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Haßlinghauser Pflegedienst verweigert Patientin die Betreuung

Coronavirus : Corona: Pflegedienst will Patientin nicht mehr behandeln

Anderthalb Tage war die Seniorin auf sich allein gestellt. Ihre Tochter wechselte daraufhin das Unternehmen.

„Frau Wieland, Sie sind in Quarantäne“, durfte sich Helga Wieland-Polonyi mehrmals lautstark betont am Telefon anhören. Da sie als Lehrerin an einer Schule in Bochum tätig ist, wurde sie sicherheitshalber berufsbedingt unter Quarantäne gestellt, allerdings ohne jegliche Symptome. Wegen dieser Maßnahme verweigerte ein Pflegeunternehmen aus Haßlinghausen ihrer 99 Jahre alten Mutter, die nicht im selben Haus wohnt, zunächst die Fortsetzung der täglichen Versorgung. Am 17. März informierte man erst die Patientin, dass die Pflege ab sofort eingestellt würde, bevor diese unter Tränen ihre Tochter anrief, um ihr von der Sache zu erzählen. Die Begründung des Pflegedienstes: man hätte nicht genügend Schutzkleidung und ohne dürfe man das Haus der Patientin nicht betreten. Und dies, obwohl bisher keine Indikation und auch keine Symptome vorliegen, weder bei ihr noch bei der Mutter.

„Wir waren beide am Boden zerstört und wussten nicht, was wir tun sollten“, sagt Helga Wieland-Polonyi im Gespräch mit der WZ. „Ich war in Quarantäne, meine Schwester konnte gesundheitsbedingt auch nicht und sonst war niemand da, der hätte helfen können.“ Das ließ die, auch bei den Freien Wählern engagierte Lehrerin, nicht auf sich sitzen und ein Hin und Her in Form von vielen Telefonaten und E-Mails begann, um die Betreuung doch noch aufrecht erhalten zu können. Kühl und ohne jegliche Emotionen habe man ihr erklärt, dass eine Pflege nicht mehr möglich sei. Sie suchte sich Rat beim Gesundheitsamt Ennepe-Ruhr-Kreis, das ihr versicherte, Schutzkleidung sei nicht nötig, wenn der zu behandelnde Patient keine Symptome zeigt.

Vertrauen in den Pflegedienst
ist erschüttert worden

Auch Ingo Niemann, Mitarbeiter der Pressestelle des Gesundheitsamtes, bestätigt dies noch einmal: „Die Dame könnte ja genauso gut rausgehen, wenn sie nicht pflegebedürftig wäre. Warum sollte man dann Schutzkleidung benötigen?“

Nachdem der Pflegedienst aber am Abend des 17. März und auch am darauffolgenden Tag nicht kam, blieb ihr nichts anderes übrig, als diesen zu kündigen und sich nach einem anderen umzusehen, erklärt sie. Obwohl die Leiterin am Nachmittag des 18. März ihre Entscheidung revidierte und eine Betreuung am nächsten Tag zusagte, wollten Wieland-Polonyi und ihre Mutter Sicherheit und wechselten den Dienst.

Die AWO sprang kurzfristig ein und konnte dann direkt am Morgen des 19. März, nach anderthalb Tagen ohne Pflege, die Versorgung übernehmen. „Dafür bin ich sehr dankbar“, betont Wieland-Polonyi. Das Vertrauen in das andere Unternehmen sei allerdings tiefgreifend gestört, zumal die Leiterin des Pflegedienstes datenschutzrelevante Daten an Dritte weitergegeben haben soll. Eine ihr unbekannte Ärztin aus Haßlinghausen habe sie angerufen und ihr mitgeteilt, dass die Pflegedienstleiterin bei ihr war und sich Rat suchte wegen der Quarantänesituation. Eine Aussage der Verantwortlichen war bis zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Im Nachgang hat sich herausgestellt, dass das Testergebnis von Helga Wieland-Polonyi negativ ist.

Dennoch habe sie Verständnis für die Ausnahmesituation, in der sich alle, aber vor allem Pflegepersonal, aktuell befinden: „Die meisten gehen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Feuerwehr und Polizei, Lebensmittelhändler, Ärzte, Pflegepersonal, sie alle bemühen sich in dieser schweren Lage, besonders alten und kranken Menschen zu helfen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Das finde ich bemerkenswert.“ Nur die Art und Weise, wie man mit ihr und ihrer Mutter gesprochen habe, sei nicht richtig gewesen. Denn Solidarität und Menschlichkeit seien, ihrer Meinung nach, das Gebot der Stunde.

Im Nachgang hat sich herausgestellt, dass das Testergebnis von Wieland-Polonyi negativ ist und sie zur Kategorie 2 gehört, also jenen Personen, die keinen engeren Kontakt mit einem mit dem Coronavirus infizierten Menschen hatten.