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Pandemie eröffnet neue Wege in der Flüchtlingssozialarbeit

Sozialwesen : Pandemie eröffnet neue Wege in der Flüchtlingssozialarbeit

Technik soll helfen, in der Pandemie in Kontakt mit den Migranten zu bleiben – andere Angebote fallen aber weg. Wir haben mit AWO und Stadt gesprochen.

„Früher haben wir keine Beratung über Videokonferenz angeboten“, sagt Sabine Görke-Becker. Doch die Pandemie zwang die Abteilungsleiterin der Migrationsdienste bei der Awo Ennepe-Ruhr und ihre Mitarbeiter neu zu denken. Eigentlich sollte der Kurs „Sprachorientierung: Deutsch für Frauen mit Kinderbetreuung“ im März 2020 als Präsenzunterricht stattfinden. Wegen des Lockdowns startete der Kurs nicht nur mit einiger Verspätung, sondern auch digital.

„Unsere Mitarbeiterin Jessica Jung hat tolle Vorarbeit geleistet. Sie hat jede Teilnehmerin besucht, die Ausstattung und die Internetverbindung geprüft und erklärt, wie die Frauen auf das Portal zugreifen können“, so Görke-Becker. „So konnten wir eine Reihe von Frauen erreichen.“

Das ist nur ein Beispiel, wie sich die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr auf die Arbeit der Flüchtlingssozialarbeit in Sprockhövel ausgewirkt hat. Die Awo Ennepe-Ruhr ist ein Kooperationspartner der Stadt. Die beiden Sozialarbeiter von Sprockhövel boten während des ersten Lockdowns keine persönliche Beratung an. „Der Kontakt lief über Telefon, E-Mail und Whatsapp“, sagt Evelyn Müller vom Fachbereich Soziales.

Dadurch war es schwieriger, „verwaltungsmäßige Dinge“ abzuwickeln, die man vor Ort einfacher durchsprechen kann. Auch regelmäßig Kontakt zu halten, um sich zu Themen wie die berufliche, familiäre und schulische Situation auszutauschen, sei schwieriger gewesen.

In den Gemeinschaftsunterkünften hatte sich die Stadt mit Extra-Containern darauf eingestellt, dass es einen Corona-Ausbruch geben könnte. 2020 gab es eine Person, die positiv getestet wurde. „Sie wurde alleine woanders untergebracht, so dass Ansteckungen verhindert werden konnten“, erklärt Müller. Insgesamt rief die Pandemie unterschiedliche Reaktionen hervor.

Geflüchtete kommen aus
30 verschiedenen Nationen

„Manche litten darunter, dass ihre Jobs in kontaktreichen Berufen wie der Gastronomie wegfielen, andere waren erleichtert darüber, dass kaum zwangsweise Rückführungen stattfanden“, sagt Müller.

Insgesamt sei das Verständnis für die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie da. Dabei halfen Informationen in verschiedenen Sprachen. „Der Kreis der Personen, die herkommen, ist unglaublich groß“, so Müller. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Stadt Geflüchtete aus 30 Nationen. Die zahlenmäßig größten Gruppen kommen aus Afghanistan, Guinea, dem Kosovo, Nigeria, Serbien und Syrien. „Da ist es von Vorteil, dass die Flüchtlingsbetreuer viele Sprachen sprechen und sich in der Muttersprache mit den Menschen unterhalten können“, so Müller. Die meisten Migranten sprechen bei ihrer Ankunft kein Deutsch, manche auch kein Englisch oder Französisch.

Viele Integrationsangebote sind aufgrund der Pandemie ausgefallen, unter anderem die Veranstaltungsreihe „Die Farben meiner Heimat“, in der die Stadt gemeinsam mit Migranten seit 2016 ausgewählte Länder vorstellt. Auch Schwimmkurse für Geflüchtete wurden ab März 2020 eingestellt. Die Kurse haben unter anderem das Ziel, „Türen zum Vereinsleben zu öffnen“ und Flüchtlinge zu befähigen, am sozialen Leben teilhaben zu können. „Man wartet nur darauf, dass man es wieder angehen kann“, sagt die Sozialdezernentin Müller.

Der Kooperationspartner Awo Ennepe-Ruhr zieht ein positives Fazit. „Wir haben uns mit dem Thema Digitalisierung wegen Corona intensiv auseinandersetzen müssen“, sagt Sabine Görke-Becker. Es sei hilfreich gewesen, um die Frauen zu erreichen, die wegen der Kinder häufig nicht aus dem Haus kommen. Es habe funktioniert und die Frauen hätten es angenommen. „Digitale Programme sind eine sinnvolle Ergänzung“, glaubt sie. Ersetzen werden sie den Präsenzunterricht aber nicht. Die Awo plant aber, digitale Hilfsmittel weiterhin einzusetzen. „In einem Flächenkreis wie Ennepe-Ruhr können sie eine Erleichterung sein“, so Görke-Becker. Dann könne man auch darauf verzichten, jedes Mal zum Sitz der Awo Ennepe-Ruhr nach Gevelsberg zu fahren.