Stadtentwicklung: Dem Wiegehäuschen droht der Abriss

Stadtentwicklung : Dem Wiegehäuschen droht der Abriss

Das Gebäude an der Hauptstraße ist nach Ansicht des neuen Besitzers kein schöner Anblick.

Um es vorweg zu sagen: Ein Schmuckstück ist das alte Wiegehäuschen an der Hauptstraße in Niedersprockhövel absolut nicht. Und es gehören wohl viel Fantasie und sicherlich noch mehr Kapital dazu, das Gemäuer mit seinem baufälligen, von zwei dünnen Pfählen gestützten Dach wieder so herzurichten, dass es einen ansehnliches Anblick abgibt.

Die Mauern sind gelb gestrichen, Fensterrahmen und Türen vorn in grün, hinten die gleichen Farben, aber Sprossenfenster ohne Scheiben, die Tür steht offen – das Haus bietet ein Bild der Verwahrlosung und dient tagsüber als preiswerter Dauerparkplatz und in der Dunkelheit sicher auch als ein Ort, an dem Mitbürger ihre Notdurft verrichten können.

Kein Wunder, dass Aden Yaylace, der Besitzer, der das Anwesen von der in Sprockhövel bestens bekannten Familie Lindemann erworben hat, eine Abrissgenehmigung für das alte Wiegehäuschen beantragt hat. „Ich wollte einfach, dass die Hauptstraße an dieser Stelle wieder sauber aussieht“, erklärt der Inhaber einer gegenüberliegenden Pizzeria im Gespräch mit der WZ, nachdem ihn das zuletzt permanente Interesse an der derzeit eher hässlichen Immobilie misstrauisch gemacht hatte.

Doch Aylaces Antrag stieß im Ausschuss für Stadtentwicklung, Denkmalschutz und Wirtschaftsförderung auf Widerspruch. Und zwar seitens der SPD-Ratsherren Holger Hiby und Udo Unterieser. Die meinten nach Durchsicht der umfangreichen Unterlagen: „Das ist ein stadtbildprägendes Bauwerk, das früher eine wichtige Funktion in Niedersprockhövel hatte“, wie Udo Unterieser es auch gegenüber der WZ betonte und damit auch die übrigen Ausschussmitglieder überzeugte.

Viele Bürger erinnern sich
noch gut an die frühere Nutzung

Bei einer Nachfrage in der Heimatstube im Heimat- und Geschichtsverein einige Meter weiter, wo man in gemütlicher Runde Hans-Gerd Burggräfes plattdeutschen Anekdoten lauschte, erinnerten sich noch einige an das alte Wiegehäuschen, an dem Vieh und Feldfrüchte gewogen wurden, und seine vielfältigen Funktionen. Dazu ist auf einem Schild noch folgende Anweisung zu lesen: „Bei achsweisem Wägen von nicht abgekoppelten Fahrzeugen darf keine Achse auf der geneigten Auffahrtsstrecke stehen.“

Der frühere Landwirt Hans Klewer wusste das geheimnisvolle Gebot seinerzeit wohl richtig zu deuten: „Ich bin da noch viel mit meinem Lkw auf die Wiegefläche gefahren und habe ihn voll beladen mit Kartoffeln oder Rüben und leer wiegen lassen.“ Und Günter Halfmeier wusste noch, dass es dort eine Fahrschule und eine Tankstelle gegeben hat. „Ich habe 1949 beim Lindemann noch meinen Führerschein gemacht.“ Auch dass Lindemann früher im hinteren Teil des Gebäudes Landmaschinen verkauft habe, erzählte ein Teilnehmer der Gesprächsrunde.

Aber auch im Kreis der bejahrten Herren wusste niemand mehr etwas davon, dass dort vor der Lindemann-Familie die 1825 gegründete Feilenhauerei Schaub arbeitete, die ein Beispiel für das in Sprockhövel damals beheimatete Kleineisengewerbe darstellte. Die existierte bis 1922, wie die ehemalige Stadtarchivarin Karin Hockamp in ihrem mit Hans Dieter Pöppe 1997 zusammen verfassten Buch berichtet. Und dass das Gebäude als ehemalige Werkstatt, Fahrzeug- und Viehwaage und Tankstelle auf engstem Raum die Entwicklung des Wirtschaftslebens in Sprockhövel dokumentiert.

Es hängen also durchaus noch Erinnerungen an dem alten Wiegehäuschen an der Hauptstraße, und deshalb hat der Ausschuss für Stadtentwicklung, Denkmalschutz und Wirtschaftsförderung auch die Verwaltung damit beauftragt, sich mit dem Eigentümer der Immobilie bezüglich der weiteren Vorgehensweise in Verbindung setzen.

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