Sprockhövel: Segeln gegen die Traumata der Kinder

Sprockhövel : Segeln gegen die Traumata der Kinder

Der Verein „sunchine4kids“ ist mit 40 Kindern auf dem Ijsselmeer unterwegs.

Sie haben Vater, Mutter, Bruder oder Schwester verloren. Sie sind schwerkrank. Sie wurden missbraucht und gedemütigt. Ihr Vater hat die Mutter ermordet. Die Mutter hat ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt und sie haben ihre Mutter gefunden - das sind die Schicksale von Kindern aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis, die mit der „Hoffnungsflotte“ des Sprockhöveler Vereins sunshine4kids in See stechen. Pfingsten fand auf dem Ijsselmeer die erste Tour 2019 statt. Danach gibt es eine Hamburger Hoffnungsflotte, und im August geht es an die Ostsee.

Was 2007 klein begann, hat große Ausmaße angenommen: Damals gründete Gaby Schäfer (45) den Sprockhöveler Verein „sunshine4kids“, der sich auf Segelangebote für Kinder in schwierigen Lebenssituationen spezialisierte. Sie hat sich allerdings nicht vorstellen können, welche Dimensionen die Hilfe annehmen würde. „Noch nie haben wir so viele harte und kaum vorstellbare Schicksale von Kindern gehabt wie bei dieser Hoffnungsflotte zu Pfingsten“, erzählte Gaby Schäfer beim Kennenlerntag in Sprockhövel in der „Oase“ am Fritz-Lehmhaus-Weg, dem Kinder- und Jugendtreff des Vereins, der aber offen ist für jeden Sprockhöveler.

40 Kinder zwischen 10 und 17 Jahren sind neun Tage auf dem Ijsselmeer unterwegs, begleitet von 40 Erwachsenen. Ehrenamtliche Skipper, Ärzte, Therapeuten und viele andere Menschen, werden alles tun, um ihnen sorgenfreie Tage zu ermöglichen. „Wir sind mit verschiedenen Institutionen vernetzt, die mit den Kindern Kontakt haben. Das können Einrichtungen sein, in denen die Kinder leben oder Krankenhäuser oder Trauergruppen – das ist unterschiedlich. 13 Segelyachten waren bis heute auf dem Ijsselmeer unterwegs, die zwei bis vier Kinder an Bord haben. Am heutigen 13. Juni werden sie in Lemmer am Ijsselmeer ein großes Hoffnungsflottenfest feiern. Die Besatzung von jedem Boot hat mit den Kindern etwas einstudiert, und das zeigen sie dann ihren Angehörigen, die zum Fest dazu kommen“, so Gaby Schäfer. Präsentieren werden die Kinder dann auch einen ganz besonderen Tanz, den sie in Sprockhövel mit Than eingeübt haben – er ist ein Meister in richtig coolen Moves.

Die Gründung des Vereins vor zwölf Jahren war nicht das Ergebnis einer spontanen Idee, sondern die Konsequenz eines tragischen Unglücks. Damals verunglückte der Ehemann von Vereinschefin Gaby Schäfer tödlich bei einem Verkehrsunfall, und die junge Frau stand mit ihren zwei Kindern allein im Leben. Damals entdeckte sie mit ihren Kindern im „Unterwegs sein“ und im Segeln auf dem Wasser eine ganz besondere Kraft. Diese Kraft und Hoffnung Kindern zu vermitteln, das ist ihr und den vielen Helfern ein Anliegen.

Rund 2000 Kinder und Jugendliche waren in den zwölf Vereinsjahren unterwegs, immer begleitet von einem erfahrenen Therapeutenteam. „In der Regel nehmen wir immer eine Mischung von Kindern mit, die das Projekt kennen, und Neulingen. Diese Hoffnungsflotte zu Pfingsten startete komplett mit Kindern, die noch nie auf einem Segelboot waren“, erzählt Gaby Schäfer.

Der Kennenlerntag fand deshalb natürlich im nassen Element statt – im Hallenbad bot der Schwelmer Tauchclub ein Schnuppertauchen an, an dem 21 der Kinder teilnahmen. Das Ergebnis: alle waren begeistert und einige möchten den Tauchschein erwerben – was man ihnen kostenneutral ermöglichen möchte.

„Alle unsere Angebote sind für unsere Kinder nicht mit Kosten verbunden. Wir haben ein großes ehrenamtliches Netzwerk mit vielen helfenden Händen, die das ermöglichen“, so Gaby Schäfer. Dazu gehört auch das Unternehmen Creditreform Hagen. Sie haben eine Bootspatenschaft, und die Auszubildenden des Unternehmens nehmen regelmäßig an der Hoffnungsflotte teil – verbesserte Sozialkompetenz inklusive. Oder die Firma Monolith, die zum Kennenlerntag einen Grill verschenkte, der natürlich sofort ausprobiert wurde.

Kontakte zu Til Schweiger, Veronica Ferres und Patricia Kelly, Treffen mit Politikern, Auszeichnungen wie die Zugehörigkeit zu den besten Sozialprojekten Deutschlands, der Menschlichkeitspreis von „Bild der Frau“ oder der Verdienstorden des Landes NRW, helfende Hände von Skippern, Unternehmen und Privatpersonen – all das trägt dazu bei, dass die Kinder und Jugendlichen eine unbeschwerte und sorgenfreie Zeit an Bord genießen können. „Die zweite Hoffnungsflotte führen wir mit 20 krebskranken Kindern in Hamburg durch. Eine dritte Hoffnungsflotte wird es im August in der Ostsee geben. Hier ist noch eine Teilnahme möglich“, so Schäfer.

Die Kinder spüren Zusammengehörigkeit

Die Hoffnungsflotten sind auch ein Garant für die schönen Momente des Lebens. Etwa wenn bei strahlendem Sonnenschein die Kids Lieder wie „An Tagen wie diesen“ singen, wenn sie Zusammengehörigkeit, Wärme und Liebe spüren und erkennen, dass sie nicht allein mit ihrem Schicksal sind, oder wenn jemand wie Tim als sunshine-Kind zur Hoffnungsflotte kam, in eine Ausbildung zum Bürokaufmann vermitteln wurde und jetzt als Skipper an Bord ist. In Momenten wie diesen wächst ein sozialpädagogisches Projekt über sich selbst hinaus.

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