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Milch in die Gülle – das tat weh

Milch in die Gülle – das tat weh

In den vergangenen Tagen hatten fast alle Milchbauern der Region die Liefermenge an die Molkereien drastisch reduziert.

Sprockhövel. Aufatmen auch auf Sprockhöveler Milchbauernhöfen, als gestern die ersten Discounter im Preisstreit einlenkten und der Bundesverband der Milchviehhalter (BdM) seine Mitglieder zum Ende des Milchboykotts aufrief. Nach abwartendem Start hatten sich zuletzt auch in Sprockhövel viele Landwirte an dem Boykott beteiligt - die Milchmenge, die sie an die Campina-Molkerei in Köln liefern, zumindest drastisch reduziert.

"Der Entschluss ist mir und meiner Frau nicht leicht gefallen, aber jetzt bin ich froh, dass es zum Erfolg geführt hat und ich meine Milch nicht mehr wegschütten muss", sagte Volker Stens gestern. "Das tat schon weh." Stens hält auf seinem Hof in Schee 120 Milchkühe.

Seit einer Woche ließ er nur 20 Prozent der üblichen Menge in den Tankwagen der Molkerei laufen. Nicht nur wegen der finanziellen Verluste für ihn ein schwerer Schlag. Milch als Dünger - das gehe eigentlich nicht. Aber er wollte auf jeden Fall Solidarität zeigen.

Solidarität auch mit denjenigen Kollegen, die gestern noch einmal vor der Zentrale von Aldi Nord in Essen demonstrierten. Unter ihnen war auch der Kreisvorsitzende des Landwirtschaftsverbands Ennepe-Ruhr/Hagen, Friedrich Flüs. Als einer der letzten Konzerne hatte sich Aldi noch der Forderung nach einem höheren Preis für die Erzeuger verschlossen, setzte sich nun aber an den Verhandlungstisch.

Den Druck auf die Konzerne erhöhen - das hatte sich auch Dirk Gelbrich gesagt, als er am Dienstag erstmals seine Liefermenge drastisch reduzierte. So viel, um gerade noch die Verträge mit Campina zu erfüllen. "Zuletzt haben hier in der Gegend eigentlich alle mitgermacht", sagte er.

Am Morgen seien die ersten Leute auf den Hof gekommen und hätten nach Milch gefragt. "Die haben sie natürlich gekriegt", sagt er. Dass sie 65 Cent pro Liter zahlten, spielte angesichts der Einnahmeausfälle für viele hundert Liter täglich kaum eine Rolle. Auch Gelbrich leitete zuletzt Milch in den Gülletank.

Tierischer Nachwuchs - nämlich Kälber - profitierte auf dem Hof Krewert davon, dass auch diese Familie ihre Liefermenge an Campina zurückgefahren hatte. Einerseits haben die Krewerts das Kraftfutter für die Milchkühe abgesetzt, um weniger Milch zu erhalten, andererseits verfütterten sie auch Milch.

Normalerweise erhalten die Kälber nur angerührte Trockenmilch. "Die mussten sich auch umstellen", sagte Gertrud Krewert. Milch wegzuschütten, das habe sie aber nicht übers Herz gebracht. "Man ist ja Christenmensch", sagt sie. Andererseits ist sie froh, dass der Bauernprotest nun doch Wirkung zeigt und sie vielleicht einen winzigen Teil beitragen konnte. "Wenn Milch nicht mehr fair bezahlt wird, können wir hier zumachen", sagt sie.

Auch Heinrich Jacobi und Sohn Stephan haben zuletzt einen Teil der Milch ihrer 60 Kühe an ihre Kälber verfüttert. "Wenn es nächste Woche noch keine Einigung gegeben hätte, hätten wir auch vor einem totalen Milchboykott nicht zurückgeschreckt", versichert Jacobi Senior