Sturm-Bilanz: Sturm "Friederike": Drei Tote und mehr als 60 Verletzte in NRW

Sturm-Bilanz : Sturm "Friederike": Drei Tote und mehr als 60 Verletzte in NRW

Stundenlang zieht Orkan „Friederike“ über NRW hinweg. Es ist der heftigste Sturm seit mehr als zehn Jahren. Drei Menschen kommen ums Leben. Auch am Freitagmorgen muss mit Zugausfällen im Regionalverkehr gerechnet werden.

Auf den Tag genau elf Jahre nach dem verheerenden Orkan „Kyrill“ ist das Orkantief „Friederike“ stundenlang über Nordrhein-Westfalen hinweggefegt. Die verheerende Bilanz bis zum Abend: mindestens drei Menschen sind durch umstürzende Bäume erschlagen worden, Dutzende werden verletzt, viele von ihnen schwer. Am Abend sprach NRW-Innenminister Herbert Reul von mindestens 62 Verletzten.

Die Bahn stellte bereits am Vormittag landesweit den Zugverkehr ein, auch im Nahverkehr ging in mehreren NRW-Großstädten zeitweise nichts mehr. Zehntausende Pendler mussten am Abend an den NRW-Bahnhöfen ausharren und versuchen, auf Taxis oder Fahrgemeinschaften umzusteigen. Die Bahn stellte Hotelzüge in Köln, Dortmund und Hamm zur Verfügung und verteilte Hotelgutscheine. Auch am Freitagmorgen muss noch mit Zugausfällen im Regionalverkehr gerechnet werden, teilte die Deutsche Bahn mit.

Mit Geschwindigkeiten von bis zu 140 Stundenkilometern zog „Friederike“ vom Vormittag an quer über NRW und hinterließ fast überall Spuren der Zerstörung. Zahllose Bäume wurden entwurzelt und beschädigten Autos oder Gebäude, Dächer wurden durch die Böen abgedeckt, Fassadenteile wirbelten durch die Luft. Erst am frühen Nachmittag konnte der Deutsche Wetterdienst Entwarnung geben. „Das ist jetzt durch“, sagte eine DWD-Expertin erleichtert.

„Friederike“, der von Westen her über Deutschland fegte, ist laut DWD der schwerste Sturm seit dem Jahr 2007. „Damit haben wir elf Jahre nach Kyrill wieder einen Orkan der Königsklasse“, sagte DWD-Sturmexperte Andreas Friedrich.

Drei Menschen kamen beim Orkan in NRW ums Leben, darunter ein Feuerwehrmann. In Emmerich wurde ein Mann auf einem Campingplatz von einem Baum erschlagen. In Lippstadt starb ein 68-jähriger Lkw-Fahrer bei einem sturmbedingten Verkehrsunfall. Ein Feuerwehrmann starb nach Angaben des NRW-Innenministeriums im Einsatz im sauerländischen Sundern, Details waren zunächst aber nicht bekannt. Mindestens 62 Menschen wurden durch „Friederike“ in NRW verletzt, viele von ihnen schwer.

Im übrigen Bundesgebiet sind drei weitere Todesfälle zu beklagen. In Bad Salzungen (Thüringen) starb ein Feuerwehrmann, er wurde von einem umstürzenden Baum getötet. In Brandenburg starb ein Lastwagenfahrer, als sein Fahrzeug von einer Orkanböe erfasst wurde und umkippte. In Mecklenburg-Vorpommern ereignete sich ein weiterer tödlicher Unfall.

