. Über ihm arbeiten die Dachdecker. Die Loggia ist an einer Ecke weggerissen, als hätte jemand mit riesiger Hand und grober Gewalt daran gezogen. Auf dem Dach sind kaum noch Ziegel.

Tornado-Wind fegt in der Eifel

Fünf Personen werden bei dem Sturm verletzt

Der Tornado hat eine fast messerscharfe Schneise am nördlichen Ortsrand der Gemeinde gezogen - vielleicht 200 oder 300 Meter breit. Fünf Menschen wurden nach Angaben der Feuerwehr leicht verletzt. Von 40 beschädigten Häusern sind zehn unbewohnbar. Eins davon gehört Thomas Bourceau. Die Mieter sind erst einmal ausquartiert. „Die Frage ist, was mit der Statik ist“, meint der Mann skeptisch in strömendem Regen. Er ist freundlich, kann zwischendurch sogar noch lächeln. „Es ist einfach toll, wie die Leute alle helfen“, sagt er und meint die Leute im Ort.

Im Vorgarten liegt ein dicker tragender Dachbalken - so schwer, dass ein Mensch ihn nicht mal anheben könnte. Der Tornado hat ihn einfach gepackt und rausgerissen. Oben im Dach klafft ein großes Loch, das die Dachdecker nicht einmal mehr provisorisch abdecken können. Wie viele andere in Roetgen hatte der 50-Jährige von diesem gewaltigen Naturereignis erst einmal nichts mitbekommen. Er war im Ort unterwegs als der Anruf von einem Bekannten kam: „Weißt Du, was mit Deinem Haus ist?“. Ein Fenster ist der Zerstörung entkommen und strahlt am Tag danach trügerische Normalität aus: „Honig aus eigener Imkerei“ steht auf einem Schild dahinter.

Hausbesitzer Thomas Bourceau steht nach einem Tornado vor seinem beschädigten Haus. Foto: dpa/Henning Kaiser

Dachdecker Thomas Contzen ist mittlerweile nass wie ein Fisch und unternimmt nicht mal mehr den Versuch, sich vor dem starken Dauerregen zu schützen. Mit seinen Leuten bespricht er draußen vor einem Haus den Einsatz für den Tag. „Das Wetter setzt jetzt noch einen drauf“, meint er. Viele Dächer seien zwar provisorisch abgedichtet. „Aber das Wasser kommt überall durch.“

Durch die Dächer, in die Wohnungen, in die Zimmer, in die zerstörten Fassaden. „Das weicht alles auf“, sagt er. Dächer der am schlimmsten betroffenen Häuser haben nach seiner Einschätzung einen Totalschaden, müssen ganz neu aufgebaut werden. Sein erster Gedanke als er am Vortag in die Straße kam: „Wie im Krieg.“

(dpa)
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