Geschichte Eiserne Jungfrauen: Bevor die Tankstellen nach Schwelm kamen

Schwelm · Bevor es richtige Tankstellen gab, und man Benzin stattdessen in Apotheken, Drogerien, Fahrradwerkstätten, Schmieden und Schlossereien kaufte, gab es kaum Sicherheitsvorschriften für den Kraftstoffverkauf.

 Auf der linken Straßenseite: Scholands Schmiede (das helle Gebäude ) und die Aral-Tankstelle (links im Bild) in der Kaiserstraße.

Auf der linken Straßenseite: Scholands Schmiede (das helle Gebäude ) und die Aral-Tankstelle (links im Bild) in der Kaiserstraße.

Foto: Sammlung Foto Schneider

Als Behälter nahm man beliebige Kanister, Glaskaraffen oder ausgemusterte Milchkannen. Erst als es immer häufiger zu schweren Unfällen kam, verschärfte man die Vorschriften für den Umgang mit leicht entzündlichen Flüssigkeiten. Das Schwelmer Eisenwerk fertigte schon sehr früh passende explosionssichere Behälter an.

Der Pumpenschrank
am Bordstein

Bevor Tankstellen gebaut wurden, die unseren heutigen ähnlich sahen, vergingen einige Jahre. Der Aufbau einer ersten Infrastruktur für die Treibstoffversorgung begann mit Metallschränken, die am Straßenrand standen. Diese Pumpenschränke oder Bürgersteigpumpen – im Volksmund „Eiserne Jungfrauen“ genannt – standen auch in Schwelm und sie wurden ab den frühen 1920er-Jahren auch im Schwelmer Eisenwerk Müller & Co. produziert. Die stabilen Blechschränke hatten eine Handpumpe und einen Einfüllstutzen, der das Einfüllen des Benzins erheblich erleichterte.

Die „Eisernen Jungfrauen“ standen auf dem Gehsteig vor Läden, Gasthäusern oder Werkstätten. Wer tanken wollte, klopfte am Geschäft an und wurde bedient. Bei den ersten Modellen wurde einfach mit der Hand gepumpt. Später konnte man an Glaszylindern auf einer Skala die gezapfte Benzinmenge ablesen, die dann in den Tank lief. Es gab auch Zwei-Glas-Versionen an denen weitergepumpt werden konnte, während der erste Behälterinhalt in den Tank ablief. Erst nach und nach zogen die Metallkästen auf kleine Tankinseln und später in Tankstellen.

Vielfahrer hatten oft schon ab den 1930er-Jahren eine eigene Zapfanlage. In Schwelm gab es solche Tankanlagen unter anderem bei der 1867 gegründeten Spedition Paul Budde an der Hauptstraße 117 und bei der Bauunternehmung Isselstein an der Kurfürstenstraße. Weitere große Firmen unterhielten eigene Tankanlagen, da die herkömmlichen Tankstellen auf die Bedienung von großen Möbelwagen oder Baufahrzeugen weniger eingerichtet waren.

Der Schwelmer Schmied August Scholand in der heutigen Kaiserstraße 70 bot schon früh Treibstoff an. Zusätzlich zur Schmiede, die er weiterhin betrieb, hatte er eine Tankstelle, die bis Anfang der 1980er-Jahre existierte und an ihrer Bauweise gut zu erkennen ist. Anita Defontaine, geborene Scholand, konnte sich erinnern, dass ihr Großvater, der Schmiedemeister August Scholand, 1934 die Tankstelle in der Kaiserstraße 3 (zu der Zeit Herrmann-Göring-Straße 1-2) erbaute. Es gab dort später mehrere Zapfsäulen der Marke Aral.

Anita Defontaines Tochter Martina Grötschel berichtet, dass ihr Großonkel Hans Scholand die Tankstelle von seinem Vater nach dessen Tod übernahm. Die Schmiede bekam ihr Großvater Franz. Der heutige Ausstellungsraum der Firma Franz Scholand gehörte damals zur Tankstelle. Hans Scholand führte die Tankstelle auch als Reparaturwerkstatt weiter und verpachtete sie dann an Karl Zeppenfeld. Später wurde die Tankstelle geschlossen, 1981 betrieb Alois Decker dort vorübergehend seine Kfz-Werkstatt. Für einige Jahre zog ein Getränkeshop ein, heute befindet sich hier eine TÜV-Abnahmestelle. Die typische Architektur und der Charakter der Tankstelle sind noch erhalten.

Das Schwelmer Eisenwerk ging ab 1949 eine Kooperation mit dem US-amerikanischen Metallbau-Unternehmen Gilbarco ein und produzierte unter dem Namen „Gilbarco Schwelm“ Zapfsäulen für den deutschen und den europäischen Markt. Das Produktlogo des Werks zeigte in geschwungener Linie den Schriftzug „Schwelm“. Durch die weite Verbreitung der Tanksäulen konnte man diesem Schriftzug beinahe weltweit begegnen.

Immer wieder berichteten Schwelmer, dass sie auf Reisen in der Einsamkeit der schottischen Highlands, in Italien, Spanien oder an irgendeinem Ende der Welt getankt hätten, und das Logo auf der Zapfsäule habe sie an die Heimatstadt erinnert. Das Schwelmer Eisenwerk warb sogar dafür, an „Schwelmer Pumpen“ zu tanken. Ein Mitwettbewerber in Salzkotten stellte allerdings ebenfalls Zapfsäulen her. Nach Ölkrisen und der Schließung zahlreicher Tankstellen stellte das Schwelmer Eisenwerk 1990 die Produktion von Tanksäulen ein.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort