Historie: Erinnerungen an die Vergangenheit unter Tage

Historie : Erinnerungen an die Vergangenheit unter Tage

Beim wiederbelebten Bergmannstag konnten Besucher die Zeit des Schwarzen Goldes nacherleben.

„Glückauf“, so lautete der Gruß am Wochenende in und um die „Gute Stube“ Sprockhövels, das Domizil des Heimat- und Geschichtsvereins an der Hauptstraße, wo man sich zum 56. Sprockhöveler Bergmannstag traf.

Vor einem Jahr hatte der selbstständige Kaufmann Uwe Peise die Tradition aus dem Jahr 1904 nach rund einem halben Jahrhundert Pause wieder aufleben lassen. Und nun wollen sich die Bergbau-Interessierten möglichst alljährlich treffen, um nicht nur in Erinnerungen zu schwelgen, sondern diesen Kultur- und Industriezweig für die heutige und die nachfolgenden Generationen wieder erlebbar zu machen.

Offenbar erinnern sich die Sprockhöveler gern daran, dass ihre Heimat zu den ersten Stätten gehört, an denen das „schwarze Gold“ aus der Erde geholt, gefördert und in die aufstrebende Werkzeugindustrie des bergischen Landes gebracht wurde.

Kohle, das war einst die Quelle des Reichtums für viele Sprockhöveler, wie Uwe Peise in seinem Eröffnungsvortrag erklärte. „Die prächtigen Fachwerkhäuser hier würde es ohne die Erträge aus dem Bergbau nicht geben. Der kann in Sprockhövel auf eine rund 500 Jahre alte Tradition zurückblicken.“

Mit dem 80 Jahre alten Horst Schlottmann war auch ein ehemaliger Kumpel in der Heimatstube vor Ort. Und der geriet fast ins Schwärmen, als er von seiner 16-jährigen Tätigkeit unter Tage auf „Alte Haase“ sprach. „Klar, wir haben damals malocht. Aber was den Zusammenhalt untereinander angeht, der war im Pütt einmalig. Ich möchte diese Zeit nicht missen“, so der drahtig und topfit wirkende Senior. „Und die Ausbildung war einfach klasse. Als Alte Haase geschlossen wurde, habe ich sofort wieder Arbeit gefunden, denn ehemalige Kumpel wurden überall, wo man anpacken und Geschick haben musste, gern genommen.“

Peise berichtete, dass der Sprockhöveler Bergmannstag bis in die 1950er Jahre bis zu 300 Teilnehmer hatte. Er sei von der Crème des Ruhrbergbaus besucht und oft auch als Möglichkeit gesehen worden, an bessere Positionen in anderen Zechen zu kommen.

Besucher, die keinen Platz mehr im „Konferenzraum“ des Heimatmuseums fanden, hatten Gelegenheit, die vielen Sehenswürdigkeiten in den Vitrinen zu studieren. Die Nachbildung von „Alte Haase“ von 1060 fand ebenso viele Interessenten wie die Entwicklung des „Geleuchts“, der Grubenlampen nämlich, oder die Bekleidung unter Tage einschließlich des „Arschleders“ und des Werkzeugs, mit dessen Hilfe in den Flözen die Kohle gehauen und gefördert wurde.

Dass es ein eminent gefährlicher Beruf war, sagt die Redensart, nach der der Bergmann stets „sein Totenkleid“ trägt. Und so waren viele Bergleute auch tief gläubig und sprachen das ausgestellte Gebet, das mit den Worten „Wir richten, eh wir niederfahren, den Blick, oh Gott, empor zu dir“ begann.

Aber die Heimatstube zeugt auch noch von anderen Sprockhöveler Erwerbsquellen, wie beispielsweise der Produktion von in ganz Europa gefragten Goldwaagen und ihrem geeichten Gewichtssortiment. Oder von der Haßlinghauser Glashütte, die viele Jahre für die Weltfirma 4711 die Parfüm-Flakons geliefert hat. Eine Fundgrube für Alt und Jung, wie auch die Besuche der Schulklassen in der Hauptstraße beweisen.

Viele Besucher trauten
sich in den Stollen

Und Klaus Walterscheid, der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, berichtete, dass er in seiner Zeit als Sprockhöveler Bürgermeister auch so manche Trauung in Sprockhövels guter Stube vorgenommen habe.

Viele der Besucher trauten sich ihrerseits, an den Exkursionen, nämlich der Befahrung der Stollen in „Alte Haase“, „Kohle und Eisenstein“, oder am Sonntag am Besuch des Scherenberger Erbstollens teilzunehmen. „Festes Schuhwerk und Kleidung, die ruhig mal dreckig werden kann“, waren Voraussetzung, und im Scherenberger Erbstollen konnten angesichts des Wasserstandes von 20 Zentimetern auch Gummistiefel ausgeliehen werden.

In jedem Fall wuchs bei allen, die eingefahren waren, der Respekt vor dem Knochenjob unter Tage in neue Höhen.

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