In den Nachbarländern sorgte "Friederike" ebenso für Chaos. Auf Gleisen und Straßen ging nichts mehr, der Amsterdamer Flughafen Schiphol strich kurzzeitig alle Flüge, weil der Wetterdienst die höchste Alarmstufe ausgerufen hatte. Zwei Männer kamen in den Niederlanden durch herabfallende Äste und umgestürzte Bäume ums Leben. In Belgien starb eine Autofahrerin.
Polizei- und Rettungskräfte waren mehr als 10 000 Mal im Einsatz. Feuerwehr- und Rettungsdienste leisteten nach Auskunft des Innenministeriums bis zum späten Mittag 7000 Einsätze. Die Polizei bewältigte in den Hauptstunden des Orkans über 4000 Einsätze, davon allein mehr als 630 in Köln und rund 700 in Dortmund sowie 550 in Düsseldorf, wie das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste in Duisburg mitteilte. Den Schaden durch Verkehrsunfälle bezifferte die Polizei auf mehr als 1,7 Millionen Euro. „Dieser Einsatz ist noch lange nicht beendet““, sagte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Abend. „Die Folgen des Unwetters werden die Einsatzkräfte in den nächsten Stunden und Tagen weiter beschäftigen.“

Unter anderem wurde in Gladbeck ein Kindergarten geräumt, weil eine Dachkuppel abzustürzen drohte, der Kaarster Möbelmarkt Ikea wurde wegen Schäden an der Fassade evakuiert, an mehreren Düsseldorfer Flüchtlingsheimen wurden die Dächer schwer abgerissen. Auf dem Flughafen Köln/Bonn wurden für mehrere Stunden Starts und Landungen abgesagt. Die Zoos in Köln, Dortmund und Duisburg hatten am Donnerstag vorsichtshalber zu, auch etliche Wochenmärkte wurden abgesagt. Die Feuerwehr hatte geraten, zu Hause zu bleiben und vor allem den Wald zu meiden.

Die Deutsche Bahn legte den Zugverkehr still, erst am frühen Freitag sollen die Bahnen im regional- und Fernverkehr wieder fahren. „Das ist eine notwendige Sicherheitsmaßnahmen, weil die Störungen durch den Sturm doch so gravierend sind, dass wir Fernzüge schlichtweg nicht mehr durchbekommen“, sagte Bahnsprecher Achim Stauß der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor war der Zugverkehr bundesweit eingestellt worden. Auch bei der Rheinbahn in Düsseldorf sowie bei der Wuppertaler Schwebebahn ging zeitweise nichts mehr.

Auf den Straßen in NRW herrschten in einigen Regionen zeitweise chaotische Zustände. In Duisburg drohte ein Lkw von einer Brücke der Autobahn 59 zu stürzen. Die Autobahn wurde zeitweise voll gesperrt. Der Planen-Lastwagen war von einer Böe an die Brüstung gedrückt worden und musste aufwendig gesichert werden.

Auf der Bundesautobahn 555 in Höhe der Anschlussstelle Wesseling wurde ein Lkw vom Sturm erfasst und über alle drei Fahrstreifen gefegt. Die Feuerwehr befreite den eingeklemmten Fahrer aus dem Führerhaus seines Styroportransporters. Rettungskräfte brachten ihn und seine verletzte Beifahrerin in ein Krankenhaus.

Auch auf anderen Autobahnen im Rheinland kam es durch losgelöste Lkw-Planen, umgekippte Baustellenschilder und umgeknickte Bäume zu „unzähligen Einsätzen“. Immer wieder mussten einzelne Abschnitte gesperrt werden.

Bei mehr als 120 000 Menschen in Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern gab es Störungen und Stromausfälle, teilte der Netzbetreiber „Westnetz“ in Dortmund mit. Grund seien Bäume, die auf Freileitungen gestürzt waren.

Auch viele Schulen blieben wegen „Friederike“ geschlossen oder sagten den Schulunterricht nach den ersten Stunden ab. Tausende Eltern mussten ihre Kinder vorzeitig abholen. Unter anderem in Neuss, Hagen und Düsseldorf fiel zwar der Unterricht aus und Stadtverwaltungen forderten Eltern auf, ihre Kinder abzuholen. Allerdings hatten die Schüler auch die Möglichkeit, bis zum Ende des Unwetters in der Schule bleiben. Im Regierungsbezirk Münster beendeten ebenfalls viele Schulen den Unterricht nach den ersten Stunden. Nicht ganz zu Unrecht machten sich die Schulträger sorgen: In Köln wurden mindestens 22 Schulen beschädigt.

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