Weniger Hindernisse für Rollstuhlfahrer in der Stadt

Weniger Hindernisse für Rollstuhlfahrer in der Stadt

Rampen und Aufzüge sind wichtige Hilfsmittel für die Bewältigung des Alltags.

Haßlinghausen. Elf Jahre ist es her, dass sich Sprockhövels Erster Beigeordneter Bernd Woldt in einen Rollstuhl setzte und Haßlinghausen aus Sicht eines Rollstuhlfahrers kennenlernte. Viel häufiger als erwartet traf er dabei auf Hindernisse.

Der Eingang zur Grundschule Haßlinghausen — versperrt. Ein Besuch des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche — ohne fremde Hilfe unmöglich. Der Weg hinauf ins Bürgerbüro — eine echte Kraftanstrengung. Begleitet wurde Bernd Woldt damals von Barbara Taiber, Mitglied der Grünen und des Behindertenbeirats, der die „Probefahrt“ initiiert hatte.

„Seither hat sich vieles zum Guten verändert“, sagt Barbara Taiber, die seit ihrem 17. Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen ist. Gemeinsam mit der WZ macht sie erneut eine Tour durch Haßlinghausen — diesmal allerdings weitgehend hindernisfrei. „Der Eingang der Grundschule Haßlinghausen hatte früher eine Stufe. Die ist mittlerweile weg“, sagt Taiber.

Gut erinnert sie sich noch daran, wie sie für ihre Kinder eine passende Grundschule suchte, die auch für sie als Mutter erreichbar war. Vor dem gleichen Problem stand sie, als die Kinder zur weiterführenden Schule wechseln mussten.

„Die Klasse meiner Tochter wurde damals extra im Erdgeschoss untergebracht“, erinnert sich Taiber. Mittlerweile gibt es überall Aufzüge, so dass nicht nur sie als Mutter problemlos überall hinkommt, sondern auch gehbehinderte Schüler aufgenommen werden können.

Ein Lob gibt es von Barbara Taiber für den neuen Busbahnhof am Rathausplatz, der sowohl die Belange von Gehbehinderten berücksichtigt als auch die Belange von Sehbehinderten. Zudem gibt es dort eine Extra-Behindertentoilette. Auch für die Rampe an der evangelischen Kirche ist sie dankbar.

„Ohne die kam ich früher nicht ohne fremde Hilfe in das Kirchengebäude.“ Das Rathaus samt Bürgerbüro ist für Rollstuhlfahrer ebenfalls über eine Rampe erreichbar. Ganz ohne Anstrengung fährt es sich zwar nicht hinauf, aber für Taiber ist doch jeder Ort, den sie aus eigener Kraft erreichen kann und bei dem sie nicht um Hilfe bitten muss, ein kleines Stück Selbstständigkeit.

„Wobei ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht habe. Wenn ich nach Hilfe frage, sind die Leute immer gern bereit, mit zu helfen“, betont Taiber. Gerade bei den öffentlichen Einrichtungen in Sprockhövel gebe es für sie heute kaum noch Probleme, die seien mittlerweile alle weitgehend behindertengerecht.

Schlechter sehe es da schon bei privaten Einrichtungen oder Geschäften aus. Beim Spaziergang entlang der Mittelstraße fällt auf, dass fast alle Einrichtungen eine oder mehrere Stufen vor der Tür haben, aber die wenigsten über eine Rampe oder ähnliches verfügen. „Hier ist ein Reisebüro, das seit kurzem eine Rampe hat. Und auch die Sparkasse erreiche ich gut“, sagt Taiber.

In die Apotheke gelangt sie jedoch nur, wenn sie ans Fenster klopft und ihr die Mitarbeiter hinein helfen. Gleiches gilt für ein Modegeschäft, dessen Telefonnummer sie im Handy gespeichert hat und bei dem sie sich auf diese Weise bemerkbar macht.

„Oft kann ich mir auf diese Weise behelfen“, sagt Taiber, manche Orte jedoch sind für sie völlig unerreichbar. Etwa der Drogeriemarkt, der nicht nur Stufen vor dem Eingang hat, sondern auch so schmale Gänge, dass sie mit ihrem Rollstuhl keine Chance hat. „Richtig geärgert habe ich mich über ein Modegeschäft, das neu eröffnet hat“, erzählt Taiber.

Früher war der Eingang ebenerdig, jetzt ist dort eine Stufe vor der Tür. „Warum denken manche Leute da nicht nach?“, fragt sie und verweist auch auf die vielen älteren Leute, die mit einem Rollator unterwegs sind und die ebenfalls froh über ebenerdige Zugänge sind. Die Suche nach einem geeigneten Kinderarzt für ihre Kinder, einen Zahnarzt in der Nähe oder einen Steuerberater — für Barbara Taiber geht es nicht darum, den besten vor Ort zu finden. Für sie ist entscheidend, ob sie dort überhaupt hinkommt.

„Das hier ist für Rollstuhlfahrer wirklich schlecht gelöst“, sagt sie vor einem Ärztehaus an der Mittelstraße.

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